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Kleiner Kredit, große Krise
Wirtschaft 4 Min. 18.11.2020

Kleiner Kredit, große Krise

Als Instrument in der Armutsbekämpfung sind Mikrokredite inzwischen umstritten.

Kleiner Kredit, große Krise

Als Instrument in der Armutsbekämpfung sind Mikrokredite inzwischen umstritten.
Foto: Getty Images
Wirtschaft 4 Min. 18.11.2020

Kleiner Kredit, große Krise

Marlene BREY
Marlene BREY
Mikrokredite sollen Menschen aus der Armut befreien – in der Pandemie können viele ihre Raten nicht bezahlen.

Mikrokredite werden häufig an Kleinunternehmer in Entwicklungsländern vergeben. Als Instrument in der Armutsbekämpfung sind sie jedoch inzwischen umstritten. Die Corona-Krise trifft nun sowohl Kreditnehmer als auch Mikrofinanzinstitute (MFIs). 

Am heutigen Mittwoch beginnt die European Microfinance Week in Luxemburg. Jedes Jahr treffen sich hier Experten zum Thema Mikrofinanzen und finanzielle Inklusion. Daniel Rozas ist Senior Microfinance Expert der European Microfinance Platform, welche die Veranstaltung ausrichtet.

Daniel Rozas, schildern Sie doch bitte mal einen klassischen Fall für einen Mikrokredit und wo jetzt in der Corona-Krise das Problem liegt. 

Viele Tuk-Tuk-Fahrer in Asien nehmen zum Beispiel einen Kredit auf, um sich ein Tuk-Tuk kaufen zu können. In der Corona-Krise bleiben die Touristen aus und damit das Einkommen. Einige können dann ihre Raten nicht zurückzahlen.  

Daniel Rozas ist Senior Microfinance Expert der European Microfinance Platform.
Daniel Rozas ist Senior Microfinance Expert der European Microfinance Platform.
Foto: Privat

Was ist in der Corona-Krise das größte Risiko für die Geldgeber, also die Mikrofinanzinstitute (MFIs)? 

Definitiv, dass Kredite nicht zurückgezahlt werden. Viele arme Staaten wurden heftig von der Pandemie erschüttert. Selbst wenn Länder keine hohen Fallzahlen haben, sind die ökonomischen Folgen massiv: im Tourismus, in der Textilbranche oder auf Baustellen haben viele ihren Job verloren oder ihr Einkommen ist gesunken. Darunter sind auch Menschen, die Mikrokredite aufgenommen haben. Sie geraten jetzt in Zahlungsschwierigkeiten.  

Den Ärmsten der Welt droht also Überschuldung. Wie haben die Geldgeber darauf reagiert? 

Viele MFIs haben die Konditionen für Kredite verändert: Fristen verlängert, Raten reduziert oder ausgesetzt. In einigen Ländern haben das die Regierungen gefordert. Den Markt in Kambodscha kenne ich besonders gut. Über 2,5 Millionen Menschen haben bei MFIs Geld geliehen, durchschnittlich 3.800 US-Dollar. Hier wurden im Frühjahr rund 15 Prozent der Kredite umgeschuldet. Die Zahl dürfte jetzt höher sein. 

Die meisten dieser Moratorien wurden im April gewährt, sie laufen in diesen Wochen aus. Hier ist die Frage: Wie viele dieser kritischen Kunden können ihre Kredite in welcher Höhe bedienen und wann? Wie viele werden gar nicht zahlen können? Wir werden erst Mitte nächsten Jahres wissen, was Institutionen als Verlust verbuchen müssen. 

Wenn MFIs insolvent gehen, die auch Bankeinlagen von Kunden haben, löst das ein großes Problem aus, weil nicht nur Investoren betroffen sind, sondern auch die Armen selbst ihr Geld verlieren. 

Wie hat die Krise die Nachfrage nach Mikrokrediten verändert? 

Es gibt Bereiche, die in der Krise gewachsen sind. Selbstständige, die in Dörfern Medikamente verteilen oder bestimmte Lebensmittel verkaufen, hatten eine höhere Nachfrage. Dort gab es weiterhin Bedarf an Krediten. Aber das sind Ausnahmen. Grundsätzlich ist die Nachfrage zurückgegangen. Wer trotz Krise einen Kredit aufnimmt, will das Risiko minimieren und nimmt weniger Geld auf, beispielsweise 500 Dollar statt 1 500. 

MFIs haben also zwei Probleme: Die Nachfrage nach Mikrokrediten sinkt und Kreditnehmer haben Zahlungsschwierigkeiten. Was sind die Folgen für die Institutionen? 

Es gibt viele verschiedene MFIs. In normalen Zeiten funktionieren alle diese Modelle. Aber jetzt sieht man, welche Einrichtungen gut geführt werden.  


Interview Christoph Pausch, Executive Secretary of the European Microfinance Platform, le 27 Novembre 2017. Photo: Chris Karaba
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Am Mittwoch beginnt die „European Microfinance Week“, die jährlich von der europäischen Plattform für Mikrofinanzierung (e-MFP) organisiert wird. Christoph Pausch, Generalsekretär der e-MFP, blickt auf die Entwicklung der Kleinstkredite zurück.

 

Ob sie die Krise überstehen, hängt von der Liquidität ab, wie viel Eigenkapital sie haben, aber auch davon, wer die Kunden sind. Eine der wenigen Gewissheiten ist: Covid wird den Markt restrukturieren. Einige werden die Krise nicht überstehen. Diejenigen, die schon mit früheren Krisen umgehen mussten, haben sich dieses Mal wesentlich besser geschlagen.   

Bei Krisen-Gewinnern spielt die Digitalisierung oft eine wichtige Rolle. Auch die Zukunft von Microfinance ist digital, hieß es auf der letzten Microfinance Week. Corona hat für einen Boom in der Digitalisierung gesorgt – auch bei MFIs? 

Ja, digitales Bezahlen und digitale Plattformen haben zugenommen. Das ist wie bei anderen digitalen Tools auch: Die meisten dieser Angebote waren schon vor der Krise da, aber sie wurden nicht so intensiv genutzt. 

Haben die Ärmsten der Welt denn Zugang zum Internet? 

Auch die ärmsten Familien haben in der Regel ein Handy – nicht unbedingt ein Smartphone, aber für viele digitale Plattformen braucht man das auch nicht. Tastenkombinationen reichen aus, um sie zu bedienen. Andere leihen ein Telefon aus. Das ist die Sache mit moderner Armut. Es gibt Menschen, die nicht genug Geld haben, um ausreichend zu essen, aber sie besitzen ein Handy. Auch im ärmsten Dorf findet man zumindest einige Haushalte mit Handys und so können viele digitale Plattformen nutzen. 

Warum gibt es hier einen Anstieg an digitalen Transaktionen? 

Viele Menschen befinden sich im Lockdown, die Mobilität ist eingeschränkt. Einige lebten zum Beispiel in der Stadt und sind einmal im Monat in ihr Heimatdorf gereist, um ihren Familien Geld zu bringen. Das geht jetzt nicht mehr. Der Bedarf Geld zu versenden, hat sich verändert. Auch hier gilt wieder: Die MFIs, die eine Online-Plattform hatten, waren in der Krise besser aufgestellt. 

Luxemburg ist einer der größten Märkte für Mikrofinanzen. Wie ist der Standort von der Krise betroffen? 

Kurzfristig gibt es eine Verlangsamung der Aktivitäten. Luxemburg dürfte aber nicht auf lange Sicht betroffen sein. Es könnte sein, dass die nachhaltigen Investoren, die wir hier haben, in Zukunft wichtiger werden. Bei Kreditgebern, die kein dezidiertes Interesse an sozialem Investment haben, ist es wahrscheinlicher, dass sie bei einer schwierigen Marktlage davonlaufen. Die sozialen Investoren haben dagegen längerfristige Interessen. Das heißt nicht, dass der Markt wächst, aber dass er eine neue Glaubhaftigkeit bekommt.  

Das klingt, als könnte die Krise auch eine positive Seite haben. 

Ich glaube, wir werden viele Lektionen aus der Covid-Krise mitnehmen und wir werden auf der European Microfinance Week besprechen, welche das sind. 

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