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Mobiles Bezahlen mit dem Smartphone: Warten auf die Revolution
Die Vision gibt es seit Jahren: Statt der Brieftasche zückt man im Laden einfach sein Handy.

Mobiles Bezahlen mit dem Smartphone: Warten auf die Revolution

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Die Vision gibt es seit Jahren: Statt der Brieftasche zückt man im Laden einfach sein Handy.
Wirtschaft 5 Min. 29.07.2014

Mobiles Bezahlen mit dem Smartphone: Warten auf die Revolution

Mobile Payment gehört zu den großen Zukunftsthemen der ICT-Branche, doch der Funke ist bei den Nutzern noch nicht wirklich übergesprungen.

Von Andreas Adam

Mobile Payment gehört zu den großen Zukunftsthemen der ICT-Branche, doch der Funke ist bei den Nutzern noch nicht wirklich übergesprungen. Technisch betrachtet ist das Bezahlen mit dem Smartphone kein Problem mehr, dennoch greift die Mehrheit der Kunden weiterhin zu Bank- und Kreditkarten oder zahlt die Rechnung an der Kasse gleich in bar.

Von einer Revolution kann bislang keine Rede sein. Zwar drängen immer neue Dienstleister auf den Markt, vor allem im attraktiven Umfeld des Luxemburger Finanzplatzes. Die technisch versierten und gut ausgestatteten Kunden zeigen den Anbietern jedoch überwiegend die kalte Schulter und zahlen weiter wie bisher.

Oft fehlt der echte Mehrwert

„Das Hauptproblem bei den vorhandenen Lösungen für das mobile Bezahlen ist oft der noch fehlende echte Mehrwert“, sagt 
Claude Bizjak, Berater für ICT bei der luxemburgischen Handelskonföderation (CLC). Im Großherzogtum habe man über 10 000 Akzeptanzstellen für Bank- und Kreditkarten. Solange es keinen Anreiz gebe, ein neues Zahlungsmittel zu verwenden, setzten die Leute auf die bewährten Möglichkeiten, so Bizjak. „Die Händler verfolgen die Entwicklung im Bereich des Mobile Payment mit Interesse. Da es von Kundenseite aber keine erkennbare Nachfrage gebe, wissen sie nicht recht, wie sie sich verhalten sollen.“

Jonathan Prince ist Mitbegründer von Digicash Payments in Luxemburg. Das ehemalige Start-up arbeitet heute mit mehreren einheimischen Banken zusammen. Die Zahl der Akzeptanzstellen liegt laut Prince bei ungefähr zehn Prozent von jenen der Kartenbetreiber. „Es hat Jahrzehnte gedauert, bis sich die Kreditkarten als Zahlungsmittel durchgesetzt haben. Das mobile Zahlen wird nicht so lange benötigen“, ist sich Prince sicher. Bis 2020 werde die Hälfte aller Transaktionen per Smartphone getätigt werden, meint er.

Zumindest wird es kaum beim heutigen Zustand bleiben, denn die zahlreichen Anbieter arbeiten an Anwendungen, um den Kunden das mobile Zahlen doch noch schmackhaft zu machen. So kann man bereits per Smartphone zu Hause oder online Rechnungen zahlen, indem auf dem Papier oder auch auf dem Computerbildschirm ein QR-Code eingescannt wird, damit die Daten nicht manuell in Überweisungsträger eingegeben werden müssen. „Das bequemere Zahlen solcher Rechnungen könnte ein Einstiegspunkt sein, der dazu beiträgt, dass sich Kunden an das Zahlen per Smartphone gewöhnen und es auch in Geschäften nutzen“, meint ICT-Berater Bizjak.

Beim Anbieter Flashiz, der in Luxemburg und einer Reihe weiterer Länder vertreten ist, setze man für die Zukunft auf eine verbesserte Kaufabwicklung, sagt Geschäftsführer Chris Marcilla. „Wir haben eine Funktion entwickelt, die es erlaubt, Kundenkarten zu integrieren und so Treue- und Wertpunkte zu sammeln.“ Marcilla ist zuversichtlich, was die langfristige Entwicklung des Mobile Payment anbelangt. Die Kunden änderten ihre Gewohnheiten aber nicht von heute auf morgen.

Intensiveres Einkaufserlebnis

In den kommenden Jahren werden neue Anwendungen auf ein intensiveres Einkaufserlebnis abzielen. Für Jean Diederich, Partner beim Beratungsunternehmen Kurt Salmon in Leudelingen, liegt die Zukunft des mobilen Bezahlens im Omni-Channel-Retailing, wobei das Smartphone in die verfügbaren Verkaufskanäle integriert ist und als Schnittstelle fungiert. „Im Geschäft könnte der Kunde z. B. über sein Mobiltelefon automatisch beim Betreten erkannt werden, um ihm dann anhand seiner Einkaufshistorie und seiner vorab geprüften Kreditwürdigkeit gewisse Produkte zu besonderen Konditionen anzubieten“, sagt Diederich. Manche denken angesichts solcher Szenarien mit Schrecken an den gläsernen Kunden, andere finden es vielleicht ungeheuer praktisch. „Wenn man heute per Kreditkarte zahlt und sein Limit überschreitet, fällt das im Geschäft auch auf“, so Diederich. Würde dies künftig vorab geprüft, könne man sich die Blöße an der Kasse ersparen. Vor allem könnte der Handel an einer solchen Integration Interesse haben. Letztlich wird dort entschieden, welche Systeme angeschafft werden. „Die Händler haben bei der Auswahl der Systeme vor allem ein Interesse daran, eine möglichst günstige Lösung zu haben, bei der sie sicher sein können, dass die Zahlung des Kunden auch tatsächlich ankommt“, sagt Diederich.

Wenn die Kunden das mobile Bezahlen bisher auch noch nicht für sich entdeckt haben, so hat sich ihr Verhalten durch die Nutzung der Smartphones doch bereits verändert. Die Menschen zögern nicht, sich unterwegs über passende Restaurants, neue Produkte oder bessere Preise zu informieren und geben viele persönliche Informationen in den sozialen Medien preis. Das Bezahlen wäre nur ein weiteres Element, und viele Anbieter aus verschiedensten Branchen wollen sich einen Anteil an diesem Milliarden schweren Geschäft sichern. Darunter sind neben Start-ups auch etablierte Player wie Mobilfunk-Anbieter, Kreditkarten-Konzerne, Handelsketten oder Logistiker, die von ihrem bestehenden Kundenstamm profitieren möchten und sich davon ausgehend eine bessere und schnellere Marktdurchdringung versprechen. Das in Luxemburg ansässige E-Money-Institut Yapital gehört beispielsweise zur deutschen Otto-Gruppe. Neben mehreren Ketten des Stationärhandels bietet inzwischen auch schon der Onlineshop Rakuten Yapital als Zahlungsmöglichkeit an.

Unterschiedliche Strategien

Beim Zahlungsvorgang per Smartphone gehen die Dienstleister unterschiedliche Wege. Bei einigen muss vorab ein Guthaben eingezahlt werden, oder es wird per Lastschrift vom Girokonto eingezogen. Kooperiert der Anbieter mit Banken, kann per Smartphone auch eine Überweisung ausgelöst werden. Bei der Technik gibt es keinen einheitlichen Standard. Eine Fraktion setzt auf das Scannen von QR-Codes. Andere bevorzugen Nahfeldkommunikation (NFC) oder Niedrigenergie-Bluetooth (BLE). Manche bieten auch mehrere Möglichkeiten an.

„Damit das mobile Zahlen zum Erfolg wird, müssen die Systeme nicht nur einen Mehrwert bieten, sondern auch sicher und einfach zu handhaben sein“, ist sich ICT-Experte Diederich sicher. Eine technische Harmonisierung auf internationalem Niveau könne seiner Auffassung nach ein Ansatz sein. Doch auch die Smartphone-Hersteller haben ihre eigenen Vorstellungen. So hat Apple z. B. den NFC-Standard bislang ignoriert und dagegen auf BLE gesetzt, während manche Android-Geräte NFC verwenden.

„Es ist in der Branche ein harter Verdrängungswettbwerb im Gange“, sagt Jean Diederich. „Es gibt weltweit unzählige Anbieter, und keiner hat bislang eine kritische Masse erreicht. Es sind einfach zu viele Lösungen und 80 bis 90 Prozent werden mit der Zeit vermutlich wieder vom Markt verschwinden oder aufgekauft werden, sodass wie bei Visa, Amex und Mastercard letztlich nur ein paar übrig bleiben. Wer dazu gehört und ob ein Europäer dabei ist, ist heute nicht vorherzusagen.“