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Luxemburgs Finanzplatz ist grün - aber nicht sozial
Wirtschaft 4 Min. 08.02.2022 Aus unserem online-Archiv
Wenn Geld Schaden anrichtet

Luxemburgs Finanzplatz ist grün - aber nicht sozial

2015 brach ein Damm in Brasilien. Die Schlammlawine hat Menschen, Häuser und Tiere unter sich begraben. Luxemburgs Pensionsfonds investiert in den Eigentümer.
Wenn Geld Schaden anrichtet

Luxemburgs Finanzplatz ist grün - aber nicht sozial

2015 brach ein Damm in Brasilien. Die Schlammlawine hat Menschen, Häuser und Tiere unter sich begraben. Luxemburgs Pensionsfonds investiert in den Eigentümer.
Foto: dpa
Wirtschaft 4 Min. 08.02.2022 Aus unserem online-Archiv
Wenn Geld Schaden anrichtet

Luxemburgs Finanzplatz ist grün - aber nicht sozial

Marlene BREY
Marlene BREY
Immer mehr Anleger wollen ihr Geld fair investieren. Darum boomt ESG. Das S steht für sozial. Und genau hier schwächelt der Finanzplatz.

Nur drei von 22 analysierten Akteuren auf dem Luxemburger Finanzplatz bekennen sich in ihren Statuten zu den Menschenrechten. Und selbst diese drei (die Bankenvereinigung ABBL, das nationale Institut für nachhaltige Entwicklung INDR und die Luxembourg Sustainable Finance Initiative) belassen es bei Absichtserklärungen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Association Action Solidarité Tiers Monde (ASTM), die am Dienstag vorgestellt wurde. 

ESG ohne S 

Wer sein Geld fair anlegen möchte, stolpert häufig über das Akronym ESG. Diese steht für Environmental, Social, Governance – auf Deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Die Kriterien sollen Orientierung für Anleger schaffen. Die ASTM-Studie zeigt nun, dass die Strategie für Luxemburgs Finanzplatz den Umweltaspekt betont – das E – der soziale Aspekt – das S – fehlt hingegen. „Das Narrativ vom nachhaltigen Finanzplatz konzentriert sich auf Green Finance oder Climate Finance – Menschenrechte werden völlig ignoriert“, sagt Nadine Haas von ASTM. 


Lokales,Skyline Kirchberg,BEI,Philharmonie,Cour de Justice,Finanzplatz Luxemburg. Foto: Gerry Huberty/Luxemburger Wort
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Die Nichtregierungsorganisation hat recherchiert, um das zu belegen. In Fallstudien zeigt ihre Analyse, wie Finanzakteure in Luxemburg mit Menschenrechtsverletzungen in China, Palästina oder Lateinamerika verbunden sind. Da wären zum Beispiel die Investmentfonds BPSA und NEF. Beide investieren in den chinesischen Technologieriesen Tencent. Dieser betreibt das chinesische Pendant zu WhatsApp namens WeChat. Dem chinesischen Unternehmen wird vorgeworfen, eine wichtige Rolle bei der Cyber-Überwachung und Zensur durch die chinesische Regierung zu spielen. 

Frag den Staat

Es bleibt nicht bei privaten Anbietern. Auch der Luxemburger Pensionsfonds investiert etwa in das Bergbauunternehmen BHP. Mancher erinnert sich noch an den Staudamm, der 2015 in Brasilien brach: Hunderte Menschen starben. Dieser Damm war im Besitz eines Joint Ventures von BHP. 


Fotos der PK / Foto: Gilles Kayser
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Geld ist Macht. Und immer mehr Anleger wollen ihr Geld so investieren, dass es eine positive Wirkung entfalten kann. Dafür ist es wichtig, dass sie auch nachvollziehen können, wo ihre Investments landen. Analog zu einem Lieferkettengesetz fordert die ASTM daher, dass Menschenrechte in die nationale Strategie für einen nachhaltigen Finanzplatz aufgenommen werden. Statt warmer Worte brauche es verbindliche Gesetze zur Sorgfaltspflicht. 

Dabei gibt es bereits Richtlinien. Die Leitprinzipien der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Menschenrechte (UNGP) erkennen die Verantwortung von Unternehmen an, die Menschenrechte zu achten, das gilt auch für den Finanzsektor. Die UNGP wurden bereits vor zehn Jahren verabschiedet. Daraufhin entstanden nationale Aktionspläne, auch in Luxemburg. Im Zusammenhang mit dem Aktionsplan für die Jahre 2020 bis 2022 ist die Durchführung von Pilotprojekten geplant, die mehrheitlich in Staatsbesitz sind. „Die Regierung sollte den Luxemburger Pensionsfonds in diesem Rahmen dabei unterstützen, mit gutem Beispiel voranzugehen und eine menschenrechtliche Sorgfaltspflicht in seine Investitionspolitik aufzunehmen“, so die ASTM. 


18.04.11 centrale nucleaire EDF cattenom  AKW Atomkraftwerk, atom, nucleaire, strom, energie , photo: Marc Wilwert
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Die Zeiten sind günstig, könnte man meinen. ESG liegt im Trend. Auch die EU will mit ihrer Taxonomie Transparenz für Anleger schaffen. Doch die umstrittene Entscheidung der EU-Kommission, Atomkraft und Erdgas als nachhaltig zu definieren, zeigt einmal mehr: Viele Labels sind mit Vorsicht zu genießen. 

Die ASTM schlägt daher vor, nicht auf Entscheidungen innerhalb der EU zu warten, sondern selbst Vorreiter zu sein. Dabei muss der Finanzplatz seine Balance erst noch finden: Will Luxemburg seine Glaubwürdigkeit als nachhaltiger Standort bewahren, braucht es mehr Transparenz und mehr Regeln. Will er aber als Standort für möglichst viele Fonds attraktiv bleiben, dürfen die Regeln und vor allem die Umsetzung nicht zu kompliziert sein. 


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Eine Vorreiterrolle könnte den institutionellen Akteuren zukommen. Die ASTM nennt hier neben dem Pensionsfonds etwa die Luxemburger Börse. Diese geht mit gutem Beispiel voran. 2016 hat sie eine Plattform für nachhaltige Finanzen gegründet, den Luxembourg Green Exchange (LGX). Die LGX umfasst nachhaltige Finanzinstrumente. Die Menschenrechte werden hier aber nicht genannt – noch nicht.

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