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Luxemburg und die Joghurtfabrik: Eine Chronologie
Wirtschaft 7 Min. 23.09.2020

Luxemburg und die Joghurtfabrik: Eine Chronologie

Die Joghurtfabrik in Bettemburg hat sich am Dienstag endgültig in ein Luftschloss verwandelt.

Luxemburg und die Joghurtfabrik: Eine Chronologie

Die Joghurtfabrik in Bettemburg hat sich am Dienstag endgültig in ein Luftschloss verwandelt.
Foto: Lex Kleren
Wirtschaft 7 Min. 23.09.2020

Luxemburg und die Joghurtfabrik: Eine Chronologie

Vier Jahre lang stand die geplante Joghurtfabrik von Fage symbolisch für den Widerspruch zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit. Nun zog der griechische Molkereikonzern einen Schlussstrich – die Anlage wird nicht gebaut. Wie kam es eigentlich so weit?

(jt/LW-Archiv) - Außer Spesen nichts gewesen: Der griechische Molkereiriese Fage hat seinen Plan für den Bau einer Joghurtfabrik in der Industriezone Wolser im Süden Luxemburgs diese Woche ad acta gelegt.  

Große Überraschung hat der Schritt in der heimischen Politszene und bei Wirtschaftsvertretern nicht ausgelöst. Fage war zuletzt immer stärker unter öffentlichen Druck geraten, unter anderem wegen des hohen Wasserverbrauchs der geplanten Fabrik – und seiner Steuerpraktiken. Offenbar war Luxemburg den Griechen ein zu heißes Pflaster geworden. Die Ereignisse im Rückblick. 

Fage-Manager Kyriakos Filippou und Wirtschaftsminister Etienne Schneider stellten das Projekt im Juli 2016 vor.
Fage-Manager Kyriakos Filippou und Wirtschaftsminister Etienne Schneider stellten das Projekt im Juli 2016 vor.
Foto: LW-Archiv
  • 2. Oktober 2012: Als Reaktion auf die griechische Finanzkrise verlegt die Großmolkerei Fage (ausgesprochen Fa-jeh, Griechisch für Iss!) ihren Hauptsitz von Athen nach Strassen in Luxemburg.  
  • 28. Juli 2016: Der Fage-Besitzer Athanassios-Kyros Kyriakos Filippou und der damalige Wirtschaftsminister Étienne Schneider kündigen das Projekt für den Bau einer Fabrik mit großem Trara an. 100 Millionen Euro sollen am Standort in der Industriezone Wolser nahe Düdelingen und Bettemburg investiert werden, insgesamt 100 neue Arbeitsplätze entstehen. Als Bauzeit werden 2,5 Jahre angegeben.

    Ein Fage-Manager meint, die Fabrik im Süden Luxemburgs sei auch eine „Chance“ für lokale Milchproduzenten wie Luxlait. Die Luxemburger Molkerei erklärt jedoch, keine offiziellen Kontakte mit Fage gehabt zu haben. Eine mögliche Kooperation zwischen beiden Molkereien kommt nicht zustande.

  • 23. März 2017: Im Jahresbericht 2016 ist zu lesen, dass Fage vorhat, die neue Produktionsanlage in Luxemburg nun bis Ende 2019 zu realisieren; sie soll der in den USA entsprechen. Die Expansion sei mit einer großen Nachfrage an Produkten verbunden; Luxemburg liege sehr zentral und würde deswegen den Absatz im europäischen Raum vereinfachen. Fage geht davon aus, dass jährlich 40.000 Tonnen Joghurt in der neuen Fabrik in Luxemburg produziert werden, jedoch sei eine Erhöhung der Produktion und der Arbeitsplätze nicht auszuschließen.   

In Luxemburg wollen wir ja bekanntlich keine Briefkastenfirmen mehr und fordern Unternehmen auf, bitte Substanz ins Land zu bringen. Wenn Fage nun eine Produktionsanlage im Benelux-Raum bauen möchte, heißt es dann aus Luxemburg, dass der Wasserverbrauch zu hoch ist oder dass die Firma ja vor allem für den Export produziert – als ob das etwas Schlimmes wäre.

Etienne Schneider im März 2018
  • Februar 2018: Dem LSAP-Vizepremier und Wirtschaftsminister Étienne Schneider schlägt von Seiten des Koalitionspartners Déi Gréng und den Umweltschützern des Mouveco rauer Wind entgegen. Projekte wie die von Fage, Knauf oder Google würden keinen Mehrwert für die Luxemburger Wirtschaft schaffen und seien nicht „Rifkin-konform“, so die Kritik. Wenn 80 Prozent der neuen Arbeitsplätze von Grenzpendlern besetzt würden, führe das „finanziell und raumplanerisch gegen die Wand“, warnt Infrastrukturminister François Bausch (Déi Gréng) im Zuge der Debatte. Zudem würden viele mittelständische Luxemburger Betriebe vergeblich Flächen suchen, während Fage vergünstigt 15,5 Hektar in einer nationalen Zone erhalte.

    Schneider entgegnet in einem „Land“-Interview, man könne keiner Firma verbieten, sich in Luxemburg niederzulassen, wenn alle Umweltauflagen erfüllt und alle Prozeduren abgeschlossen sind. Das verstoße gegen europäisches Recht. Die Firma Fage habe zudem in Luxemburg in den zwei vorangegangenen Jahren 60 Millionen Euro an Steuern bezahlt, weil sie hier ihre administrative Firmenzentrale haben, ohne aber bislang hier zu produzieren, meint Schneider bei der „Journée de l'économie“ in der Handelskammer. „In Luxemburg wollen wir ja bekanntlich keine Briefkastenfirmen mehr und fordern Unternehmen auf, bitte Substanz ins Land zu bringen. Wenn Fage nun eine Produktionsanlage im Benelux-Raum bauen möchte, heißt es dann aus Luxemburg, dass der Wasserverbrauch zu hoch ist oder dass die Firma ja vor allem für den Export produziert – als ob das etwas Schlimmes wäre.“ 

Mehr zum Thema: Google und Fage: Zwei Mammutvorhaben mit Nebenwirkungen 

  • 13. Juni 2019: Die Kritik an den Plänen von Fage wird immer lauter. Immer mehr Sorgen ruft der erhebliche Wasserverbrauch hervor, den die Neuansiedelung mit sich bringen würde. Dieser sei vergleichbar mit dem  von rund 20.000 Menschen.  

  • 10. Oktober 2019: Die Regierung rechnet mit deutlich mehr neuen Arbeitsplätzen beim Molkereikonzern Fage. Fage könnte insgesamt bis zu 240 Millionen US-Dollar (etwa 219 Millionen Euro) in sein geplantes Werk im Industriegebiet von Bettemburg investieren. Insbesondere der Bau einer extrem aufwändigen Kläranlage verschlingt einen Großteil der Kosten. In den ersten Ankündigungen des Unternehmens war lediglich von 100 Millionen Euro die Rede. Im Endausbau sollen 200 Beschäftigte in der Joghurtfabrik arbeiten, später werden sogar 300 bis 400 genannt.
Auf diesem rund 15 Hektar großen Gelände bei Bettemburg sollte die künftige Molkerei entstehen.
Auf diesem rund 15 Hektar großen Gelände bei Bettemburg sollte die künftige Molkerei entstehen.
Foto: Lex Kleren
  • Frühjahr 2020: Die Umstände des Verkaufs des 15 Hektar großen Geländes in der Industriezone Wolser interessieren nun auch den Rechnungshof. Fage hatte das Gelände für 26,6 Millionen Euro noch vor Erhalt der Genehmigung erstanden, üblicherweise wird aber nur ein Nutzungsrecht zugestanden.  

  • 2. August 2020: Die geplante Fage-Joghurtfabrik in Bettemburg steht vor umweltrelevanten Herausforderungen. Insbesondere Trinkwasser- und Abwassermengen der Anlage würden die nationalen Ressourcen stark in Anspruch nehmen. Das Trinkwassersyndikat SES (Syndicat des eaux du sud) müsste Reserven bei der Sebes beantragen, um die Spitzenmenge von 400 Kubikmetern Wasser pro Stunde zu liefern. Die Lieferung wäre mit sehr hohen Kosten verbunden. Der Wasserpreis für Verbraucher in Luxemburg könnte dadurch empfindlich steigen.  
  • 16. August 2020: Umweltministerin Carole Dieschbourg (Déi Gréng) hält den Ressourcenverbrauch der geplanten Fage-Fabrik für „problematisch“. Ihr seien aufgrund der geltendenen Gesetze aber die Hände gebunden, es gebe keine Möglichkeit, die Ansiedlung eines Betriebs wegen zu hohem Wasserbrauch zu verbieten. Laut Dieschbourg seien in diesem Dossier viele Fakten geschaffen worden, bevor man als Umweltministerium nach dem überraschenden Grundstücksverkauf durch das Wirtschaftsministerium überhaupt erst informiert wurde.  

  • 5. September 2020: Vier Jahre nach seiner Initiierung tritt das Projekt in eine entscheidende Phase. In einigen Wochen soll die Stellungnahme des  Umweltministeriums vorliegen, bevor die Regierung grünes Licht geben und mit dem Bau von Rohrleitungen, Ver- und Entsorgungsnetzen und des notwendigen 1,2 Kilometer langen Abwasserkanals für 1,2 Millionen Euro beginnen könne. Die Regierung werde alle Baukosten für die Abwasserentsorgung übernehmen, eine Unterstützung, die sie in den Industriezonen des Landes stets gewährt, antwortet Wirtschaftsminister Franz Fayot (LSAP) auf eine parlamentarische Anfrage.
Umweltministerin Carole Dieschbourg (Déi Gréng) reagierte mit Erleichterung auf das Ende des Fage-Projekts.
Umweltministerin Carole Dieschbourg (Déi Gréng) reagierte mit Erleichterung auf das Ende des Fage-Projekts.
Foto: Guy Wolff
  • 7. September 2020: Die Stadt Düdelingen spricht sich in einem Gutachten unter Auflagen für die geplante Joghurtfabrik aus. In Bettemburg und anderen Kommunen stößt die Joghurt-Fabrik hingegen auf wenig Gegenliebe. In ihrem Avis im Rahmen der Commodo-Incommodo-Prozedur bezieht die Gemeinde Bettemburg Stellung gegen das Projekt. Kritisiert wird dabei, dass es sich um ein globalisiertes Projekt handele, das aus regionaler Sicht keinen Mehrwert bringe. Das Projekt stehe im Gegensatz zu den Bestrebungen, eine dezentralisierte Landwirtschaft zu fördern. Was die lokalen Ressourcen angeht, so gefährde der voraussichtliche Trinkwasserverbrauch der Fabrik von 2.500 Kubikmetern pro Tag die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser. 

  • 18. September 2020: Fage International steht einem „Paperjam“-Artikel zufolge im Verdacht, 53 Millionen Euro an fiktive Consulting-Firmen gezahlt zu haben. Die CSV meldet die Angelegenheit der Staatsanwaltschaft, die ihrerseits Ermittlungen einleitet.

  • 22. September 2020: Der griechische Milchkonzern gibt sein Projekt in der Industriezone Wolser definitiv auf. Wirtschaftsminister Franz Fayot bedauert die Entscheidung. Letzte Gespräche hätten den Investor nicht umstimmen können, heißt es. Dieser fürchte einen noch größeren Reputationsschaden. Das Terrain soll nun wieder zum gleichen Preis an den Staat zurückverkauft werden. Insgesamt hätten 300 Arbeitsplätze entstehen sollen. Während CSV-Politiker im Parlament und in der Gemeinde Bettemburg den Rückzug begrüßen, zeigt sich die LSAP-Seite enttäuscht. 

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