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Kryptowährungen setzen Banken unter Zugzwang
Wirtschaft 6 Min. 25.06.2021 Aus unserem online-Archiv
Geldanlage

Kryptowährungen setzen Banken unter Zugzwang

Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum rücken in den Mainstream.
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Kryptowährungen setzen Banken unter Zugzwang

Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum rücken in den Mainstream.
Foto: Shutterstock
Wirtschaft 6 Min. 25.06.2021 Aus unserem online-Archiv
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Kryptowährungen setzen Banken unter Zugzwang

Marlene BREY
Marlene BREY
Viele Kunden interessieren sich für Bitcoin und Co. Doch die Geldhäuser zögern, Angebote zu schaffen – besonders in Luxemburg.

Spätestens Elon Musks Tweets und die folgenden gewaltigen Kursschwankungen haben den Bitcoin in den Mainstream getragen. Die Kryptowährung erfreut sich wachsender Bekanntheit und Beliebtheit. Hinzu kam der Boom bei Kleinanlegern während der Corona-Krise. 

Angeblich regelt die Nachfrage das Angebot. Doch das stimmt nicht immer, wie der Hype um Bitcoin und Co. zeigt. Denn viele Kunden haben zwar großes Interesse an den sogenannten Digital Assets, doch Banken ziehen nur zögerlich mit dem Angebot nach.


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Viele Jahre haben die Institute das Thema weitgehend ignoriert und den Bitcoin als gefährliches Spekulationsobjekt abgetan. Beispiel Goldman Sachs: Die Abteilung für Verbraucher- und Investment-Management formulierte noch im Mai 2020, dass Kryptowährungen „keine Anlageklasse“ seien, „ungeeignet für die Kunden”. Es wurde argumentiert, es ginge nur um einen Hype, der schlimmer sei als der berüchtigte Run auf holländische Tulpen in den 1600er Jahren. 

Jamie Dimon, Vorstandschef von Amerikas größter Bank JP Morgan Chase, tönte 2017, er würde seine Trader feuern, wenn sie so dumm seien, mit Bitcoin zu handeln. 

Strategiewechsel

Dann kam die Kehrtwende, zumindest auf der großen Bühne. Trotz anhaltender Turbulenzen – etwa wegen Musks Tweets – ist der Kurswechsel bei Goldman genauso wie bei JP Morgan, Morgan Stanley und vielen andere etablierten Finanzhäusern im Gange. Auch die Deutsche Bank schaut sich sehr genau an, welche Möglichkeiten der Kryptomarkt bietet. 

Dass nicht nur die Großen umdenken können, zeigt ein auf den ersten Blick ulkiges Beispiel: Bei der sächsischen Volksbank Mittweida, im äußersten Osten des Nachbarlandes, hat man sich auf Krypto-Start-ups spezialisiert. 

Und was passiert derweil in Luxemburg? 

Zumindest das Thema ist auch hierzulande angekommen. PwC Luxembourg etwa hat ein „Blockchain & Crypto-Assets Meet Up“ eingeführt. „Durch diese Reihe wollen wir die neuesten Entwicklungen und Erkenntnisse über die sich ständig weiterentwickelnde Blockchain-Technologie und ihre Anwendungen diskutieren“, heißt es auf der Webseite. Das Format ist ein einstündiges Treffen mit Experten und wird jedes Quartal organisiert. Das nächste Webinar gibt es am 30. Juni. 

Ende April fand „auch Luxembourg's first Blockchain Week“ statt. Die gut besuchte Veranstaltung umfasste eine Grundsatzrede von Premierministers Xavier Bettel, bei der dieser ankündigte, er wolle, dass Luxemburg ein „digitaler Vorreiter“ sei und „weiterhin Risiken eingehe“, wenn es um innovative Technologien wie Blockchain gehe. Auch Finanzminister Pierre Gramegna war anwesend. 


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Bei der Luxemburger Blockchain-Woche waren Luxemburgs Blockchain- und Krypto-Experten versammelt. Denn diese gibt es hier durchaus. Im LHoFT, Luxemburgs Fintech-Plattform, sitzen mindestens acht Start-ups, die sich im Feld von Kryptowährungen und Blockchain bewegen. Sie tragen Namen wie Stokr, Tokeny, MorFin, bitFlyer, CoinPlus, BlockHouse Technology, FundsDLT oder Scorechain. Da ist also einiges in Bewegung im Großherzogtum. 

Doch was heißt das praktisch für willige Anleger? 

Ein Blick auf die Banken im Land zeigt: Sie beobachten den Markt zwar immer genauer, doch daraus folgt bisher wenig. So hat etwa die BIL Mitte Juni noch ein Webinar zum Thema veranstaltet. Dort fragte die Bank: „Um das Auf und Ab der Kryptowährung zu verstehen, müssen wir zu den Grundlagen zurückkehren: Was sind die Merkmale einer Währung? Und was sind die Merkmale von Kryptowährungen? Sollten Investoren, ob groß oder klein, genauer hinschauen? Ist eine breitere Einführung möglich?“ Man nähert sich dem Thema mit großen Worten und kleinen Schritten. Ein Angebot gibt es bisher nicht. 

In der Regel stellen Kryptowährungen eine hoch spekulative Anlageform dar. Daher ist eine zukünftige Implementierung eher unwahrscheinlich.

Banque Raiffeisen

Ähnlich sieht es bei der Banque Raiffeisen aus. Hier sagt eine Sprecherin: „Banque Raiffeisen bietet bisher keine Krypto-Produkte respektive Dienstleistungen an. In der Regel stellen Kryptowährungen eine hoch spekulative Anlageform dar. Raiffeisen hingegen setzt den Fokus auf eine weniger risikobereite Anlageberatung. Daher ist eine zukünftige Implementierung in unser aktuelles Investmentportfolio, das auf Nachhaltigkeit und verantwortungsvollem Investieren basiert, zum heutigen Zeitpunkt eher unwahrscheinlich.“ 


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Auch von der ING kommt die Absage: „Krypto-Dienstleistungen sind im Moment nicht Teil unserer Strategie in Luxemburg. In Zukunft könnte sich das natürlich ändern, aber dies ist der heutige Stand.“ Ein Experte im Feld gibt zu bedenken, dass die meisten Banken hierzulande auch gar nicht die Entscheidungsgewalt haben, weil sie Ableger größerer Banken sind. So hat die Frankfurter Privatbank Hauck & Aufhäuser, die auch in Luxemburg operiert, Anfang 2021 einen Krypto-Fonds initiiert. 

Anleger finden den Weg zu Start-ups

Auswege für Anleger Anleger, die in digitale Assets investieren wollen, finden also bei den meisten Banken im Land kein Angebot und müssen sich andere Lösungen überlegen. Fündig werden sie bei Start-ups. Ein Beispiel ist Coinbase. Auf der Plattform können Kunden Kryptowährungen kaufen, verkaufen und konvertieren. Auch Bitstamp mit Lizenz aus und Sitz in Luxemburg oder die App von Revolut sind hierzulande verfügbar. 

Banken beobachten den Markt sehr genau. Die Mitarbeiter aus den Innovationsabteilungen kommen regelmäßig ins LHoFT. Sie sind sehr interessiert – aber eben auch sehr vorsichtig.

Vlad Centea, Morfin.

Noch nicht so etabliert sind die Start-ups im LHoFT. Hier sitzt etwa Vlad Centea mit seinem Fintech Morfin. Er sieht sich als Brückenbauer zwischen der Bankenwelt und der Welt der digitalen Vermögenswerte. „Banken beobachten den Markt sehr genau. Die Mitarbeiter aus den Innovationsabteilungen kommen regelmäßig ins LHoFT. Sie sind sehr interessiert – aber eben auch sehr vorsichtig“, sagt er. 


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Seine Einschätzung ist, dass die Banken damit viele Kunden verlieren. Denn das Interesse in der breiten Bevölkerung steigt. Aber nicht für jeden kommt es in Frage, über eine Kryptobörse zu gehen. „Das ist einfach komplizierter, als das Geschäft über die vertraute Bank zu regeln. Heute sind die meisten Nutzer von digitalen Assets vom Bankensystem ausgeschlossen, weil die Banken nicht ausgestattet sind, um die Compliance und die Technologie zu bewältigen. Banken müssen darum viele Chancen im Zusammenhang mit digitalen Vermögenswerten und Kunden ziehen lassen, obwohl sie gerne beteiligt wären“, erklärt er. 

Schwierigkeiten für Start-ups 

Aber nicht nur Privatanleger bedrängen die Banken wegen Kryptoangeboten – auch die Start-ups sind auf die Zusammenarbeit angewiesen. Und auch hier zeigen sich die Banken zögerlich. Ein Insider erzählt von seinen Erfahrungen: „Die meisten Banken sind hoch interessiert. Aber wenn man als Start-up auf sie zugeht, kann man oft nicht mal ein normales Unternehmenskonto eröffnen“.

Zahlreichen Krypto-Start-ups fällt es schwer, bei einer BIL, der Spuerkeess oder auch der Deutschen Bank ein Geschäftskonto zu eröffnen. Hier kommt wieder die sächsische Volksbank Mittweida ins Spiel: Sie ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine traditionelle Bank einen erfolgreichen Strategiewechsel vollziehen kann. In Mittweida hat man sich nämlich auf genau dieses Publikum spezialisiert. Wo Krypto-Firmen sonst aufgrund von Unwissenheit und Vorsicht lieber per se eine Absage erhalten, bekommen sie nun ein Angebot. Die Volksbank Mittweida leistet damit einen Beitrag zur Krypto-Adaption in Deutschland. Einen solchen Vorreiter könnte auch Luxemburg gebrauchen.

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