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Kollektivvertrag im Bankgewerbe: Aleba als „nützlicher Idiot“
Wirtschaft 3 Min. 19.11.2020

Kollektivvertrag im Bankgewerbe: Aleba als „nützlicher Idiot“

Auf der Arbeitnehmerseite im Finanzsektor herrscht Unstimmigkeit.

Kollektivvertrag im Bankgewerbe: Aleba als „nützlicher Idiot“

Auf der Arbeitnehmerseite im Finanzsektor herrscht Unstimmigkeit.
Foto: Guy Wolff
Wirtschaft 3 Min. 19.11.2020

Kollektivvertrag im Bankgewerbe: Aleba als „nützlicher Idiot“

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
Die Gewerkschaften OGBL und LCGB bemängeln „Alleingang“ der Aleba bei den Tarifverhandlungen im Bank- und Versicherungsgewerbe.

Als einseitige und gegen die Interessen der Beschäftigten gerichtete Vereinbarung bezeichnen die Gewerkschaften OGBL-SBA und LCGB-SESF das Abkommen zwischen der Aleba, der Bankenvereinigung (ABBL) und dem Verband der Luxemburger Versicherungen (ACA). Die drei Parteien hatten am 9. November eine Grundsatzvereinbarung angekündigt, um einen neuen Tarifvertrag für die nächsten drei Jahre abzuschließen. Die Gewerkschaften OGBL-SBA und LCGB-SESF zeigen sich über das Vorgehen verärgert und prangern die „Geheimverhandlungen“, die zwischen den drei Parteien stattgefunden haben, an.

„Wir haben seit Jahrzehnten an den Verhandlungen der beiden Tarifverträge  teilgenommen. Wir können uns nicht erklären, warum die Aleba jetzt im Alleingang handelt“, sagt Véronique Eischen, Mitglied des OGBL-Exekutivbüros. „Wir können auch nicht verstehen, warum die Aleba jetzt die Gewerkschaftsfront sprengt. Die einzig mögliche Antwort wäre, dass die Vertreter der Aleba die nützlichen Idioten der ABBL und ACA sind“. 

Zudem bedauert die Gewerkschaft, dass die Delegierten in den Unternehmen nicht über die Verhandlungen informiert wurden. „Man muss sich die Frage stellen, wo diese Verhandlungen überhaupt stattgefunden haben, in welcher Küche, in welchem Bistro oder in welchem Hinterzimmer und mit wem“, sagt Véronique Eischen und wirft der Aleba in diesem Zusammenhang „Desinformation“ vor.  

„Rechtlich fragwürdig“

Die Gewerkschaft bezeichnet die Vorgehensweise der Aleba als „Trauerspiel“ und unter rechtlichen Gesichtspunkten als „äußerst fragwürdig“. Das Kollektivvertragsgesetz siehe nämlich vor, dass bei Verhandlungen eine „Commission de négociation“ eingesetzt wird, in der die national repräsentativen Gewerkschaften einbezogen werden. „Und in diesem Fall sind das der OGBL und der LCGB“, betont Véronique Eischen.

Sie weist darauf hin, dass die beiden Gewerkschaften in den letzten Sozialwahlen zusammen 50,78 Prozent der Stimmen in der Arbeitnehmerkammer (CSL) bekommen haben - die Aleba nur 49,2 Prozent und „das ist eine Minorität, keine Mehrheit mehr“, sagt Véronique Eischen. 


Une nouvelle convention collective pour la banque et l'assurance
L'ABBL et l'ACA ont annoncé lundi soir avoir trouvé un accord de principe avec l'Aleba pour une convention collective pour les années 2021-2023.

Laut Gewerkschaft darf die Aleba somit die Kollektivverträge nicht alleine unterschreiben. „Wir dürfen die Tarifverträge auch nicht alleine unterschreiben - wir können das nur mit der Aleba zusammen machen“, stellt die Gewerkschaftlerin klar. Und fügt hinzu: „Deshalb verstehen wir nicht,  warum gerade jetzt die Aleba und die Arbeitgeberseite diesen Weg eingeschlagen haben. Diesen Gang hätten wir uns sparen können.“  

„Eine schlechte Vereinbarung“

Darüber hinaus kritisiert Véronique Eischen eine durchaus „schlechte Vereinbarung“. „Fakt ist, dass die Arbeitgeber die einzigen Gewinner sind“, bedauert Véronique Eischen und wirft der Aleba vor, die Beschäftigten aus dem Bank- und Versicherungsgewerbe „verraten zu haben“. 

Schlimmer noch: „Der Generalsekretär der Aleba hat zugegeben, keine Lust auf sechsmonatige Verhandlungen zu haben. Das aber ist die eigentliche Arbeit einer Gewerkschaft - verhandeln, um substanzielle Verbesserungen für die Beschäftigten zu erreichen. Die Aleba hat sich aber für den kleinsten gemeinsamen Nenner entschieden.“ Das entspreche nicht den ethischen Grundsätzen und Regeln einer Gewerkschaft.

Auch der Präsident des LGCB-SESF Gabriel Di Letizia kritisiert, dass die Aleba den vergangenen Kollektivertrag eins zu eins übernommen hat. „Das ist eigentlich ein Skandal, denn dem Bankensektor und den Versicherungen geht es sehr gut – sie haben sich recht gut durch die Krise geschlagen. Es gibt also keinen Grund, den Kollektivvertrag 2018-2020 ohne Verbesserungen weiterzuführen“, meint auch Véronique Eischen. 

„Wir sind der Meinung, dass Anpassungen zum Wohle der Mitarbeiter des Finanzplatzes vorgenommen werden müssen“, sagt Gabriel Di Letizia und verweist auf „die sehr späte Einführung neuer Funktionsgruppen“ oder Praktiken „à la tête du client“ innerhalb der Bankinstitute. „All diese Situationen prangern wir in unserem gemeinsamen Forderungskatalog an“, sagt er. 

Verbesserungspotenzial

Auch Véronique Eischen sieht Verbesserungspotenzial etwa bei der Thematik der „falschen Führungskräfte“. „Diese Frage soll unserer Meinung nach nicht über die Luxemburger Gerichte geregelt werden, sondern im künftigen Kollektivvertrag“, sagt sie. Sie fordert aber auch Garantien für den Erhalt von Arbeitsplätzen und Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wichtig sei in Corona-Zeiten und Heimarbeit auch ein Recht auf Abschaltung, „da es im Augenblick keine Kontrolle gibt“, betont Véronique Eischen. 

Die beiden Gewerkschaftler wollen nun die Verhandlungen weiterführen und ihren Forderungskatalog vorstellen. „Wir halten uns an die normalen Prozesse“, so Di Letizia. Auf welche Seite sich die Aleba stellen wird, ist nicht geklärt. „Sie hat ja bereits eine Grundsatzvereinbarung mit der Arbeitgeberseite angekündigt.“

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