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Nachhaltige Wirtschaft im Fokus der "Journée de l'Économie"
Wirtschaft 4 Min. 29.04.2021

Nachhaltige Wirtschaft im Fokus der "Journée de l'Économie"

Online zugeschaltet: der Generaldirektor der Handelskammer, Carlo Thelen. „Wir sind an einer historischen Weggabelung“.

Nachhaltige Wirtschaft im Fokus der "Journée de l'Économie"

Online zugeschaltet: der Generaldirektor der Handelskammer, Carlo Thelen. „Wir sind an einer historischen Weggabelung“.
Foto: Screenshot
Wirtschaft 4 Min. 29.04.2021

Nachhaltige Wirtschaft im Fokus der "Journée de l'Économie"

Marco MENG
Marco MENG
Experten diskutieren auf dem „Journée de l'Économie“ den Übergang zu einer nachhaltigeren Wirtschaft.

Wie gelingt der Übergang zu einer nachhaltigeren Wirtschaft? Was können und müssen Unternehmen und Staaten tun, damit er gelingt? Und was bedeutet das für das einzelne Unternehmen und für die Gesellschaft? Das zu beantworten, stand am Donnerstag und steht am Freitag beim „Tag der Wirtschaft“ im Mittelpunkt. Die Veranstaltung findet zum 14. Mal statt und wird von Wirtschaftsministerium, der luxemburgischen Handelskammer und dem Industrieverband Fedil in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen PwC Luxembourg organisiert. 

Die regulatorische Agenda rund um ökologisches und sozial verantwortliches Handeln („ESG“) ist komplex. „Die Auswirkungen auf den Finanzsektor könnten erheblich sein – sowohl in Europa als auch in Luxemburg“, so PwC Luxembourg. „Luxemburg befindet sich aufgrund der Größe und der internationalen Bedeutung seines Finanzplatzes mitten in dem, was manche als einen echten Paradigmenwechsel bezeichnen.“ 

„Die Pandemie änderte vieles“, sagt Carlo Thelen, Generaldirektor der Handelskammer, „auch die Art, wie wir arbeiten, und sie zeigte, dass die Hälfte der Jobs in Luxemburg auch über Telearbeit funktionieren.“ Immer mehr werde es zum Allgemeinwissen, dass allein Profite zu erwirtschaften, nicht einziges Ziel von Unternehmen sein könne, sondern dass Unternehmen auch Verantwortung gegenüber der Umwelt und der Gesellschaft haben. 

Der Staat habe darum früh schon eine Strategie zur nachhaltigen Entwicklung Luxemburgs auf den Weg gebracht, inklusive einer Strategie zur Förderung der Kreislaufwirtschaft. Auch die Handelskammer hat dazu eine Arbeitsgruppe eingerichtet, um das Know-how in diesem Bereich zu bündeln und Unternehmen bei der Umsetzung zu helfen. „Wir sind an einer historischen Weggabelung“, so Thelen, an deren einem Ende eine nachhaltige Wirtschaft steht. 

Nachhaltigkeit braucht Investitionen 

Zentral bei der Umgestaltung der Wirtschaft sind die Finanzen, denn ohne Investitionen wird es nicht gehen. Die Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Transformation und welche Rolle dabei die Finanzmärkte spielen, darüber hat die britisch-südafrikanische Ökonomin Ann Pettifor, Direktorin der Denkfabrik Policy Research in Macroeconomics (PRIME), bereits einige Bücher geschrieben. 

Die Finanzexpertin fordert seit Längerem ein Ende des „billigen Geldes“ (Nullzinspolitik) und stattdessen eine Umgestaltung des internationalen Finanzsystems, damit der öffentlichen Hand Gelder für den ökologischen Umbau zufließen. Derzeit werde mit Billionen-Krediten hingegen vor allem die nicht nachhaltige Produktion von Unmengen an Konsumgütern finanziert. Pettifor wies gestern darauf hin, dass der Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft auch ein Wandel der Energiequellen sei. 

Weg von Erdöl und Kohle, hin zu Solar und Wind. Allerdings sind auch die neuen Formen der Energieerzeugung abhängig von seltenen Metallen, die oft in totalitären Staaten zu finden sind, wie China oder dem Kongo. Die Gefahr besteht, dass auch die „grüne Technologie“ mit dem Ausplündern der Erde beginnt – und auch Rohstoffe wie Seltene Erden oder Palladium sind endlich.„Wir müssen darum mit dem Denken von unendlichem Wachstum aufhören“, so Pettifor.

Wie Mireille Martini vom OECD-Umweltdirektorium betont, wird der EU-Aktionsplan für nachhaltige Finanzierungen überarbeitet. Mit einem Klassifizierungssystem („Taxonomie“) will Brüssel nachhaltige Finanzen fördern – vor allem Investitionen in Wirtschaftsaktivitäten, die CO2-arm sind oder einzusparen helfen. Eine Schwierigkeit dabei sei zu definieren, was überhaupt unter „nachhaltig“ verstanden wird. Das sei aber dringend nötig. 

Um die Investmentfonds in Luxemburg dazu zu veranlassen, mehr in grüne und nachhaltige Aktivitäten und Unternehmen zu investieren, wurde im Haushaltsgesetz für 2021 der Steuersatz für Fondsvermögen, die der EU-Taxonomie entsprechend angelegt werden, auf 0,05 Prozent halbiert. „Luxemburg spielt eine Schlüsselrolle bei der Finanzierung einer nachhaltigen Wirtschaft“, betonte Martini. 


Steam and smoke is seen over the coal burning power plant in Gelsenkirchen, Germany, on Wednesday, Dec. 16, 2009. Coal power plants are among the biggest producer of CO2, that is believed to be responsible for climate change. Delegates from 193 nations at a U.N. climate talks conference in Copenhagen are deadlocked in talks on a deal to curb global warming. (AP Photo/Martin Meissner)
Finanzplatz Luxemburg will von „Green Finance“ profitieren
Mit ihrer Klassifizierung für Finanzprodukte hofft die EU auf eine Welle an Investitionen für eine CO2-arme Wirtschaft. Doch manche ESG-Standards sind umstritten.

Zwar verlangt die EU ein Nachhaltigkeitsreporting von Unternehmen; was allerdings ebenfalls noch nicht definiert ist, sind negative Konsequenzen für Unternehmen, die Nachhaltigkeitsziele nicht anstreben, nicht umsetzen oder nicht erreichen. 

Stefan Speck von der Europäischen Umweltagentur EEA betont, dass es zweierlei bedarf: Ansporn durch Vergünstigungen und Bepreisung von Umwelt- und Sozialschädlichem. Zuckerbrot und Peitsche: Nachhaltigkeit muss sich finanziell auszahlen, genauso wie Nicht-Nachhaltigkeit kosten muss. Eine gut gestaltete Steuerreform könne Wirtschaftswachstum fördern und gleichzeitig den Ausstoß von Treibhausgasen senken. 

„Eine CO2-Steuer muss nicht unbedingt eine insgesamt höhere Steuerbelastung bedeuten“, so Speck. Serge Allegrezza, Generaldirektor des Luxemburger Statistikamtes und verantwortlich für das Observatorium für Wettbewerbsfähigkeit im Wirtschaftsministerium, erinnerte an die „Gelbwesten-Proteste“ in Frankreich und daran, dass Steuererhöhungen auch eine soziale Komponente haben müssen, damit der Wandel zu mehr Nachhaltigkeit gelingt. Auch müssten unbedingt Investitionen in Technologien gefördert werden, denn Digitalisierung und Effizienzverbesserungen trügen ebenfalls zu mehr Nachhaltigkeit bei. 

„Dass die Maximierung der Profite nicht das Wichtigste ist, das wissen auch die meisten Unternehmer“, erklärte Wirtschaftsminister Franz Fayot. Auch er sieht in der Digitalisierung eine große Chance auf dem Weg zu einer nachhaltigen Ökonomie: beides gehe Hand in Hand. Digitalisierung helfe nicht nur dabei, Luxemburg einen Nach-Covid-Aufschwung zu bringen, sondern festige auch die Nachhaltigkeit der Luxemburger Wirtschaft der Zukunft, so Fayot.

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