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Krise trifft Luxemburgs Banken
Wirtschaft 5 Min. 16.09.2020

Krise trifft Luxemburgs Banken

Noch werden Kreditraten gestundet; nächstes Jahr steht fest, welches Unternehmen liquide ist und welches nicht.

Krise trifft Luxemburgs Banken

Noch werden Kreditraten gestundet; nächstes Jahr steht fest, welches Unternehmen liquide ist und welches nicht.
Foto: Guy Wolff
Wirtschaft 5 Min. 16.09.2020

Krise trifft Luxemburgs Banken

Marco MENG
Marco MENG
Durststrecke für Unternehmen: Wegen der Corona-Pandemie und dem historischen Konjunktureinbruch wird so mancher Kredit platzen.

Die Corona-Krise schlägt auch auf die Banken durch. In welcher Heftigkeit, das weiß noch niemand. Viele Unternehmen wurden hart vom Konjunkturabsturz getroffen. Das reicht von der großen Luxair bis zum kleinen Bistro. 

Dem historischen Konjunktureinbruch folgte bislang nur eine zaghafte Erholung und wahrscheinlich ab Ende des Jahres eine Insolvenzwelle. So mancher Kredit, den Banken vergeben haben, dürfte nicht zurückgezahlt werden. Wie groß die Einbußen durch Ausfälle bei Unternehmenskrediten für die Kreditinstitute sein werden, kann kaum grob geschätzt werden. 

„Die Krise wird Spuren im Luxemburger Finanzplatz hinterlassen“, ist sich der Chef der Deutschen Bank Luxembourg, Frank Krings, sicher. Seine Bank hat im Land wohl das größte Darlehensportfolio. Kunden sind hier grenzübergreifend agierende Großunternehmen. Andere Banken haben kleine und mittlere Unternehmen sowie Freiberufler als Kunden, die gleichzeitig mit dem Auslaufen der Kreditmoratorien von der Sécurité Sociale aufgerufen werden, den baldigen Zahlungstermin für Sozialbeiträge nicht zu vergessen. Doch viele Kreditnehmer haben heute deutlich geringere Einnahmen als zu normalen Zeiten. 

„Wir hoffen auf eine V-Kurve, also eine schnelle Erholung, sobald ein Impfstoff verfügbar ist“, so sagt es Tom Baumert, Director Entrepreneurship bei der Handelskammer.  

Laut einer Untersuchung der Unternehmensberatung Oliver Wyman müssen europäische Banken in den kommenden Jahren mit Kreditverlusten von mehr als 400 Milliarden Euro rechnen. Komme es in Europa zu einem zweiten Lockdown, könnten sich diese Verluste auf 800 Milliarden Euro verdoppeln.

Erste Rückzahlungspausen laufen aus 

Eine entscheidende Hilfe für Luxemburger Unternehmen war gleich zu Beginn der Krise ein Kreditmoratorium, das heißt, die freiwillige vorübergehende Stundung der Rückzahlung von Kreditraten der Banken BCEE, BIL, BGL BNP Paribas, Raiffeisen, Banque de Luxembourg, ING und Bank of China. „Wir sehen jetzt schon eine wesentliche Reduzierung der gewährten Moratorien aufgrund abgelaufener und nicht erneuerter Moratorien beziehungsweise einer Wiederaufnahme der Rückzahlungen bei Bankkunden“, erklärt auf Nachfrage eine Sprecherin des Bankenverbandes ABBL. 

Im Einklang mit einschlägigen Leitlinien der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA), so heißt es, sollte eine Moratoriumsdauer von sechs Monaten ausreichen, um den kurzfristigen Liquiditätsproblemen Rechnung zu tragen, die sich direkt aus den nach der COVID-19-Pandemie ergriffenen Eindämmungsmaßnahmen ergeben. Der Bankenverband weiter: „Sowohl die Bankkunden als auch die Banken selbst müssen sich an die neue Normalität anpassen.“ 

Die Anwendung kurzfristiger Moratorien und ihre positiven Auswirkungen auf die Liquidität sollten nicht dazu führen, dass mögliche Solvabilitätsprobleme verschleiert werden. 


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Die Aussetzung der Rückzahlung eines laufenden Bankkredites für sechs Monate beantragten bislang mehr als 18.000 Unternehmen. Fast alle erhielten einen positiven Bescheid. Damit verzichten die Banken vorübergehen auf die Einnahmen von knapp vier Milliarden Euro. 

Ende März hatte die Regierung etliche Maßnahmen zur Stabilisierung der Wirtschaft gestartet; darunter nicht rückzahlbare Direkthilfen wie auch Staatsgarantien für neue Kredite.  Für eine Kreditsumme von bis zu 2,5 Milliarden Euro wollte der Staat garantieren. Insgesamt wurden nach Angaben der Finanzaufsichtsbehörde CSSF bis Ende August 277 mit staatlicher Garantie unterlegte Hilfskredite im Gesamtvolumen 136,7 Millionen Euro an Luxemburger Unternehmen vergeben. Der Staat trägt 85 Prozent des Kreditrisikos dieser Darlehen.  

Der Einzelhandel und das Gastronomie- und Hotelgewerbe seien die Branchen, die bisher am meisten von diesen Angeboten Gebrauch gemacht hätten, so Finanzminister Pierre Gramegna im Juni in der Finanz- und Haushaltskommission des Parlaments. 

2021 offenbart sich das ganze Ausmaß 

Mit welcher Quote an Kreditausfällen bei den Hilfskrediten gerechnet wird, dazu meint das Finanzministerium: „Da die teilnehmenden Banken 15 Prozent des Risikos tragen, kann man davon ausgehen, dass die Risikoanalyse gründlich durchgeführt wurde und es nur wenige ausfallgefährdete Kredite geben wird.“ Zugleich verweist das Ministerium darauf, dass Banken Kreditausfälle leichter wegstecken könnten, da sie im Vergleich zur Finanzkrise 2008 heute bessere Liquiditätspuffer haben.

„Diese Krise zeigt noch einmal deutlich, dass ein gesundes Bankensystem wichtig für die Wirtschaft eines Landes ist.“ Luxemburg habe durch seinen internationalen Finanz- und Bankenplatz einen wichtigen Vorteil. 

Überbrückungskredite ohne Staatsgarantie an Unternehmen vergaben die Banken von April bis Ende August 578 im Volumen von 88,6 Millionen Euro. Welches Volumen dieser Kredite wegen der Krise ausfallgefährdet ist, möchten die einzelnen Banken nicht verraten. „Es ist noch zu früh, eine solche Einschätzung zu machen“, so der Bankenverband. Die letzte Frist, eine sechsmonatige Rückzahlungspause anzufragen, ist Ende September. Ende März 2021 wird sich also die tatsächliche wirtschaftliche Situation vieler Unternehmen zeigen. 

Die Handelskammer bietet ein eigenes Mittel mit der „mutualité de cautionnement“ an, indem sie selbst als Bürge für ein Unternehmensdarlehen auftritt. Vor allem kleineren Unternehmen können so Kredite bis 250.000 Euro garantiert werden. „Unser Garantiefonds, bei dem wir für 50 Prozent der Kreditsumme garantieren, ist ein effektives Mittel, Unternehmen zu helfen“, sagt Baumert. Auch sonst solvente Unternehmen wären durch die aktuelle Krise in Finanzschwäche geraten. 

Von den 476 Anträgen von Unternehmen – elfmal mehr als in einem normalen Jahr – erhielten bereits 419 für einen Gesamtbetrag von 16 Millionen Euro ihre Zustimmung. Laut Baumert hatte die Handelskammer insbesondere in der letzten Finanzkrise die Nützlichkeit des Garantiefonds erkannt. Die Quote der Kredite, die ausfallgefährdet sind, schätzt Baumert auf fünf Prozent. Bei anhaltender Wirtschaftsflaute auf zehn Prozent. 


Wi , Tripartite Aviation , PK Centre de Conference , Richard Forson , Cargolux  , Foto:Guy Jallay/Luxemburger Wort
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Die staatliche Investitionsbank SNCI springt mit der „Anti-Krisen-Sonderfinanzierung“ ebenfalls ein und hilft Betrieben in finanziellen Schwierigkeiten mit einem Paket von 400 Millionen Euro – ohne dass es an einen definierten Verwendungszweck gebunden ist. Also kurzfristige Finanzierungshilfen, die die Firmen bis zum 31. Dezember 2020 dort einsetzen, wo das Geld am dringendsten gebraucht wird. Hier tragen die teilnehmenden Banken ein Risiko von 40 Prozent

Bislang hatte der hiesige Finanzplatz europaweit mit die geringste Quote an Kreditausfällen. Auf der anderen Seite hadern nicht nur in Europa, sondern auch im Großherzogtum die Banken mit ihrer sinkenden Rentabilität. Zusätzliche Kreditausfälle treffen da doppelt. 

2019 hatte Luxemburgs Banken eine Gesamtsumme von 665 Milliarden Euro an Krediten ausgeliehen, 30 Milliarden Euro davon an Luxemburger Unternehmen. Nicht zu vergessen dabei: die Zeit historisch niedriger Zinsen wurde von vielen genutzt; sich zu verschulden war billig wie nie. Davon sind nicht nur Unternehmen betroffen, sondern auch private Kreditnehmer. Wegen der hohen Immobilienpreise ist der Verschuldungsgrad der privaten Haushalte in Luxemburg höher als in anderen Ländern. 2018 lag der private Verschuldungsgrad bei 174 Prozent des gesamten verfügbaren Bruttoeinkommens. 

„Luxemburgs Banken waren gut aufgestellt für die Krise“, wie ABBL-Präsident Guy Hoffmann anlässlich der Jahresbilanz des Verbands im Juli sagte. „Aber das heißt nicht, dass die Krise ewig dauern darf.“ 

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