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Konferenz zur Digitalisierung: Eine Gefahr für das Sozialmodell
Wirtschaft 3 Min. 09.06.2016

Konferenz zur Digitalisierung: Eine Gefahr für das Sozialmodell

Christophe Degryse warnt vor einer verlorenen Generation, die nur die Nachteile aber nicht die Vorteile einer digitalisierten Wirtschaft erleben wird.

Konferenz zur Digitalisierung: Eine Gefahr für das Sozialmodell

Christophe Degryse warnt vor einer verlorenen Generation, die nur die Nachteile aber nicht die Vorteile einer digitalisierten Wirtschaft erleben wird.
Foto: Pierre Matgé
Wirtschaft 3 Min. 09.06.2016

Konferenz zur Digitalisierung: Eine Gefahr für das Sozialmodell

Laurent SCHMIT
Laurent SCHMIT
Die große Frage sei, wie wir die Vierte Industrielle Revolution in den Dienst der ganzen Gesellschaft stellen können, sagt der belgische Forscher Christophe Degryse. Doch er hat auch positive Nachrichten.

(las) - Viele Arbeitsplätze werden durch die Digitalisierung der Wirtschaft verloren gehen, die manch ein Experte als Vierte Industrielle Revolution bezeichnet. Das war die Hauptbotschaft einer Konferenz, die der belgische Forscher Christophe Degryse am Mittwochabend auf Einladung der Arbeitnehmerkammer hielt.

Der Ton war düster, denn die "smarte" neue Welt bestehend aus dem Internet der Dinge, Big Data, der Sharing Economy, 3D-Druckern und intelligenten Robotern wird das aktuelle Wirtschaftsmodell auf den Kopf stellen.

Selbst Jobs, die heute mittlere Qualifikationen erfordern wie etwa Sekretariatsarbeit oder Kundenbetreuung, riskieren durch Computer ersetzt zu werden. Und selbst jene Arbeiten, die den Menschen vorbehalten bleiben, weil sie noch nicht automatisiert werden können, werden schlechter bezahlt sein, warnen die Experten.

Eine verlorene Generation

"Die Experten geben unterschiedliche Prognosen ab, wie viele Arbeitsplätze verloren gehen werden, aber niemand geht vom Gegenteil aus", erklärte Degryse, der am Institut syndical européen in Brüssel forscht.

Die industriellen Revolutionen der Vergangenheit hätten gezeigt, dass in einer ersten Phase viele "alte" Jobs verloren gingen, bevor die technischen Neuerungen wie die Dampfmaschine oder die Elektrizität völlig neue Wirtschaftszweige und damit neue Jobs schufen, so Degryse.

Das Risiko einer verlorenen Generation ist groß.

Aus Sicht des Forschers wird auch die Vierte Revolution neue Jobs bringen, wie es auch etwa Jeremy Rifkin prophezeit. Das Problem sei aber, dass diese neue Ausrichtung eine bis zwei Generationen dauern könnte. "Das Risiko einer verlorenen Generation ist groß", warnt er.

Diese Generation werde eine Fragmentierung der Arbeitswelt erleben, wo jeder mehrere kleine Jobs hat, die zusammen wenig Einkünfte einbringen. Dazu komme eine steigende rechtliche Unsicherheit, die heute bei den scheinselbstständigen Fahrern des Taxi-Dienster Uber zu beobachten sei. "Die Digitalisierung setzt jeden einer weltweiten Konkurrenz von Menschen mit ähnlichem Können aus", erklärte Degryse.

Das bleibt nicht ohne Folgen für den Sozialstaat: Wird die Mittelklasse ausgehöhlt, wie manche es voraussehen, dann gefährdet dies die Form der Sozialversicherung, die wir heute kennen. Viele neue Jobs, wie etwa jener des Uber-Fahrers, gründen darauf, dass eben keine Steuern und Sozialabgaben gezahlt werden.

Übermächtige Internetplattformen

Eine Gefahr der Digitalisierung, die sich bereits heute zeigt, ist dass die Machtkonzentration in den Händen weniger Konzerne wie etwa Google, Apple oder Facebook liegt.

Der Grund ist der sogenannte Netzwerkeffekt: Alle sind bei Facebook, deshalb ist der Dienst so interessant und wächst quasi von alleine. Ein zweites "Facebook" hat dagegen wenig Erfolgsaussichten.

Wie können wir die Vierte Industrielle Revolution in den Dienst der ganzen Gesellschaft stellen?

Die europäische Wirtschaft habe diese Gefahr erst seit Kurzem erkannt, sagte Degryse. Bringt etwa Google ein Auto auf den Markt, riskiert die Autoindustrie zum Zulieferer für den US-Konzern degradiert zu werden.

Gegensteuern

Als Gesellschaft sollten wir die Chancen der Digitalisierung nutzen - z. B. indem wir alle weniger arbeiten, sagt Christophe Degryse.
Als Gesellschaft sollten wir die Chancen der Digitalisierung nutzen - z. B. indem wir alle weniger arbeiten, sagt Christophe Degryse.
Foto: Pierre Matgé

Die Digitalisierung macht allen Angst, aber sie birgt auch Chancen. "Die große Frage ist, wie wir die Vierte Industrielle Revolution in den Dienst der ganzen Gesellschaft stellen können", betonte Christophe Degryse. Einen Determinismus lehnt er ab: Die Technik gebe keinen Weg vor, es sei an der Gesellschaft diese Entwicklung zu gestalten.

Er zitierte den Chefvolkswirt der britischen Zentralbank Andy Haldane, der drei Wege sieht, die Digitalisierung zum Guten zu wenden. Dazu gehöre zum einen die Diskussion über die Senkung der Arbeitszeit, die der technische Fortschritt ermögliche.

Wichtig sei auch anzuerkennen, dass Computer manches bereits besser können als Menschen: Lesen, rechnen und bald auch schreiben. Deshalb müsse in der Bildung mehr Wert auf genuin menschliche Fähigkeiten gelegt werden: Beziehungen aufzubauen, zu verhandeln usw. Und schließlich müsse über Umverteilung diskutiert werden - eine Art Automatisierungsdividende, die allen zugute kommt.

Die Debatte über Digitalisierung ist in Luxemburg zu sehr auf wirtschaftliche Aspekte zentriert.

Kritik an "Digital Lëtzebuerg"

Um die Digitalisierung ins Positive zu lenken, braucht es eine gesellschaftliche Debatte. Luxemburg ist eines der wenigen Länder in Europa, die darüber bereits diskutieren, sagte Degryse. Allerdings sind die Gewerkschaften an "Digital Lëtzebuerg" und den Arbeitsgruppen der Rifkin-Studie nicht beteiligt.

"Die Debatte in Luxemburg ist zu sehr auf wirtschaftliche Aspekte zentriert", kritisierte der Präsident der Arbeitnehmerkammer Jean-Claude Reding. Er habe dem Arbeitsminister Nicolas Schmit vorgeschlagen, die Berufskammern zu den sozialen Folgen der Vierten Industriellen Revolution zu konsultieren.

Reding sieht durchaus ein gemeinsames Interesse von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Unlauterer Wettbewerb durch Airbnb oder Uber schade allen und niemand wolle mehr Schwarzarbeit. Themen wie neue Formen der Umverteilung oder die Senkung der Arbeitszeit müssten diskutiert werden, meinte Reding.


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