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„Luxemburg soll Gigaliner zulassen“
Wirtschaft 4 Min. 25.05.2021

„Luxemburg soll Gigaliner zulassen“

Blick aus dem Verladekran im 33 Hektar umfassenden CFL-Multimodal-Hub in Bettemburg: Hier werden Transport-Container von Lastwagen auf die Schiene gesetzt und umgekehrt.

„Luxemburg soll Gigaliner zulassen“

Blick aus dem Verladekran im 33 Hektar umfassenden CFL-Multimodal-Hub in Bettemburg: Hier werden Transport-Container von Lastwagen auf die Schiene gesetzt und umgekehrt.
Foto: LW-Archiv
Wirtschaft 4 Min. 25.05.2021

„Luxemburg soll Gigaliner zulassen“

Marco MENG
Marco MENG
Die Logistikbranche steht vor einigen Herausforderungen - nicht nur pandemiebedingt. Das "Cluster for Logistics" spricht sich für lange Lastwagen aus.

Rund 800 Unternehmen, ein Umsatz von insgesamt etwa 3,8 Milliarden Euro sowie 19.000 Arbeitsplätze, davon 13.000 direkt: das ist der Logistiksektor in Luxemburg.

Gerade in der Corona-Pandemie stellten die Transport- und Logistikunternehmen unter Beweis, welche Bedeutung sie für Wirtschaft und Gesellschaft haben. Allerdings hätten 2020 die Unternehmen wegen hohen Schwankungen und darum ebenso hohen finanziellen Risiken nur kurz- und mittelfristig planen können, sagt Malik Zeniti, Direktor des Cluster for Logistics Luxembourg (C4L). Ziel des 2009 gegründeten Logistiknetzwerk, das rund 100 Mitgliedsunternehmen zählt, ist, dass Luxemburg ein wettbewerbsfähiger europäischer Supply-Chain-Hub wird.

Im Allgemeinen sind die Unternehmen der Logistikbranche gut durch das Jahr 2020 gekommen. Dennoch gibt es Unterschiede. Getränke- und Kühltransporte für Lebensmittel beispielsweise haben einen drastischen Nachfrageeinbruch erlebt, da Restaurants, Hotels und Großveranstaltungen als Abnehmer ausgefallen sind. Bei anderen macht sich derzeit die gedrosselte Autoproduktion wegen fehlender Mikrochips bemerkbar oder der Mangel an Baumaterialien wie Holz.


28.01.2020, Großbritannien, Dover: Lastwagen stehen am Hafen für Fähren an, während Großbritannien sich darauf auf den Brexit vorbereitet. Großbritannien will am Freitag (31.01.2020) als erstes Land die Europäische Union verlassen. Foto: Gareth Fuller/PA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Gleichzeitig herrscht aktuell aber auch ein Mangel an Luftfrachtkapazitäten und an Containern. Der Grund ist vor allem die gut laufende Wirtschaft in China. Das Land hat sich schnell von der Wirtschaftskrise im Zusammenhang mit Covid-19 erholt und schon geraume Zeit die Produktion wieder hochgefahren. Als Europa Container brauchte, waren sie alle in China, sagt Zeniti.

Wie gut es trotz Pandemie im Frachtgeschäft im letzten Jahr lief, zeigt der Rekordgewinn von Cargolux genauso wie der deutliche Anstieg des Frachtvolumens des Luxemburger Flughafens um sechs Prozent auf 947.000 Tonnen. Zeniti rechnet auch im laufenden Jahr mit einer weiteren Zunahme. Allerdings gibt es zahlreiche Stolpersteine.

Schwere Aufgaben zu meistern

„Nach Corona wird CO2 nun wieder zum Thema“, so der Cluster-Manager. Denn bis 2030 soll der Sektor 48 Prozent seines CO2-Ausstoßes einsparen. Im Straßentransport spricht sich C4L aus diesem Grund dafür aus, dass auch in Luxemburg „Eurocombis“ fahren dürfen, also Lastwagen mit 25-Meter-Länge statt der normalen 18,7 Meter. Das würde 40 Kubikmeter mehr Volumentransport bedeuten und die Kohlendioxidemission um 30 Prozent minimieren.

Die überlangen Lastkraftwagen, die auch „Mega“- oder „Gigaliner“ genannt werden, fahren bereits auf festgelegten Strecken in Europa, nur nicht in Luxemburg. „Es gibt bei uns kein Verständnis dafür, dass in den Nachbarländern wie Deutschland, Belgien oder den Niederlanden EcoCombis erlaubt sind, die Fahrer, Kosten und CO2 einsparen“, kritisiert Zeniti. „Wie sollen 48 Prozent CO2-Einsparung bis 2030 erreicht werden?“ 

In den Niederlanden sind etwa 2.000 solcher Lastwagen bereits seit zwei Jahrzehnten im Einsatz. Dabei seien die Lastwagen sehr gut geeignet, um Reifen des Goodyear-Werks Colmar-Berg zum Lager in Bettemburg (und dem dortigen Multimodal-Knotenpunkt) zu transportieren. Tatsächlich seien ja in der Stadt Luxemburg auch seit Jahren 25-Meter-Busse im Einsatz, so das Logistikcluster.


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Elektro-Lastwagen, wie ihn sich beispielsweise die Firma Biogros unlängst zugelegt haben, oder solche mit Wasserstoffantrieb kosten ein Vielfaches mehr als Diesel-Lastwagen. Zudem gibt es in Luxemburg keine Wasserstoff-Tankstelle. 

In den vergangenen Jahren haben die Unternehmen vor allem in den Infrastrukturausbau in Luxemburg investiert. Seit 2013 wurden so beispielsweise etwa 280.000 Quadratmeter Logistiklager im Land gebaut oder sind derzeit im Bau, was Investitionen in Höhe von etwa 285 Millionen Euro durch die betreffenden Unternehmen ausmacht. Nun stehen Investitionen in die Klimaverbesserung an.

Derzeit sind den Unternehmen dabei aber technische und finanzielle Grenzen gesetzt. Darum sei der Staat, so Zeniti, aufgefordert, helfend zur Seite zu stehen, zum Beispiel, indem die Wasserstofftechnologie vorangebracht werde. Ohne staatliche Förderung seien die Energieziele kaum umzusetzen, sagt Zeniti, der darauf verweist, dass auch die Solarenergie ohne staatliche Förderung heute nicht da wäre, wo sie ist. 

Das europäische Zertifizierungsprogramm „Lean & Green“ soll die Branche beim Einsparen von Treibhausgasen unterstützen. Unternehmen erstellen dazu einen Plan, um in fünf Jahren 20 Prozent CO2 einzusparen, erklärt Philippe Scholten, seit letztem Jahr „Logistics Development Advisor“ bei C4L. Europaweit beteiligen sich derzeit rund 600 Firmen an dem Zertifizierungsprogramm, in Luxemburg fünfzehn Mitgliedsunternehmen des Clusters, drei davon sind seit diesem Jahr dabei.

Der bereits erwähnte Großhändler für Bio-Lebensmittel Biogros ist auch das erste Unternehmen in Luxemburg, das den zweiten „Lean and Green“-Star erreicht hat, was bedeutet, dass es seine CO2-Emissionen aus Transport- und Logistikaktivitäten um mehr als 30 Prozent reduziert hat, während es gleichzeitig ein gemeinsames Nachhaltigkeitsprojekt mit einem seiner Wettbewerber gestartet hat.

Neben sieben Unternehmen, die bereits konkrete Treibhausgas-Einsparungen nachweisen konnten, sind fünf weitere Unternehmen gerade dabei, die von ihnen definierten Maßnahmen zur Erreichung ihrer Klimaziele umzusetzen: GN Transport, Kronospan, Luxport Group, Transalliance und Webtaxi.

Eigentlich gute Aussichten

Ein weiteres Problem neben den ambitionierten Klimazielen, das vor allem Luxemburger Spediteure stark beeinträchtigt, ist die Tatsache, dass im Ausland lebende Fahrer von der luxemburgischen Sozialversicherung ausgeschlossen werden, wenn sie mehr als 25 Prozent ihrer Arbeitszeit in ihrem Wohnsitzland leisten. Die Unternehmen hoffen, dass Luxemburg diesbezüglich zu Vereinbarungen mit den Nachbarländern findet.

Die vielen Fragezeichen, die über dem Sektor schweben, führen zu dem Paradox, dass bei eigentlich sicheren Wachstumsperspektiven dennoch einiges an Skepsis darüber herrscht, wie die Entwicklung in Luxemburg weitergehen wird. Nach Einschätzung des Clusters for Logistics wird es darum auch 2021 für Schulabsolventen schwierig werden, Ausbildungsplätze im Logistiksektor zu finden. Und das in einer eigentlich boomenden Branche.

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