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Hohe Löhne sind in Luxemburg nicht das, was sie zu sein scheinen
Wirtschaft 3 Min. 02.06.2021
Kaufkraft im Vergleich

Hohe Löhne sind in Luxemburg nicht das, was sie zu sein scheinen

Was am Monatsende übrig bleibt, hängt nicht nur vom Gehalt, sondern auch davon ab, was das alltägliche Leben kostet.
Kaufkraft im Vergleich

Hohe Löhne sind in Luxemburg nicht das, was sie zu sein scheinen

Was am Monatsende übrig bleibt, hängt nicht nur vom Gehalt, sondern auch davon ab, was das alltägliche Leben kostet.
Foto: LW-Archiv
Wirtschaft 3 Min. 02.06.2021
Kaufkraft im Vergleich

Hohe Löhne sind in Luxemburg nicht das, was sie zu sein scheinen

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
Nirgendwo in Europa können Arbeitnehmer mehr verdienen als im Großherzogtum. Setzt man die Gehälter jedoch in Verbindung mit der Kaufkraft, ergibt sich ein ganz anderes Bild.

Es gibt viele Gründe, in Luxemburg zu arbeiten. Dazu gehören auch die hohen Gehälter. Nirgendwo in Europa können Arbeitnehmer mehr verdienen als im Großherzogtum. Setzt man die Gehälter jedoch in Verbindung mit der Kaufkraft des jeweiligen Landes, ergibt sich ein ganz anderes Bild, wie der Statec in seiner Veröffentlichung „Regards“ zeigt. 

So liegt etwa das durchschnittliche Bruttojahresgehalt im Großherzogtum bei 64.932 Euro. Das sind 182 Prozent des europäischen Durchschnitts. Bulgarien weist mit 8.147 Euro lediglich 23 Prozent des europäischen Durchschnitts auf. Der Abstand zwischen Luxemburg und Bulgarien beträgt somit 8 zu 1. Wenn man jedoch die Kaufkraft berücksichtigt, verringert sich der Abstand: Das durchschnittliche Bruttojahresgehalt in Luxemburg – ausgedrückt in SPA (standard de pouvoir d'achat) – beträgt nur noch 145 Prozent des europäischen Durchschnitts und das Durchschnittsgehalt in Bulgarien fällt auf 45 Prozent zurück. „Der Abstand zwischen Luxemburg und Bulgarien reduziert sich damit auf ein Verhältnis von 3 zu 12“, so der Statec. 


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Diese Unterschiede ergeben sich auch im Vergleich mit anderen Ländern. Das durchschnittliche Bruttojahresgehalt in Frankreich beträgt 58 Prozent des luxemburgischen Durchschnittsgehalts, rechnet man aber die Kaufkraft hinzu, sind es 67 Prozent. Im Vergleich zu Belgien steigt der Prozentsatz von 71 Prozent auf 80 Prozent, im Vergleich zu Deutschland von 69 Prozent auf 84 Prozent. 

Jede Branche ist anders

Der Statec weist auch darauf hin, dass die meisten internationalen Statistiken auf einem durchschnittlichen (oder medianen) Lohn beruhen, der für die gesamte Wirtschaft eines Landes ermittelt wird. Dieser Durchschnittslohn wird jedoch weitgehend von der Zusammensetzung der Beschäftigung nach Branchen beeinflusst, wobei die erforderlichen Spezialisierungsgrade von Branche zu Branche stark variieren. 

Im Großherzogtum nehmen etwa die Finanz- und Versicherungstätigkeiten eine dominierende Stellung ein: Sie machen 13 Prozent der Beschäftigung aus, während spezialisierte, wissenschaftliche und technische Tätigkeiten weitere neun Prozent darstellen. Allein in diesen beiden Branchen sind 22 Prozent der Mitarbeiter beschäftigt, verglichen mit nur acht Prozent in Belgien, neun Prozent in Deutschland und elf Prozent in Frankreich. „Dennoch sind dies zwei der drei bestbezahlten Branchen, in denen hauptsächlich Hochschulabsolventen beschäftigt sind. Die Auswirkungen auf den Durchschnittslohn sind daher sehr signifikant“, schreibt der Statec. 

Der Bausektor ist mit elf Prozent der Beschäftigten in Luxemburg ein viel größerer Arbeitgeber als in den anderen europäischen Ländern; dort liegt der Durchschnitt bei lediglich fünf Prozent. 


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Umgekehrt spielen andere Branchen in Luxemburg eine „schwächere“ Rolle: Der Handel zum Beispiel beschäftigt nur elf Prozent, verglichen mit 15 Prozent in der Eurozone. In der Industrie ist die Kluft noch größer: Die Branche beschäftigt in Luxemburg nur 10 Prozent der Arbeitskräfte, während sie in der Europäischen Union 22 Prozent und in Deutschland sogar 24 Prozent der Arbeitsplätze ausmacht. 

Der Statec weist auch darauf hin, dass die Durchschnittslöhne in Luxemburg in der Tat in bestimmten Branchen, wie dem Bildungswesen, der öffentlichen Verwaltung, dem Gesundheits- und Sozialwesen sowie dem Finanz- und Versicherungswesen, deutlich höher sind als in den Nachbarländern. „In anderen Branchen ist der Abstand jedoch geringer. Luxemburg hat sogar niedrigere Durchschnittslöhne als einige seiner Nachbarn. Dies gilt für administrative und unterstützende Dienstleistungen, Hotels und Restaurants, Handel, Bau und Industrie.“ 

Höhere Prämien in Luxemburg

Hinzu kommt, dass der durchschnittliche Anteil von unregelmäßigen Prämien (Jahresendprämien; 13. Monat usw.) an den Jahresgehältern in Luxemburg mit 15 Prozent besonders hoch ist – der europäische Durchschnitt liegt bei nur acht Prozent. Schließlich ist der durchschnittliche Stundenlohn in einigen europäischen Regionen höher als in Luxemburg, wenn man die Kaufkraft berücksichtigt. So haben etwa innerhalb der EU Hamburg, Bayern und Ile de France durchschnittliche Stundenlöhne, die höher sind als die in Luxemburg. Das Gleiche gilt für die Schweiz und London


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