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Minuszinsen mit fatalen Nebenwirkungen
Wirtschaft 5 Min. 23.12.2019

Minuszinsen mit fatalen Nebenwirkungen

„Man kann ein Pferd zum Wasser führen, aber man kann es nicht zum Trinken zwingen“, sagt Ex-EZB-Vize Vítor Constâncio über die niedrigen Zinsen und die Weigerung von Unternehmen und Regierungen zu investieren.

Minuszinsen mit fatalen Nebenwirkungen

„Man kann ein Pferd zum Wasser führen, aber man kann es nicht zum Trinken zwingen“, sagt Ex-EZB-Vize Vítor Constâncio über die niedrigen Zinsen und die Weigerung von Unternehmen und Regierungen zu investieren.
Foto: Gerry Huberty
Wirtschaft 5 Min. 23.12.2019

Minuszinsen mit fatalen Nebenwirkungen

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
Als EZB-Vize musste Vítor Constâncio sich mit seinen Aussagen zurückhalten. Im Ruhestand kann er frei reden.

Vítor Constâncio war acht Jahre Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Seit seinem Abschied aus dem Amt Ende Mai 2018 nimmt der 74-Jährige, der vorher jedes Wort auf die Waage legen musste, leidenschaftlich zu allen Themen Stellung – ob Geld- und Europapolitik oder USA. Das Handelsblatt nennt ihn den „befreiten Notenbanker“. Bei einem Aufenthalt in Luxemburg stand er kürzlich dem „Luxemburger Wort“ und der Schwesterpublikation „Luxembourg Times“ Rede und Antwort.

Vítor Constâncio, seit mehreren Jahren führt die EZB eine Negativ-Zinspolitik. Wann wird der Leitzins wieder steigen?

Erst müssen Unternehmen und Regierungen mehr investieren, damit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steigt. Ich bin gegen den zu lang dauernden Einsatz negativer Zinsen als Instrument der Geldpolitik. Wenn die Zinsen über einen langen Zeitraum im negativen Bereich liegen, untergräbt das die Profitabilität der Finanzinstitute. Pensionsfonds und Versicherungen geraten in die Bredouille, weil es in der Altersvorsorge immer schwieriger zu garantieren wird, dass die Kunden ihre einmal in einen Rentenvertrag eingezahlten Beiträge noch zurückbekommen. Hinzu kommt, dass das billige Geld auch schwachen Firmen das Überleben sichert, was sich letztendlich negativ auf die gesamtwirtschaftliche Produktivität auswirkt.

Nach seinem Abschied von der EZB im Mai 2018 wurde Vítor Constâncio Professor an der Madrider Universität Navarra.
Nach seinem Abschied von der EZB im Mai 2018 wurde Vítor Constâncio Professor an der Madrider Universität Navarra.
Foto: Gerry Huberty

Trotz dieser Argumente leitet die EZB keinen Ausstieg aus den negativen Zinsen ein.

Vor etwa einem Jahr begannen die Sorgen vor einem weltweiten Abschwung der Konjunktur. Daher ist jetzt kein guter Zeitpunkt, um den aktuellen Kurs zu ändern. Wir sollten uns aber daran erinnern, dass Geldpolitik asymmetrisch wirkt. Sie ist sehr effektiv, um die Inflation zu kontrollieren, aber weit weniger wirksam, um die Preise steigen zu lassen, wenn die Wirtschaft schwach ist. Die Idee, dass Zentralbanken die Inflation so lenken können, wie sie wollen, entstand in den '70er- und '80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Historisch gesehen ist das aber falsch. Man kann ein Pferd zum Wasser führen, aber man kann es nicht zum Trinken zwingen.


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Da die Zentralbanken das Wachstum nicht ankurbeln können, liegt der Ball bei der Politik. Was können Regierungen tun, wenn die Geldpolitik alleine nicht mehr ausreicht?

Politiker sollten die extrem niedrigen Zinsen nutzen. Das Geld ist gratis! Derzeit will der Privatsektor mehr sparen als investieren. Deshalb sollte der Staat sein Defizit ausweiten und seine Investitionen sowie das Angebot an Staatsanleihen erhöhen. Das würde zu höheren Zinssätzen und einem dynamischeren Wachstum führen.

Zentralbanken wie die EZB haben sich dem Kampf gegen den Klimawandel angeschlossen. Ist das eigentlich Teil ihres Mandats?

Der Klimawandel ist eine der größten Bedrohungen für die Menschheit. Finanzinstitute sind in Sektoren investiert, die zur Verschmutzung beitragen. Diese Assets könnten künftig an Wert verlieren und damit Probleme für die Finanzstabilität der Banken schaffen. Somit ist der Klimawandel durchaus ein Thema, das Finanzaufseher etwas angeht. Davon abgesehen wird von öffentlichen Institutionen erwartet, dass sie mit dem guten Beispiel vorangehen. Zentralbanken sollten keine Anleihen aus Branchen erwerben, die übermäßig Emissionen verursachen. Die Rolle der Zentralbanken beim Klimaschutz ist aber begrenzt. Die Lösung sind Umweltauflagen, gezielte Besteuerung und öffentliche Investitionen in erneuerbare Energiequellen. Da sind die Regierungen gefordert, nicht die Zentralbanken.

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt will auch im Kampf gegen den Klimawandel aktiv werden.
Die Europäische Zentralbank in Frankfurt will auch im Kampf gegen den Klimawandel aktiv werden.
Foto: AFP

Christine Lagarde stellt die gesamte geldpolitische Strategie der EZB auf den Prüfstand, unter anderem auch das Inflationsziel. Derzeit verfolgt die EZB ein Inflationsziel von nahe, aber unter zwei Prozent. Jetzt ist ein Korridor von 1,5 bis 2,5 Prozent im Gespräch.

Ich halte das aktuelle Inflationsziel für realistisch. Wir brauchen kein „Inflationsband“, um mehr Spielraum zu haben. Bei nach oben gerichteten Schocks, wie dem Anstieg der Ölpreise, der die Inflation über zwei Prozent trieb, da hat die EZB ihre Geldpolitik nicht geändert. Wir wussten, dass diese Schocks zeitlich begrenzt waren. Es gab auch Zeiten, wo die Inflation weit unter der Zwei-Prozent-Marke lag. Wenn überhaupt, würde ich das Inflationsziel ganz einfach auf zwei Prozent festlegen. Jeder weiß, dass der Satz leicht darüber oder darunter liegen kann, aber das Ziel sind zwei Prozent.


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In einem rezenten Interview sagten Sie, der wachsende Graben zwischen Arm und Reich zeige, dass der Kapitalismus dringend reformiert werden müsste. Wie lautet Ihr Rezept für diese Reform?

Eine beunruhigende Konsequenz der wachsenden Ungleichheit nach der Finanzkrise ist der Verlust der Glaubwürdigkeit der Politik. Um dies wieder rückgängig zu machen, muss das Steuersystem geändert werden. Ein Blick auf die Entwicklung der Einkommenssteuern während der letzten dreißig Jahre zeigt, dass in fast allen Ländern die höheren Einkommen immer weniger besteuert wurden. Das hat Konsequenzen. Zum Glück gibt es einen Unterschied in dieser Hinsicht zwischen Europa und den USA. Statistiken über die Einkommensverteilung zeigen, dass in Europa die Ungleichheit nach der Besteuerung reduziert wird. In den USA ist das nicht der Fall.

Die Euro-Gruppe schiebt notwendige Reformen vor sich her und kommt auf keinen grünen Zweig. Was ist die wichtigste Reform, die der Euro braucht?

Derzeit befinden wir uns in keiner existenziellen Krise, die sofortige Veränderungen erfordern würde. Die beiden wichtigsten Punkte auf meiner Wunschliste für eine Reform wären erstens die Beendigung der prozyklischen Finanzpolitik, und zweitens die Schaffung von „European safe assets“, also sichere Anlagen wie beispielsweise Staatsanleihen mit Triple A. Dadurch könnte ein gemeinsamer europäischer Schuldenmarkt mit einem Volumen von 3,5 Trillionen Euro entstehen. Das wäre eine gewaltige Veränderung.

 Vítor Constâncio, war als Ex-Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB) insbesondere für die Bankenunion verantwortlich.
Vítor Constâncio, war als Ex-Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB) insbesondere für die Bankenunion verantwortlich.
Foto: Gerry Huberty

Was würde sich denn durch diese „Safe assets“ ändern?

Das würde den sogenannten „doom loop“ beenden, die „Spirale des Grauens“, die im Krisenfall entstehen kann, wenn Staaten mit dem eigenen Bankensektor eine zu enge Verbindung eingehen. Diese europäischen Staatsanleihen, die z. B. der Europäische Stabilitäts-Mechanismus (ESM) ausgeben könnte, hätten eine sehr geringe Ausfallwahrscheinlichkeit. Sie würden die Gefahr einer neuen Finanzkrise in der Eurozone erheblich reduzieren.

Als EZB-Vize mussten Sie sich mit Ihren Aussagen zurückhalten. Wie fühlt es sich jetzt an, freier reden zu können?

Ich habe mir immer gewünscht, in einer späten Phase meines Lebens einen klaren Geist zu haben und meine Meinung äußern zu können. Hier bin ich! Wenn Sie aber meine früheren Reden schauen, merken Sie, dass sich jetzt im Vergleich zu früher gar nicht so viel geändert hat.


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