Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Luxemburger Stahlwerke behaupten sich
Wirtschaft 4 Min. 16.01.2020

Luxemburger Stahlwerke behaupten sich

In Differdingen werden die größten und schwersten Stahlträger der Welt produziert.

Luxemburger Stahlwerke behaupten sich

In Differdingen werden die größten und schwersten Stahlträger der Welt produziert.
Foto: Guy Jallay
Wirtschaft 4 Min. 16.01.2020

Luxemburger Stahlwerke behaupten sich

Marco MENG
Marco MENG
Überkapazitäten auf dem Markt, Billigstahl aus Fernost und die künftige Wettbewerbsfähigkeit der Werke in Luxemburg sind Herausforderungen für ArcelorMittal.

„2019 war ein schwieriges Jahr“, sagte zum Auftakt beim gestrigen Neujahrsempfang des Stahlkonzern im Werk Differdingen, Michel Wurth, Präsident von ArcelorMittal Luxembourg. 

Die Situation für die europäische Stahlbranche ist seit 2009 angespannt. Verschärft hat sich das durch die auf dem Weltmarkt herrschenden Überkapazitäten an Stahl im Volumen von 450 Millionen Tonnen. Die Hälfte davon kommtaus China. Zum Vergleich: Die Luxemburger Werke mit ihren rund 3.800 Mitarbeitern produzieren jährlich 2,2 Millionen Tonnen Stahl. 

Vor allem Europa wird von Stahl aus Fernost geflutet. Zwar hat die Europäische Union vor wenigen Jahren auf bestimmte Stahlimporte aus China Zölle erhoben, die Importquoten wurden inzwischen aber wieder erhöht. „Das verursacht enorme Probleme“, sagt Wurth. 

Michel Wurth, Präsident von ArcelorMittal Luxembourg: "Europäische Hersteller sind unter Druck".
Michel Wurth, Präsident von ArcelorMittal Luxembourg: "Europäische Hersteller sind unter Druck".
Foto: Guy Jallay

Während in Europa und den USA der Stahlkonsum zurückging – der neue Eigner des Stahlwerks Düdelingen, Liberty Steel, hat jüngst in Großbritannien einen Stellenabbau angekündigt – konnte ArcelorMittal zumindest von einer zunehmenden Stahlnachfrage in Brasilien profitieren. Dem Werk Differdingen, wo vor allem Stahlträger produziert werden, kommt die gut laufende Baukonjunktur zugute. 

Kritik an EU-Industriepolitik 

Wurth stößt sich an einer „inkohärenten europäischen Industriepolitik“. Er verweist dabei auf die verweigerte Fusion zwischen ThyssenKrupps Stahlsparte und Tata Steel im besonderen und den europäischen Emissionshandel im allgemeinen: Die Kosten pro Tonne CO2, die bei der Produktion entsteht, machen die europäische Produktion teuer, während für außerhalb Europas produzierten Stahl keine CO2-Abgabe anfällt. 


(FILES) This file photo taken on July 23, 2019 shows the steel manufacturing giant Arcelor Mittal Italia (ex ILVA ) plant, in Taranto, southern Italy. - The world steel giant ArcelorMittal announced on November 4, 2019 that it was cancelling the takeover of the Italian company Ilva, after the withdrawal of criminal environmental protection for the managers of the Taranto site, which is currently being cleaned up. (Photo by Tiziana FABI / AFP)
ArcelorMittal tritt vom Kauf des Werks Ilva zurück
Der Stahlkonzern verkaufte sieben Werke in Europa - darunter Düdelingen - um Ilva kaufen zu können - Umweltprobleme und italienische Gesetze lassen den Deal platzen.

Dieser Stahl kann deswegen billig nach Europa importiert werden. Aus diesem Grund sinkt auch der Anteil, den europäischer Stahl auf dem globalen Markt hat. „Diese Industriepolitik ist absurd“, sagt Wurth und hofft, dass bei dem „Green Deal“ der neuen EU-Kommission auch für Importstahl eine CO2-Abgabe Anwendung findet. 

Das Problem bei der europäischen Industriepolitik sei, wie am Rande des Neujahrsempfangs zu erfahren war, dass nicht alle EU-Länder an einem Strang ziehen; die Länder, die keine Stahlindustrie haben, seien ganz froh über den importierten Billigstahl. 

Klimaneutral bis 2050 

Angesichts der Klima-Problematik hat sich auch ArcelorMittal einen Plan gegeben, bis 2050 CO2-neutral zu werden. Die Stahlherstellung verursacht sieben bis neun Prozent des Treibhausgases. Gleichwohl sei Stahl zu hundert Prozent wiederverwertbar – die Luxemburger Werke stellen neuen Stahl mit Stahlschrott als Ausgangsmaterial her – und in der CO2-Bilanz besser als beispielsweise die Aluminium- oder Betonproduktion. 

Letztes Jahr hat ArcelorMittal darum einen ersten „Klimarapport“ herausgegeben und will nun jährlich mit einem solchen Rapport publizieren, mit welchen Maßnahmen Karboneinsparungen erreicht werden konnten. „Wir forschen darum auch mit einem Budget von 250 Millionen Euro an neuen Wegen, Stahl herzustellen“, sagt Wurth. Ohne politische Unterstützung sei eine CO2-neutrale Technologie aber nicht durchsetzbar, auch brauche es dafür genügend „grünen Strom“. 

Als gefährlich eingestuften Nebenprodukte werden nicht auf der Deponie in Differdingen gelagert, sagt Roland Bastian, Chef von ArcelorMittal Luxembourg.
Als gefährlich eingestuften Nebenprodukte werden nicht auf der Deponie in Differdingen gelagert, sagt Roland Bastian, Chef von ArcelorMittal Luxembourg.
Foto: Guy Jallay

Differdingen soll digitaler werden 

Was die einzelnen Werke in Luxemburg betrifft, so Roland Bastian, der seit November 2016 Generaldirektor von ArcelorMittal Luxembourg ist, hat Belval letztes Jahr einen Produktionsrekord mit 804.000 Tonnen aufgestellt, während das Werk in Rodingen den Stahl für den weltgrößten Kran lieferte und Differdingen 21.000 Tonnen für das höchste Gebäude Russlands. 

Auch das Werk Bissen läuft gut und konnte letztes Jahr seinen Umsatz um fünf Prozent steigern. 

In Differdingen arbeiten 700 Personen. Mit Digitalisierung und Abgasnutzung soll das Werk wettbewerbsfähiger werden.
In Differdingen arbeiten 700 Personen. Mit Digitalisierung und Abgasnutzung soll das Werk wettbewerbsfähiger werden.
Foto: Guy Jallay

Für die Werke Differdingen und Belval läuft ein Programm, um sie mit Digitalisierung (verbesserte Lieferkette und Produktionsprozess) zukunftsfähig zu machen, zudem wurden in den letzten beiden Jahren 27 neue Produkte entwickelt, die beispielsweise bis zu 44 Prozent leichter sind als vergleichbare Produkte. 

„Hier im Werk Differdingen zum Beispiel“, sagt Werksleiter Thomas Georges, „stellen wir einzigartige Produkte her.“ Unter anderem werden in Differdingen die schwersten und größten Stahlträger der Welt produziert. 

Thomas Georges ist seit Juli 2019 für die Werke Differdingen, Dommeldingen und Rolanfer (F) verantwortlich.
Thomas Georges ist seit Juli 2019 für die Werke Differdingen, Dommeldingen und Rolanfer (F) verantwortlich.
Foto: Guy Jallay

Der Burj Khalifa in Dubai, das One World Trade Center in New York, aber auch die neue Firmenzentrale von Cargolux wurden mit Trägern aus Differdingen gebaut: da jedes Jahr 200 Wolkenkratzer fertiggestellt werden, bleiben die Produkte aus Differdingen auf längere Sicht gefragt. 

Was das Jahr 2020 bringt, meint Wurth, das erste Semester dürfte noch schwer werden, obwohl sich, so Bastian, der Markt zu erholen scheine. Allerdings ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau. 

Solche Träger wurden in der neuen Firmenzentrale von Cargolux verbaut, aber auch im Burj Khalifa und dem One World Trade Center.
Solche Träger wurden in der neuen Firmenzentrale von Cargolux verbaut, aber auch im Burj Khalifa und dem One World Trade Center.
Foto: Guy Jallay

Auch der Kauf des Werks Ilva in Italien ist noch nicht vom Tisch, seitdem am 7. Januar ein Gericht in Italien erklärte, dass ArcelorMittal 14 Monate Zeit bekommt, den Industrieplan für das Werk umzusetzen. Ob es letztlich doch noch zum Kauf kommt, bleibt aber vorerst ungewiss. Gewiss hingegen ist: in Luxemburg beginnen in diesem Jahr die Bauarbeiten an der neuen Konzernzentrale des weltgrößten Stahlherstellers.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Die Jagd nach Kobalt
Ein Unternehmen mit Firmensitz Luxemburg will mit der "Global Battery Alliance" Standards setzen.
Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.