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Mit "Kanal Istanbul" soll die Türkei zur Logistik-Weltmacht werden
Wirtschaft 2 Min. 28.06.2021 Aus unserem online-Archiv
Mega-Projekt

Mit "Kanal Istanbul" soll die Türkei zur Logistik-Weltmacht werden

Türkei, Istanbul: Blick über den Stausee auf den Sazlidere-Damm im Norden der türkischen Großstadt. Der durch Istanbul geplante Kanal vom Marmarameer zum Schwarzen Meer, der durch den Staudamm führen soll, ist ein Prestigeprojekt des türkischen Präsidenten Erdogan.
Mega-Projekt

Mit "Kanal Istanbul" soll die Türkei zur Logistik-Weltmacht werden

Türkei, Istanbul: Blick über den Stausee auf den Sazlidere-Damm im Norden der türkischen Großstadt. Der durch Istanbul geplante Kanal vom Marmarameer zum Schwarzen Meer, der durch den Staudamm führen soll, ist ein Prestigeprojekt des türkischen Präsidenten Erdogan.
Foto: dpa
Wirtschaft 2 Min. 28.06.2021 Aus unserem online-Archiv
Mega-Projekt

Mit "Kanal Istanbul" soll die Türkei zur Logistik-Weltmacht werden

Staatschef Erdogan zelebriert mit Grundsteinlegung den Baubeginn eines Mega-Projekts.

Von LW-Korrespondent Gerd Höhler

Der türkische Präsident nimmt eine „verrückte Idee“ in Angriff, den Bau einer künstlichen Wasserstraße parallel zum Bosporus. Aber der Kanal, der das Schwarze Meer mit dem Marmarameer verbinden soll, ist wirtschaftlich und ökologisch höchst umstritten.

Recep Tayyip Erdogan will „eine neue Seite in der Entwicklung der Türkei aufschlagen“, der Staatschef sieht „einen Sprung nach vorn“. Istanbuls Oberbürgermeister Ekrem Imamoglu dagegen sagt: „Ich bekomme Schweißausbrüche, wenn ich an diesen Kanal denke – er ist ein Alptraum!“ So unterschiedlich sind die Wahrnehmungen.

Präsident Tayyip Erdogan zelebriert den Baubeginn eines Mega-Projekts.
Präsident Tayyip Erdogan zelebriert den Baubeginn eines Mega-Projekts.
Foto: AFP

Kräne, Bagger, Schwerlastwagen und Betonpumpen bildeten die Kulisse, als der türkische Staatschef am Samstag den Baubeginn des „Kanal Istanbul“ zelebrierte. Genauer gesagt ging es um die Grundsteinlegung einer achtspurigen Autobahnbrücke, die den künftigen Kanal überspannen soll. Die künstliche Wasserstraße, 45 Kilometer lang, 275 Meter breit und 20 Meter tief, wird von Karaburun an der türkischen Schwarzmeerküste nach Kücükcekmece am Marmarameer führen. Der Kanal soll täglich 160 Schiffspassagen ermöglichen und so den Bosporus entlasten, die einzige natürliche Verbindung zwischen beiden Meeren. Beiderseits der Wasserstraße sollen Trabantenstädte für 500.000 Menschen entstehen. Die Bauzeit veranschlagt die Regierung auf sechs Jahre, die Baukosten auf umgerechnet 13 Milliarden Euro. Unabhängige Experten beziffern die Kosten allerdings auf bis zu 55 Milliarden Euro und die Bauzeit auf 20 Jahre – wenn der Kanal überhaut gebaut werden kann.

Erdogan: „Eines der umweltfreundlichsten Projekte der Welt“ 

Erdogan selbst sprach von einer „verrückten Idee“, als er das Projekt 2011 vorstellte. Bei der Grundsteinlegung sagte er, der Kanal sei „ein Projekt, das die Zukunft Istanbuls rettet“. Bürgermeister Imamoglu und viele regierungsunabhängige Experten fürchten das genaue Gegenteil. Der World Wildlife Fund warnt vor „irreparablen Schäden“ für die Flora und Fauna der Region. 

Der Umweltingenieur Cemal Saydam von der Hacettepe Universität fürchtet, dass durch den künstlichen Kanal belastetes, sauerstoffarmes Wasser aus dem Schwarzen Meer ins Marmarameer und von dort durch die Dardanellen in die Ägäis fließen und die Fischbestände schädigen wird. Der türkische Naturschutzbund DHKD sieht Gefahren für das Grundwasser und die Trinkwasserversorgung der 18-Millionen-Metropole Istanbul.


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Erdogan sagt dagegen, der Kanal sei „vielleicht eines der umweltfreundlichsten Projekte der Welt“. Die Regierung wischt die ökologischen Bedenken mit Hinweisen auf die angeblichen ökonomischen Vorteile des Projekts vom Tisch. Der Kanal werde die Türkei zum „wichtigsten Logistik-Zentrum der Welt“ machen, schwärmt Verkehrsminister Adil Karaismailoglu. 

Offen ist allerdings, wie das Mega-Projekt finanziert werden soll. Ausländische Investoren ziehen sich aus der Türkei zurück, die Devisenreserven schmelzen dahin, die Defizite im Staatshaushalt wachsen. Mehrere große türkische Banken lassen bereits durchblicken, dass sie sich an der Finanzierung nicht beteiligen werden. Viele Ökonomen sehen in Erdogans Kanal ein Milliardengrab.


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