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Mut zum Querdenken
Wirtschaft 5 Min. 23.07.2019 Aus unserem online-Archiv

Mut zum Querdenken

Mut zum Querdenken

Foto: Anouk Antony
Wirtschaft 5 Min. 23.07.2019 Aus unserem online-Archiv

Mut zum Querdenken

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
Michel-Edouard Ruben, Senior Economist bei Idea, beschäftigt sich mit der Zukunft von Gesellschaft und Arbeit.

Seine ungewöhnliche Geschichte beginnt am 12. Januar 2010, Punkt 21.35 Uhr: Haiti wird von einem schweren Erdbeben erschüttert, 316 000 Haitianer verlieren ihr Leben, fast zwei Millionen sind innerhalb von Minuten ohne Obdach. Michel-Edouard Ruben ist damals 25 Jahre alt, der frischgebackene Wirtschaftswissenschaftler verdient sein Geld als Tellerwäscher in Bordeaux – und betet nach der Schreckensnachricht aus der Karibik 24 Stunden für das Überleben seiner Familie. Eine "bittere Erfahrung" verrät er, auch wenn er persönlich Glück gehabt hat, denn aus seiner Familie sei niemand gestorben.

Vom Wiederaufbau der Karibikinsel kann sich Michel-Edouard Ruben jedes Jahr selbst ein Bild vor Ort machen: "Ich besuche meine Verwandten jedes Jahr", sagt der Wirtschaftsexperte, der heute die westliche Kultur ebenso gut kennt, wie die Realität in einem der ärmsten Länder der Welt. "Was meine Analysen ausmacht, ist vielleicht die Tatsache, dass ich Haitianer bin."

Längst gehört Michel-Edouard Ruben zu den Denkern bei "Idea" – dem 2013 von der Handelskammer initiierten Luxemburger Think Tank. Der Senior Economist liebt es, "out of the box" zu denken – wer seine zahlreichen Publikationen und Studien liest, weiß dass er sich gerne dem gesellschaftlichen und ökonomischen Mainstream entzieht. Er forscht und berät – sei es zum Wohnungsmarkt, zur Zukunft der Arbeitsprozesse oder zu den Auswirkungen der Digitalisierung. "Argumentieren", lautet seine Devise: "Ein Ökonom, der inhaltlich relevante Dinge sagt, muss seine Vorschläge mit guten Argumenten belegen können."

Und sein Blick reicht weit. Wohin driftet die luxemburgische Wirtschaft, die Gesellschaft? Wie kann man auf den Markt einwirken, damit sich die Verhältnisse bessern? Wie kann man die Probleme auf dem Wohnungsmarkt lösen? Wie kann man die Wettbewerbsfähigkeit und die Produktivität der Wirtschaft verbessern? Seit sechs Jahren beschäftigt sich der heute 34-Jährige mit solchen Prozessen. Und findet Inspiration auch bei den ganz Großen: Marx, Keynes und Robinson – drei Denker, deren Gesellschaftstheorien ihn beeinflussen.


Handelskammer setzt klare Prioritäten
Fachkräftemangel, digitale Zukunft, Internationalisierung: Diese Themen müssen laut Handelskammer Priorität haben.

Aber auch die großen französischen Wirtschaftsexperten unserer Zeit – Olivier Blanchard, Michel Aglietta, Agnès Benassy-Quéré Jézabel Couppey-Soubeyran oder Robert Ghilardi (sein erster Chef) – gehören zu seinen Vorbildern: "Sie alle wissen, wie man schlagkräftige Argumente sammelt und an den Mann bringt." Man könnte meinen, es liegt an der Familie und Erziehung, Dinge anders zu machen. Aber dem ist nicht so. "Ich hatte eine sehr klassische Kindheit", sagt der am 3. Mai 1985 in Port-au-Prince geborene Haitianer und erzählt von "einer Kindheit, geprägt von Religiosität, in der der Katholizismus stark präsent ist". Eine Kindheit, in der "die Eltern prinzipiell immer Recht haben – was ich nebenbei auch sehr gut finde. Also Eltern, die sagen: Es ist nur zu deinem Besten!"

Dankbar ist Michel-Edouard Ruben bis heute auch den Familien Guercy und Tassy, bei denen seine Eltern auf Haiti arbeiteten: "Es waren Freunde meiner Familie, die auf mich geachtet haben, mich in meiner ganzen Schulzeit unterstützt und mich in das Reich der Literatur eingeführt haben."

Nach seiner Schulzeit bei den katholischen Frères de l'instruction chrétienne (FIC) lockt ihn die weite Welt. Mit 18 zieht es ihn nach Frankreich an die Universität von Bordeaux, er macht dort seinen Master in Wirtschaft und internationale Finanzen. Seine Abschlussarbeit zum Thema Subprime-Krise veröffentlicht er im Juli 2008 – vor der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008. "Ich hatte die Chance, von einem Professor betreut zu werden, der zuvor bei der Federal Reserve in New York gearbeitet hat. Er wusste viel über die Ursachen und Auswirkungen der Immobilienkrise in den Vereinigten Staaten. Viele andere sogenannte Experten sprachen ohne gründliche Kenntnisse darüber."

Aufgrund seiner Auseinandersetzung mit diesem Problem hatte Michel-Edouard Ruben während der Finanzkrise 2008 einen Wissensvorsprung: "Ich verstand die Verzweigungen und Hintergründe der großen Immobilienkrise in den USA."

"Ruben Global Economics"

Dass wirtschaftliche Zusammenhänge aber nicht nur theoretische Gebäude sind, sondern sich auch ganz praktisch aufs Leben auswirken, wurde Ruben bewusst, nachdem er nach seinem Studium keinen adäquaten Job fand und nur die Tellerwäscherei blieb. Es musste was passieren – und so kam ihm die Idee, "Ruben Global Economics" herauszubringen, eine Onlinezeitung für Wirtschaftsnachrichten und Hintergrundanalysen.

"Ich schrieb Notizen zur Weltwirtschaft und eigene Analysen und habe – ich weiß kein anderes Wort dafür – alle möglichen Wirtschaftsexperten mit meinen Mails überschwemmt." Immer dann, wenn er einen Ökonomen in Zeitung, Fernsehen und Radio entdeckte, schickte er ihm seine Zeitung – "um ihn wissen zu lassen, dass es mich gibt". Michel-Edouard Ruben bekommt viele Rückmeldungen, aber kein Jobangebot. "So bestand allerdings die Möglichkeit, zahlreiche Kontakte mit Experten aus aller Welt herzustellen oder zu pflegen. Dadurch kenne ich heute noch einige der besten Ökonomen am Pariser Platz."


Terminal multimodal des CFL à Bettembourg/Dudelange - Photo : Pierre Matgé
«Le Luxembourg n'est pas une île»
Le pays a profité de l’intégration européenne d’un point de vue économique, selon la Fondation Idea.

Heute, unter dem Dach der Denkfabrik "Idea" bei der luxemburgischen Handelskammer beschäftigt er sich gerne mit Themen wie dem vermeintlichen Verschwinden der Arbeitsplätze durch Computer und Roboter. "Es wird immer gesagt, dass durch die Digitalisierung Jobs verloren gehen. Tatsache ist zum Beispiel, dass die Initiativen in den Jahren unter Jean-Claude Juncker als Chef der EU-Kommission rund 13 Millionen neue Arbeitsplätze in Europa geschaffen haben". Und: "Viele Unternehmen klagen darüber, dass sie Probleme haben, Mitarbeiter zu finden. Niemand sagt, dass er Schwierigkeiten hat, sich Roboter zu besorgen."

Für Ruben liegt es in der Natur des Menschen, gerne Furcht zu empfinden, sich also Horrorfilme anzuschauen, um anschließend Wohlgefühl und Entspannung zu genießen. Bei der Diskussion über Roboter in der Arbeitswelt sei es ähnlich, denn: "Eine Technologie entwickelt sich immer innerhalb eines regulatorischen und sozialen Rahmens. Die Regulierung hat immer noch echte Macht über die Technologie."

Der Schock, der uns erwartet, ist nicht so sehr der technologische Wandel, von dem alle reden, sondern der demografische Schock, von dem wir nicht genug sprechen.

Und Michel-Edouard Ruben ist sich sicher: „Der Schock, der uns erwartet, ist nicht so sehr der technologische Wandel, von dem alle reden, sondern der demografische Schock, von dem wir nicht genug sprechen. Er stellt Luxemburg vor eine nie da gewesene Herausforderung. Das Älterwerden der Gesellschaft insgesamt ist ein Thema, das hierzulande viel mehr im Mittelpunkt der Debatten stehen sollte."

Gegen die Qualität der Debatten in Luxemburg hat er prinzipiell nichts auszusetzen; was ihn allerdings stört, ist das Schielen mancher Zeitgenossen nach "coolen Lösungen anderswo. Wenn etwas gut funktioniert, ist es nicht unbedingt notwendig, dass man nach etwas Besserem im Ausland sucht. Unsere Wirtschaft ist vielleicht nicht super funky, aber sie funktioniert und wir haben Wachstum." Seine Schlussfolgerung: "Kleine Änderungen sind manchmal besser als große Reformen. Man muss nicht um der Änderung willen etwas ändern, das ist keine Lösung."

Rap und Gedichte

Und was macht Michel-Edouard Ruben, wenn er nicht denkt? Der Wirtschaftsexperte kann vor allem bei französischem Rap entspannen, steht gerne am Herd und schreibt. Das müssen in seiner freien Zeit dann wahrlich keine Analysen sein – sein literarisches Herz schlägt für Gedichte aus eigener Feder. Und "einfach nur draußen die Atmosphäre der Stadt und des Landes genießen, wo es sich besonders gut leben lässt".


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