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"Künstliche Intelligenz ist anders als jede Technologie zuvor"
Wirtschaft 5 Min. 19.09.2019

"Künstliche Intelligenz ist anders als jede Technologie zuvor"

Professor Theos Evgeniou erforscht die Auswirkungen neuer Technologien auf den Menschen.

"Künstliche Intelligenz ist anders als jede Technologie zuvor"

Professor Theos Evgeniou erforscht die Auswirkungen neuer Technologien auf den Menschen.
Foto: Gerry Huberty
Wirtschaft 5 Min. 19.09.2019

"Künstliche Intelligenz ist anders als jede Technologie zuvor"

Thomas KLEIN
Thomas KLEIN
Gespräch mit INSEAD-Wissenschaftler Theos Evgeniou über die gesellschaftlichen Auswirkungen technologischer Disruption.

Der Experte für Technologiemanagement Theos Evgeniou von der angesehenen französischen Business School INSEAD in Fontainebleau hielt kürzlich einen Vortrag über Digitale Transformation bei einer Veranstaltung der „INSEAD Alumni Association Luxembourg.“ Das „Luxemburger Wort“ führte ein Gespräch mit dem Professor über die wahrscheinlichen gesellschaftlichen Auswirkungen moderner Technologien.

In der Diskussion über neue Technologien fällt zunehmend der Begriff der Disruption. Damit ist der Vorgang gemeint, dass ein Geschäftsmodell oder ein ganzer Markt durch eine technologische Innovation zerschlagen werden. Ist das ein neues Phänomen?


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Nein. Disruption ist ein Thema, das seit Jahrhunderten diskutiert wird. Ob Marx oder Keynes, alle großen Ökonomen haben sich mit dem Einfluss von Technologie auf Organisationen und Gesellschaften beschäftigt. Dampfmaschine, Großrechner oder das Internet: Die Technologien, die diesen Entwicklungen zugrunde liegen, sind grundverschieden, aber die Lektionen, die man für deren Einfluss auf die Gesellschaften lernen kann, sind prinzipiell die gleichen geblieben. Ich glaube allerdings, dass Künstliche Intelligenz (KI) sich von jeder anderen Form der Technologie in der Vergangenheit unterscheidet.

Inwiefern?

KI gibt es im Prinzip schon recht lange. Autopiloten in Flugzeugen sind eine Form von KI. Was aktuell passiert, ist eine kontinuierliche Verbesserung in Bezug auf die Qualität und die Komplexität der Entscheidungen, die Maschinen treffen können. Mit KI werden wir die Automation zunehmend komplexer Entscheidungen beobachten. Jeden Tag liest man über neue Felder, in denen Maschinen gelernt haben, Entscheidungen besser zu treffen als Menschen. Das reicht vom Börsenhandel über die Entwicklung von Medikamenten bis hin zu medizinischen Diagnosen. Heute sprechen wir sogar darüber, dass nicht Menschen Technologie entwickeln könnten, sondern dass KI genutzt wird, um Techniken weiterzuentwickeln. Zum Teil trainieren heute schon KI-Anwendungen andere KI-Programme. Das bedeutet ein exponentielles Wachstum in der Frage, wie Technologie voranschreitet.

Ist es dann nicht problematisch, dass KI so eine Art „Blackbox“ ist? Wie kann ich auf eine Entscheidung vertrauen, von der ich nicht wirklich weiß wie sie zustande gekommen ist?

Es gibt bereits eine breitere Diskussion über „Responsible AI“. Die Entscheidungen die KI trifft, muss für Menschen nicht nur nachvollziehbar, sondern auch unvoreingenommen und fair sein. In bestimmten Einsatzbereichen gehört das zu den grundlegenden Geschäftsanforderungen. Es muss erklärbar sein, warum zum Beispiel eine bestimmte Person einen Kredit bekommt und eine andere nicht. Andererseits weiß man auch bei Menschen nicht immer wirklich, warum sie bestimmte Entscheidungen treffen. Man sollte manchmal auch gegenüber Maschinen nachsichtiger sein.

Eine negative Konsequenz, die KI in Verbindung mit Fortschritten in der Robotik mit sich bringen könnte, ist eine starke Zunahme der Arbeitslosigkeit. Sehen Sie diese Gefahr?

Es gibt immer noch viele Jobs, die nicht sehr gesund oder befriedigend sind. Es würde doch Sinn machen, diese zu automatisieren und die Leute von den uninteressanten Aspekten ihrer Tätigkeiten zu befreien. In dem Prozess werden einige ihre Arbeitsplätze verlieren. Die Frage ist, wie man die Leute weiterbilden kann, damit sie höherwertigen Tätigkeiten nachgehen können.

Trotzdem werden einige Leute auf der Strecke bleiben. Nicht alle Fließbandarbeiter können durch Weiterbildungen zu Ingenieuren werden.

Wir müssen uns natürlich eingestehen, dass einige Jobs verschwinden werden. Einige Arbeitnehmer werden tatsächlich Schwierigkeiten bekommen. In der Diskussion konzentrieren wir uns aber zu sehr auf Arbeitslosigkeit und darauf, dass Menschen ersetzt werden. Die Möglichkeiten, die sich uns dadurch bieten, blenden wir aber oft aus.

Wie kann ich mich auf dem individuellen Level auf diese Entwicklung vorbereiten? Ich weiß ja jetzt noch nicht, ob meine Arbeit in fünf Jahren von einer Maschine gemacht werden kann.


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Es ist interessant, wie sich die Erziehungssysteme verändern werden. Es wird immer weniger wichtig, zu lernen wie man eine bestimmte Sache macht. Dafür wird es wichtiger, zu lernen wie man lernt. Denn man weiß ja nicht, was als Nächstes kommt. In der Zukunft wird KI allgegenwärtig. Daran müssen sich die Erziehungssysteme anpassen. Am MIT belegt man zum Beispiel jetzt schon Machine-Learning-Kurse, selbst wenn man Geschichte studiert. Das technische Denken, das mit KI verbunden ist, könnte irgendwann die Grundausbildung ersetzen, die jeder in den Fächern Physik oder Chemie erhält. Aktuell wird der Aspekt der Weiterbildung immer wichtiger. Wir haben am INSEAD ein neues KI-Programm für Entscheidungsträger aus der Wirtschaft gestartet. Daran nehmen zum Beispiel Aufsichtsratsvorsitzende großer Firmen teil, die verstehen wollen, wie man die Möglichkeiten von KI nutzen kann.

Welche Fragen wirft KI für Unternehmen auf?

Zunächst die Frage, welche rechtlichen Verpflichtungen für die Firmen entstehen, wenn ihre Produkte KI-Komponenten enthalten. Wie bin ich haftbar, wenn beispielsweise ein Medizintechnikprodukt meiner Firma eine falsche Diagnose stellt? Eine andere Frage ist, was das für die Regulierung bedeutet. Müssen bald alle Produkte, die KI enthalten, von Behörden ähnlich wie in der Pharma- oder Flugzeugindustrie zertifiziert werden? In diesen Bereichen steht noch viel Arbeit an. Ich hoffe, dass Europa eine führende Rolle dabei einnehmen wird. In Bezug auf die Technologie liegen wir derzeit weit hinter China und den USA zurück. Ein Vorteil, den Europa allerdings hat, ist die Fähigkeit, einen politischen und regulatorischen Rahmen zu schaffen.

Die Entwicklung neuer Technologien wird ja nicht allen Menschen gleichermaßen zugutekommen. Einige, wie die Inhaber von Aktien großer Unternehmen, werden unverhältnismäßig von den enormen Produktivitätsgewinnen profitieren. Was sollte man politisch tun, um ein gesellschaftliches Auseinanderdriften zu verhindern? Sind Steuern auf bestimmte Technologieformen ein Mittel?

Das ist nicht wirklich mein Arbeitsbereich, aber natürlich habe ich eine Meinung dazu. Zunächst wird das auch das Verhältnis zwischen Unternehmen betreffen. Firmen, die sehr früh die Möglichkeiten von KI nutzen, vergrößern den Abstand zwischen sich und den technologischen Nachzüglern. In Bezug auf die Besteuerung muss man aufpassen, dass man die technologische Entwicklung nicht behindert. Letztlich ist nicht entscheidend, was in einem einzelnen Land oder einer Region geschieht, sondern es müssen globale Lösungen gefunden werden. In solch einem Rahmen kann man sich dann darauf einigen, dass bestimmte Sachen gemacht werden macht, andere aber nicht.


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