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Kasinokapitalismus: Investieren oder spekulieren
Immer höhere Vermögenswerte dienen ausschließlich der Spekulation.

Kasinokapitalismus: Investieren oder spekulieren

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Immer höhere Vermögenswerte dienen ausschließlich der Spekulation.
Wirtschaft 01.03.2017

Kasinokapitalismus: Investieren oder spekulieren

Laurent SCHMIT
Seit der Finanzkrise werden Banken strenger kontrolliert, doch viele Aktivitäten werden ohne Regeln betrieben und dienen ausschließlich der möglichst schnellen Profimaximierung. Ein Blick auf den Kasinokapitalismus.

(las) - Schattenbanken, Börsentransaktionen im Billionstel einer Sekunde, Heuschreckenfonds: Es mangelt nicht an düsteren Beschreibungen von hochspekulativen Geschäften in der heutigen Finanzwelt.

Der knackige Begriff des Kasinokapitalismus fasst dies zusammen. Konkret bedeutet dies, dass ein immer größerer Teil des weltweit verfügbaren Vermögens nur noch zur Spekulation verwendet wird – oft von Superreichen. Das Geld bleibt in einem geschlossenen Kreislauf, der kaum noch etwas mit der Realwirtschaft zu tun hat, erklärt Jean-Sébastien Zippert vom Verein Etika.

Die Gefahr: Bei Gewinnmargen von 40 Prozent bleibt das Allgemeinwohl auf der Strecke. Die Finanzkrise 2007/2008 zeigte, dass die Spekulationsblasen sehr deutliche Spuren hinterlassen.

Gefährliche Seifenblasen

Wirklich neu ist das Phänomen nicht, denn der berühmte Ökonom John Maynard Keynes zog den Vergleich zwischen Finanzwelt und Kasino bereits 1936. Die Frage sei jedoch, welches Ausmaß das „Spiel“ nehme: „Spekulanten mögen unschädlich sein als Seifenblase auf einem steten Strom der Unternehmungslust. Aber die Lage wird ernsthaft, wenn die Unternehmungslust die Seifenblase auf einem Strudel der Spekulation wird“, so Keynes.

Doch Seifenblasen platzen irgendwann, und deshalb versuchte die Politik ab den 1930er Jahren, die Finanzwelt in den Griff zu bekommen. Seither hat das Pendel mehrmals ausgeschlagen: Deregulierung in den 1980er und 1990er Jahren, dann wieder strengere Regeln nach der Finanzkrise, die jetzt von Trumps US-Regierung wieder in Frage gestellt werden.

Europa tut sich schwer

Das klassische Bankgeschäft sei gut reguliert, meint Zippert. Doch Organisationen wie etwa Finance Watch warnen vor Risiken, die Banken außerhalb ihrer Bilanz verstecken. Dazu kommen die „Schattenbanken“, sprich Akteure die Kredite vergeben, aber keine Banken sind.

In beiden Fällen tue sich die Europäische Union schwer, diese Praktiken zu kontrollieren, so Zippert. Die Lösung aus seiner Sicht: Die Bürger über die Risiken aufklären, wie es etwa Etika in einer Seminarreihe tut.


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