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Jan de Nul schult seine Schiffsbesatzungen in Capellen
Wirtschaft 6 Min. 23.11.2019

Jan de Nul schult seine Schiffsbesatzungen in Capellen

Der Kapitan der Taillevent von Jan de Nul auf der Brücke: Die Schiffsbesatzungen müssen ständig trainiert werden.

Jan de Nul schult seine Schiffsbesatzungen in Capellen

Der Kapitan der Taillevent von Jan de Nul auf der Brücke: Die Schiffsbesatzungen müssen ständig trainiert werden.
Foto: Marco Meng
Wirtschaft 6 Min. 23.11.2019

Jan de Nul schult seine Schiffsbesatzungen in Capellen

Marco MENG
Marco MENG
Kapitäne und Crewmitglieder der weltgrößten Hochseebagger-Flotte müssen ständig auf den technisch und regulatorisch neusten Stand gebracht werden.

Mit 94 Schiffen, darunter 80 unter Luxemburger Flagge, ist die Jan de Nul-Gruppe weltweit auf allen Ozeanen aktiv, baut Häfen, errichtet Windparks, schüttet künstliche Inseln auf. 

Wie in allen Branchen muss sich auch die Schiffsbesatzung von Jan de Nul – das sind insgesamt 3.200 Personen, darunter 160 Kapitäne – stets weiterbilden und auf den neusten technischen Stand bringen. 

Das Unternehmen mit der weltgrößten Hochseebagger-Flotte hat darum am Firmensitz in Capellen die „Jan de Nul Academy“ eingerichtet. Regelmäßig werden hier die Besatzungsmitglieder geschult. 

30 Kapitäne bei einem Seminar in Capellen: Immer auf dem neusten regulatorischen und technischen Stand sein,
30 Kapitäne bei einem Seminar in Capellen: Immer auf dem neusten regulatorischen und technischen Stand sein,
Foto: Anouk Antony

Yves Bosteels, seit 25 Jahren bei Jan de Nul, wo er einst das operative Geschäft in Teilen Südostasiens, Australien und Indien leitete, ist heute in Capellen für „Jan de Nul Academy“ zuständig.

„2016 gründeten wir diese Abteilung, die wir KPI (dt. Wissen, Prozesse, Innovation, d. Red.) nennen, um unsere Mitarbeiter zu schulen“, sagt Bosteels. Alle zwei Wochen findet in Capellen ein Training statt, andere werden im belgischen Aalst abgehalten. 

Jedes Jahr kommen zwischen 60 und 80 Schiffskapitäne zu einem von zwei organisierten Masters-Meetings nach Capellen für ein anderthalbtägiges Seminar, andere Trainings dauern einen Tag, mache fünf Tage. 

Aufgrund der Vielzahl an Mitarbeitern und der Tatsache, dass effektives Lernen nur in kleinen Klassenräumen erfolgreich ist, hat das Unternehmen zudem E-Learning-Module von 15-30 Minuten Länge entwickelt. „Das ist für uns eine einfache Möglichkeit, Informationen mit den Mitarbeitern auf See zu teilen“, sagt Bosteels. 

An diesem Simulator kann das Arbeitern mit dem Schiffsbagger simuliert werden.
An diesem Simulator kann das Arbeitern mit dem Schiffsbagger simuliert werden.
Foto: Anouk Antony

Wurde früher an Bord oft Niederländisch und Flämisch gesprochen, so ist es heute vor allem Englisch. Die Mitarbeiter an Bord sind aus 70 Nationen. Auf dem neusten Stand sein Verschiedene Abteilungen kommen zum Training nach Capellen. 

Zweimal im Jahr wird ein Sicherheitstraining organisiert, aber auch Trainings zu Business-Development oder Umweltschutz finden hier statt oder aktuell die Schulungen der Kapitäne und Chefingenieure bezüglich der neuen Treibstoffrichtlinie, die nächstes Jahr in Kraft tritt und die weitere Verwendung von Schweröl als Treibstoff untersagt. 

Yves Bosteels leitet die "Jan de Nul Academy".
Yves Bosteels leitet die "Jan de Nul Academy".
Foto: Anouk Antony

„Ab 2020 müssen wir Marinediesel tanken“, erklärt Bosteels, „der zweimal so teuer ist wie das bislang getankte Schweröl. Aber Marinediesel ist unserer Einschätzung nach besser für die Umwelt als Flüssiggas (LNG).“ Im Sommer letzten Jahres stellte Jan de Nul nach dem Stapellauf das Saugbaggerschiff „Diogo Cão“ mit integriertem Abgasreinigungssystem unter Luxemburger Flagge in Dienst. 

Insgesamt gab Jan De Nul Group sechs solcher emissionsarmen Laderaumsaugbaggerschiffe in Auftrag. Auch der ebenfalls unter Luxemburger Flagge fahrende Hopperbagger „Alexander von Humboldt“ wird künftig mit erneuerbarem Biobrennstoff aus zertifizierten und nachhaltigen Abfallströmen fahren. 

Teils beruhen die Trainings, die in der Jan de Nul Academy durchgeführt werden, auf gesetzlichen Regelungen, teils sind sie intern. Macht man solche Trainings nicht, läuft man Gefahr, den Zuschlag für ein Projekt zu verlieren: nicht wegen des Preises, sondern weil keine Nachweise für bestimmte Trainings vorhanden sind. So ist heute zum Beispiel eine Zertifizierung durch das Project Management Institute (PMI) wichtig: Weltweit anerkannt bescheinigt dieses Zertifikat die Erfahrung, Ausbildung und Befähigung, Projekte zu führen und zu leiten. 

Die Schiffe von  Jan de Nul sind speziell: die technische Bedienung muss geübt werden.
Die Schiffe von Jan de Nul sind speziell: die technische Bedienung muss geübt werden.
Foto: Anouk Antony

Auch jeder, der neu zu Jan de Nul kommt, erhält entsprechend seiner beruflichen Ausbildung ein Einstiegstraining auf der eigenen Akademie, das bis zu vier Wochen dauert. Mitarbeiter, die gar nicht auf dem Schiff beschäftigt werden, durchlaufen ebenfalls ein „On-Board“-Grundtraining, so dass sich alle neuen Mitarbeiter, egal welchen Berufes, zusammen in einem Klassenzimmer kennenlernen. 

„Und abends beim gemeinsamen Dinner werden dann alte Seemannsgeschichten erzählt”, scherzt Bosteels.  

Die Trainings sind auch darum wichtig, weil immer mehr Kunden Nachweise verlangen und Jan de Nul alles dokumentieren muss. In mehr als 120 Ländern ist jan de Nul aktiv, und das Unternehmen, seine Schiffe und Besatzungen müssen mit den Regeln und Gesetzen jedes dieser Länder konform sein. 

Eine Kapitänsausbildung selbst bieten Schiffsunternehmen wie Jan de Nul nicht an: Dafür muss auf einer Seefahrtsschule eine vierjährige Ausbildung bis hin zum Kapitänspatent durchlaufen werden. 

Training am Simulator 

Was Kapitäne und jene Crewmitglieder, die später die Baggerarbeiten durchführen, ebenfalls in Luxemburg lernen, ist der Umgang mit dem Schiffsbagger, wofür in Capellen und Aalst Simulatoren stehen. Diese können so programmiert werden, dass Situationen für bestimmte Projekte simuliert werden können bis hin zur Schwere des Sandes, das ausgebaggert werden soll. 

So wurde kürzlich eine Mannschaft eines Schiffes, das ein Projekt mit besonderen Bedingungen vor Australien durchzuführen hatte, extra dafür zum Simulator für ein fünftägiges Training bestellt. Am Simulator wird auch die Bewältigung von Schwierigkeiten geübt. Denn die Arbeiten, die Jan de Nul durchführt, müssen nicht nur präzise durchgeführt werden, sondern können auch für die Schiffsbesatzungen gefährlich werden. 

Am Simulator kann auch das Beheben von Problemen geübt werden.
Am Simulator kann auch das Beheben von Problemen geübt werden.
Foto: Anouk Antony

François Riga ist Kapitän der „Joseph Plateau“, das unter Luxemburger Flagge fährt und mit 36 000 Tonnen Leergewicht und 191 Metern länge das Größte seiner Art ist. 

Es gehört zu jenen Schiffen der Jan De Nul-Gruppe, das von ihr selbst konstruiert und dann auf Maß hergestellt wurde. Es ist dafür konzipiert, Steine und Felsblöcke zu positionieren, um Meeresboden zu stabilisieren, Pipelines zu schützen oder das Fundament für Offshore-Windanlagen zu bereiten. Riga hatte schon früh den Wunsch, zur See zu gehen und Kapitän zu werden. Nachdem er sein Kapitänspatent erhalten hatte, ging er zur Handelsmarine und fuhr etwa acht Jahre lang Containerschiffe und Tanker über die Weltmeere. Der Wechsel zu Jan de Nul war „der Wechsel zu einem völlig anderen Job”, erläutert Riga. 


Ozeanriese und Arbeitspferd
Luxemburg ist keine Seefahrernation. Dennoch ist die Flagge mit dem roten Löwen als Wappentier auf allen Weltmeeren präsent. Grund dafür ist der 1990 eingeführte „Pavillon maritime“, der sich nach anfänglichen Widerständen zur Erfolgsgeschichte gemausert hat. 245 Handelsschiffe fahren heutzutage unter Luxemburger Flagge. Jüngster Zuwachs im Schifffahrtsregister ist die zur Jan De Nul-Gruppe gehörende „Joseph Plateau“.

 Denn war vorher seine Aufgabe, Ware von einem Hafen zum anderen zu bringen, so ist es heute, Arbeiten zu verrichten wie Hafenbecken auszubaggern oder Windkraftkräder auf hoher See zu errichten. „Die Schiffe, die ich früher fuhr, waren für den Transport von Gütern konzipiert, während die Schiffe bei Jan de Nul spezialisiert auf bestimmte Arbeiten sind“, sagt Riga. 

Die Arbeit auf der Brücke des Schiffs ist auch eine andere, erklärt Riga. So hat beispielsweise die „Joseph Plateau“ wie die anderen Jan de Nul-Schiffe Computer, die die Steuerung des Schiffes regeln, indem sie dafür sorgen, dass das Schiff bei Arbeiten wie Baggern oder Pumpen exakt die gleiche Position beibehält. Auf die Frage, ob er manchmal unerwartete Situationen erlebt, lächelt Riga und gibt zu verstehen, dass das tägliche Normalität ist. „Man muss immer vorausdenken und vorbereitet sein, das ist die Aufgabe des Kapitäns“, sagt Riga.  

Schiffskapitän ist immer noch eine absolute Männerdomäne. Frauen auf der Brücke kann man bei der gesamten Hochseeflotte an einer Hand abzählen, auch Jan de Nul hat keine weibliche Kapitänin. Und Kapitäne sind rar gesäht: wollten alle Schiffe von Jan de Nul gleichzeitig auslaufen, würde es dafür an Kapitänen fehlen. Junge Leute haben heute andere Möglichkeiten, die Welt kennenzulernen und müssen dafür nicht zur See gehen. 

Die Joseph Plateau im Einsatz.
Die Joseph Plateau im Einsatz.
Foto: Jan de Nul

Einen Luxemburger Kapitän gibt es bei Jan de Nul übrigens auch nicht. „Ich wollte“, erklärt Riga seine Berufswahl, „nicht in einem Büro arbeiten und jeden Abend nach Hause fahren, ich wollte etwas, das speziell ist.“ 

Rigas Schiff verfügt zwar über eine Plattform für Hubschrauber, doch die werden nur im äußersten Notfall eingesetzt. Landen und Starten auf einem Schiff ist eine gefährliche Prozedur, wie Bosteels erklärt. „Das versuchen wir so gut es geht zu vermeiden.“


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