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Manipulation bei Abgaswerten: Sieben Fragen und Antworten zur VW-Affäre
Wirtschaft 1 5 Min. 25.09.2015

Manipulation bei Abgaswerten: Sieben Fragen und Antworten zur VW-Affäre

Wirtschaft 1 5 Min. 25.09.2015

Manipulation bei Abgaswerten: Sieben Fragen und Antworten zur VW-Affäre

Jeden Tag erreichen uns neue Meldungen zum Volkswagen-Skandal um manipulierte Abgaswerte. Wir listen die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema auf.

(dpa) - Volkswagen muss ohne Martin Winterkorn weitermachen - der Abgas-Skandal fegte den eigentlich fester denn je im Sattel sitzenden Konzernboss innerhalb weniger Tage aus dem Amt. 

Volkswagen hat eingeräumt, dass es bei insgesamt rund 11 Millionen Fahrzeugen weltweit „Abweichungen“ gebe.
Volkswagen hat eingeräumt, dass es bei insgesamt rund 11 Millionen Fahrzeugen weltweit „Abweichungen“ gebe.
REUTERS

Am Freitag dürfte die beispiellose Affäre weitere Manager Amt und Würde kosten. Noch immer sind die Folgen, die das Diesel-Desaster für Europas größten Autobauer haben wird, nicht absehbar.

Fest steht: Auf den neuen Chef wartet eine riesige Herausforderung, denn schon in normalen Zeiten ist ein Konzern wie Volkswagen mit seinen Baustellen und weltweit rund 600 000 Mitarbeitern schwer zu führen. Wir listen die wichtigsten Fragen und Antworten zum Skandal auf.


Wie viele Autos sind betroffen?

Volkswagen hat eingeräumt, dass es bei insgesamt rund 11 Millionen Fahrzeugen weltweit „Abweichungen“ gebe. Eine genaue und vollständige Liste der betroffenen Modelle gibt es jedoch noch nicht.

Klar ist, dass vier Reihen der Tochter Audi betroffen sind: Der Motor vom Typ EA 189 sei in Modellen des A1, A3, A4 und A6 verbaut worden, sagte ein Audi-Sprecher. Die genauen Baujahre und die Anzahl der Fahrzeuge könnten aber noch nicht genannt werden. Ob die Autos von den Software-Manipulationen betroffen seien, könne man ebenfalls noch nicht sagen, hieß es bei Audi.

Auch Audi ist von dem Skandal betroffen.
Auch Audi ist von dem Skandal betroffen.
AFP

Von den Problemen bei VW sind weitere Töchter betroffen. Innerhalb des Konzerns teilen sich die Unternehmen etliche Bauteile, darunter Motoren und Getriebe. Ein Sprecher von Skoda bestätigte, dass auch bei der tschechischen Tochter die betroffenen Motoren verbaut wurden. Bei aktuellen Modellen gebe es keine Probleme.

Auch Seat bestätigte am Donnerstag, dass in dem Werk der spanischen VW-Tochter Fahrzeuge mit der manipulierten Diesel-Technologie montiert worden seien. Die genaue Zahl sei nicht bekannt, verlautete aus Unternehmenskreisen. Eine Untersuchung solle nähere Aufschlüsse bringen.

Zudem steht die Frage im Raum, ob andere Hersteller ebenfalls bei der Abgasmessung getrickst haben könnten. BMW, Daimler, Ford, Opel und Fiat betonen, sich an alle gültigen Vorgaben gehalten zu haben.


Welche Vorteile hatte VW durch den Schwindel?

  • Einhaltung von Abgas-Grenzwerten: Ohne das sogenannte Defeat Device - die spezielle Manipulations-Software zur Deaktivierung der Abgasreinigung im Normalbetrieb - würden die betroffenen Diesel-Wagen in den USA nicht zugelassen, weil ihr Schadstoff-Ausstoß zu hoch wäre. Fast ein Viertel der in den USA verkauften VW sind Diesel.
  • Mehr Power und Spritzigkeit: „Die Leistung des Autos verringert sich, wenn die Abgasreinigung arbeitet“, erklärt der Anwalt Steve Berman, der bereits am Freitag eine Sammelklage gegen VW auf den Weg brachte. Es gibt auch Fahrer, die ihre Autos selbst durch den Ausbau der Gasreinigung zu mehr Spritzigkeit „tunen“.
  • Senkung des Spritverbrauchs: Durch das Abschalten der Abgasreinigung kommt das Auto mit weniger Sprit aus - ein wichtiger Kaufanreiz. Der Schwindel machte es möglich, die Wagen als „Clean-Diesel“ mit angeblich geringem Schadstoffausstoß, niedrigem Spritverbrauch und zugleich relativ viel Leistung anzubieten.


Wie konnte das „Defeat Device“ die Abgastests austricksen?

Technikexperten gehen davon aus, dass die Software anhand von Steuerung und Gaspedal erkennen konnte, dass sich der Wagen in der Überprüfung befindet. Denn bei den offiziellen Emissionstests in den USA bewegten sich zwar die Räder - das Lenkrad aber nicht. Das sei wohl das Signal gewesen, die Abgasreinigung einzuschalten, sagte Anna Stefanopolou von der Universität Michigan dem US-Magazin „Wired“.

In diesem Video von "The Verge" wird erklärt, wie das "Defeat Device" funktioniert (in englischer Sprache):

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Wieso flog das Ganze letztlich auf?

Durch einen Zufall. 2013 wurden Forscher vom International Council on Clean Transportation (ICCT) stutzig, weil die Messwerte von VW-Diesel-Autos in Europa bei Tests von denen im Normalbetrieb abwichen. Die Gruppe tat sich mit Forschern der Universität von West Virginia zusammen, um Tests in den USA durchzuführen, wo die Abgasvorschriften strenger sind. Einen Schummelverdacht gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Untersucht wurden ein Jetta und ein Passat von VW sowie ein BMW X5. Die Ergebnisse waren ein Schock: Der tatsächliche Abgasausstoß des Jetta lag im Normalbetrieb um das 15- bis 35-fache über dem US-Grenzwert, beim Passat um das 5- bis 20-fache. Nur der BMW verhielt sich normal. Die Forscher informierten die US-Umweltbehörde EPA und die kalifornische Umweltadministration CARB, die eigene Untersuchungen einleiteten.


Ab wann wusste VW von dem Verdacht?

Aus Dokumenten der CARB geht hervor, dass VW bereits 2014 von Verdachtsfällen in Kenntnis gesetzt wurde. Später führte das Unternehmen sogar einen freiwilligen Rückruf der fast 500.000 betroffenen Fahrzeuge durch und meinte, das Problem gelöst zu haben. Die Regulierer ließen jedoch nicht locker und stießen weiter auf Ungereimtheiten.

Es gab laut CARB mehrere Treffen mit Konzernvertretern, in denen diese versuchten, die verdächtig hohen Abgaswerte auf technische Macken zu schieben. Erst nachdem die EPA drohte, die Zulassung der vor dem Verkaufsstart stehenden neuen VW-Modelle zu verweigern, soll das Unternehmen am 3. September zugegeben haben, seit 2009 manipuliert zu haben. Am 18. September machten die CARB und die EPA den Fall öffentlich.


Wer wird Nachfolger von Martin Winterkorn?

In Wolfsburg tagt am Freitag der Aufsichtsrat der Volkswagen AG. 20 Mitglieder hat das Gremium. Sie entscheiden, wer Nachfolger von Martin Winterkorn wird. Es gibt zwei Favoriten. Bisher sieht es so aus, dass der derzeitige Chef von Porsche, Matthias Müller, das Rennen machen könnte. Aber auch der seit Juli als VW-Markenchef amtierende Ex-BMW-Vorstand Herbert Diess hat Chancen.

Porsche-Chef Matthias Müller gilt als einer der Favoriten für den Job.
Porsche-Chef Matthias Müller gilt als einer der Favoriten für den Job.
REUTERS


Mit welchen juristischen Folgen muss VW rechnen?

Es ist nicht absehbar, was juristisch auf den Konzern und seine Manager zukommt. VW selbst hat Strafanzeigen angekündigt, in etlichen Ländern ermittlen Staatsanwälte, es gibt Prüfungen - von teuren Zivilklagen ganz zu schweigen. Auch welche Strafe VW letztlich in den USA wird zahlen müssen, ist noch offen. Schlimmstenfalls könnte sich aber allein dieser Posten auf bis zu 18 Milliarden Dollar summieren.


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