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„Luxemburg muss Zulieferern Wachstumsmöglichkeiten bieten“
Wirtschaft 3 Min. 19.04.2015 Aus unserem online-Archiv
Interview mit Paul Schockmel (Clepa) und Camille Feyder (Ilea)

„Luxemburg muss Zulieferern Wachstumsmöglichkeiten bieten“

Laut Paul Schockmel stellen die Zulieferer 75 Prozent eines Autos in Form von Komponenten bereit. Für die Zukunft gelte es, diesen Betrieben die erforderlichen Wachstumsmöglichkeiten zu bieten, so Camille Feyder.
Interview mit Paul Schockmel (Clepa) und Camille Feyder (Ilea)

„Luxemburg muss Zulieferern Wachstumsmöglichkeiten bieten“

Laut Paul Schockmel stellen die Zulieferer 75 Prozent eines Autos in Form von Komponenten bereit. Für die Zukunft gelte es, diesen Betrieben die erforderlichen Wachstumsmöglichkeiten zu bieten, so Camille Feyder.
Foto: Guy Jallay
Wirtschaft 3 Min. 19.04.2015 Aus unserem online-Archiv
Interview mit Paul Schockmel (Clepa) und Camille Feyder (Ilea)

„Luxemburg muss Zulieferern Wachstumsmöglichkeiten bieten“

Der Aufwärtstrend in der britischen Autoindustrie hat auch Auswirkungen auf die meisten in Luxemburg präsenten Zulieferbetriebe, die direkt oder indirekt für die namhaften Hersteller in der Branche tätig sind.

(aa) - Mit der britischen Automobilindustrie geht es offenbar wieder aufwärts. Das nimmt man auch diesseits des Kanals in Luxemburg wahr. „Trotz der Talfahrt in den siebziger Jahren sind die in früheren Jahren aufgebauten Kompetenzen in Großbritannien grundsätzlich erhalten geblieben“, sagt Camille Feyder, Research & Innovation Technologist bei Delphi in Luxemburg und Präsident des Verbandes der luxemburgischen Automobilzulieferer (Ilea). Das habe den Aufschwung in den vergangenen Jahren erleichtert.

Echtes Umdenken kam in Großbritannien mit der Krise

Initiiert wurde die Trendwende nach der Finanzkrise 2008, sagt Paul Schockmel, Ehrenpräsident der Ilea und aktuell Präsident des europäischen Verbandes der Automobilzulieferer (Clepa) in Brüssel. „London wurde von der Krise damals stark getroffen. Nach der industriefeindlichen Politik vergangener Jahre kam es zu einem echten Umdenken mit einer gut definierten Strategie, die inzwischen ihre Früchte trägt“, so Schockmel.

Fast alle in Großbritannien produzierten englischen und asiatischen Marken verkauften sich gut, und auch die lokale Nachfrage sei stark. Der Aufwärtstrend in der britischen Autoindustrie hat auch Auswirkungen auf die meisten in Luxemburg präsenten Zulieferbetriebe, die direkt oder indirekt für die namhaften Hersteller in der Branche tätig sind. „Das entwickelt sich entsprechend mit. Hinzu kommt, dass es in England selbst nicht genug Zulieferer gibt, um die einheimische Nachfrage zu befriedigen“, so Paul Schockmel.

Begrenzter Pool an Fachkräften

Wie Großbritannien hat auch Luxemburg einen starken Finanzsektor. Und auch im Großherzogtum spielt die Autoindustrie mit ihren rund 10 000 direkten Beschäftigten eine gewisse Rolle. „Die Entwicklung ist in gewisser Weise ähnlich gelaufen“, meint Paul Schockmel. „Der tertiäre Sektor wurde in beiden Ländern stark gepusht. Beide haben die Industrie zur gleichen Zeit vergessen und entdecken nun, dass auch die Industrie eine Zukunft hat, wobei England etwas schneller vorgeht und andere Voraussetzungen hat als Luxemburg.“ So sei hierzulande der Pool an Fachkräften begrenzt, sagt Feyder. Deutlich mehr als die Hälfte der Beschäftigten in der luxemburgischen Automobilbranche seien Grenzgänger.

England könne auf eine Basis zurückgreifen, die es so in Luxemburg nicht gebe, sagt Schockmel. Dabei hat sich die Branche in Luxemburg in den vergangenen 20 Jahren nicht schlecht entwickelt, auch ohne Masterplan. „Nach und nach haben sich Betriebe aus der Automobilbranche in Luxemburg angesiedelt, zum Teil aus völlig unterschiedlichen Gründen“, sagt Paul Schockmel. „Als es dann eine kritische Masse gab, wurde der Verband der Zulieferer gegründet, um die weitere Entwicklung zu unterstützen. Nimmt man die nachrangig Beschäftigten hinzu, arbeiten aktuell fast 20 000 Menschen in der luxemburgischen Automobilindustrie.“

Bedeutende Rolle von Forschung und Entwicklung

Für die Zukunft gelte es, den in Luxemburg vorhandenen Betrieben die erforderlichen Wachstumsmöglichkeiten zu bieten und andere Aktivitäten anzusiedeln, sagt Camille Feyder. Dabei komme dem Bereich Forschung und Entwicklung eine bedeutende Rolle zu, weil sich die Forschungsaktivität hin zu den Zulieferern verlagert. Luxemburg könne dabei von der räumlichen Nähe zu den Zentren der europäischen Hersteller und nicht zuletzt von den in Luxemburg vorhandenen Sprachkenntnissen profitieren.

„Heute werden 75 Prozent eines Autos von der Zulieferindustrie in Form von Komponenten bereitgestellt. Die Hersteller selbst fügen die Fahrzeuge mehr und mehr nur noch zusammen“, so Schockmel. „Die Nachfrage ist da. Wir müssen in Luxemburg das Beste daraus machen“, so Schockmel. Allerdings mangele es in Luxemburg noch an einem verlässlichen Ökosystem, wie es in anderen Ländern existiere, d. h. mit stärkerer Einbindung von Universitäten, Lehrbetrieben und der öffentlichen Forschung. Diese Lücken gelte es zu schließen.

Die luxemburgische Branche zusammenschweißen

Vor zwei Jahren wurde auf Initiative der Ilea das Automobilcluster ins Leben gerufen. Gründungspräsident ist Paul Schockmel. Vor kurzem hat Camille Feyder die Präsidentschaft übernommen. Die Regierung unterstützt das Cluster. Seit 2014 gibt es mit Joost Oortjens einen Clustermanager und in diesem Jahr soll ein Projektmanager hinzukommen. Das Cluster ist nah an den Mitgliedern angesiedelt, so Camille Feyder. Das Training der Beschäftigten, gemeinsame Nutzung von Testanlagen und gegenseitige Hilfe spielten eine große Rolle dabei, die Branche zusammenzuschweißen.

Was die Kooperation mit der Universität anbelange, so Feyder, stecke vieles noch in den Kinderschuhen. Es gebe keinen speziellen Lehrstuhl, aber es gebe bereits eine Kooperation, die auf einzelnen Firmen aufbaue und mit bestimmten Bereichen, wie z. B. „Faculté des sciences, de la technologie et de la communication (FSTC)“ oder dem SnT in Kontakt stehe. Weiterhin gebe es projektbezogene Forschungstätigkeiten z. B. mit CRP-List, und der nationale Forschungsfonds finanziere Studienprojekte, die es Absolventen erlaubten, mit hier ansässigen Firmen Forschungsarbeiten im Ausland durchzuführen.


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