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HR-Experten: "Die Mitarbeiter nicht vergessen"
Wirtschaft 5 Min. 15.06.2020 Aus unserem online-Archiv

HR-Experten: "Die Mitarbeiter nicht vergessen"

Das flexible Arbeiten kann psychische Belastungen verstärken.

HR-Experten: "Die Mitarbeiter nicht vergessen"

Das flexible Arbeiten kann psychische Belastungen verstärken.
Foto: Shutterstock
Wirtschaft 5 Min. 15.06.2020 Aus unserem online-Archiv

HR-Experten: "Die Mitarbeiter nicht vergessen"

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
Die HR-Experten Dorian Duval und Olivier Carette begleiten Unternehmen im Bereich Wohlbefinden am Arbeitsplatz.

Die Covid-19-Pandemie stellt unzählige Unternehmen in Luxemburg und rund um den Globus vor nie da gewesene Schwierigkeiten. Es gilt, Maßnahmen zu ergreifen, um die Krise möglichst unbeschadet zu überstehen und in den Arbeitsalltag zurückzukehren. Dabei rückt das Wohlbefinden und die Kommunikation mit den Mitarbeitern oft in den Hintergrund – obwohl sie wichtig ist. 

„Viele Arbeitnehmer befinden sich das erste Mal in der Situation, über längere Zeit von zu Hause aus zu arbeiten. Und selbst erfahrene Homeofficearbeiter haben soziale Distanzierung rund um die Uhr noch nicht erlebt. Die Pandemie hat demnach große Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden jedes Mitarbeiters. Wenn die Stressbelastung zunimmt, wird es für manche Mitarbeiter zunehmend schwieriger, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Umso wichtiger ist es deshalb, dass Arbeitgeber wissen, mit was ihre Angestellten zu kämpfen haben, wie es ihren Mitarbeitern in dieser herausfordernden Zeit geht“, sagt Olivier Carette. 

Dorian Duval
Dorian Duval
Foto: Talent Partners

Der Experte im Bereich HR Management und Leiter der HR-Firma „Be Well HR Consulting“ berät seit Beginn der Corona-Krise viele Unternehmen in Luxemburg zu allen Fragen rundum das Wohlbefinden der Mitarbeiter im Zusammenhang mit dem Lockdown und dem Homeoffice. Zusammen mit Dorian Duval, Geschäftsführer von Talent Partners, bietet er Führungskräften in Luxemburg an, ein Feedback ihrer Mitarbeiter zu bekommen und ihr psychisches Wohlbefinden zu messen. 

Die Mitarbeiterbefragung als Stimmungsbarometer

„Das geschieht anhand eines Umfrageinstruments namens WellCap, das Informationen über die Einschätzungen, Einstellungen und Bedürfnisse der Mitarbeiter sammelt, speziell im Bereich der psychischen Belastungen während der Corona-Krise, dem Lockdown und dem Homeoffice“, erklärt Olivier Carette. Die Resultate die Mitarbeiterbefragung dienen als Stimmungsbarometer. Wie schätzt die Belegschaft die psychische Belastung ein? Welche Gründe und Ursachen werden gesehen? Welche Maßnahmen können Abhilfe schaffen? 


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„WellCap ist ein Fragebogen, der von einem wissenschaftlichen Team in Frankreich ausgearbeitet wurde, und zwar unter der Aufsicht von Franck Zenasni, einem international anerkannten Spezialisten für Sozialpsychologie an der Universität von Paris“, betont Dorian Duval. Und fügt hinzu: „Das ist sehr wichtig für uns, weil wir die Psyche des Mitarbeiters berühren. Es geht darum, die richtigen Fragen zu stellen und sie angemessen zu analysieren.“ 

Von blau bis rot

Die Bewertung ist in sieben Teile gegliedert: Stress und Angst, Arbeitsbelastung, Arbeitsmuster, persönliche Ressourcen, soziale und Beziehungsressourcen, körperliche Verfassung und Erholung sowie Hoffnung und Optimismus. Für jeden der analysierten Faktoren werden die Ergebnisse anhand einer Skala – die durch die vier Farbcodes blau, grün, orange und rot symbolisiert wird – in grafischer Form dargestellt. „Liegt das Ergebnis im blauen Bereich, so verfügt der Mitarbeiter oder das gesamte Team über die notwendigen Ressourcen, um mit der Situation umzugehen. Und in der grünen Sphäre stehen dem Mitarbeiter bestimmte Ressourcen zur Verfügung, um sich wirksam anzupassen“, erklärt Olivier Carette. 

Olivier Carette
Olivier Carette

Besorgniserregend wird es ab dem orangefarbenen Bereich: „Die sogenannte Anstrengungszone zeigt einen gewissen Mangel an Konfort und physische oder psychische Anspannungen“, so Carette. „In der roten Zone, schließlich, erdulden die Mitarbeiter ihr Arbeitsumfeld oder haben das Gefühl, dass ihnen wichtige Ressourcen fehlen. Jeder Überlastungsfaktor ist für die physische oder psychische Gesundheit des Mitarbeiters potenziell gefährlich. Manche Situationen können zum Burnout führen“, sagt Olivier Carette. 

Der Experte, der bereits mehrere Umfragen bei Unternehmen durchgeführt hat, weiß aus eigener Erfahrung: „Im Allgemeinen befinden sich zwischen sechs und zehn Prozent der Belegschaft im roten Bereich; in der orangefarbenen Zone können manchmal bis zu 30 Prozent der Mitarbeiter liegen.“

Eine gewisse Vermittlerrolle

Aus der Umfrage ergibt sich am Ende ein ziemlich genaues Bild, wie es um die Psyche jeden einzelnen Mitarbeiters bestellt ist. „Grundlegend gilt: Wenn sich eine Person in der roten Zone befindet, müssen wir eingreifen“, sagt Dorian Duval. „Wir nehmen mit dem Mitarbeiter Kontakt auf, geben ihm eine Rückmeldung zur Umfrage und begleiten ihn bei der Suche nach einer Lösung. Alles wird streng vertraulich behandelt. Wichtig ist aber auch, aktiv Hilfe anzubieten. Wir tragen daher eine gewisse Verantwortung“, fügt er hinzu. 

Dieses Feedback einzuholen ist immer wichtig, doch in Krisen und Zeiten der Ungewissheit ist es ganz besonders wichtig.

Olivier Carette ergänzt: „Das Wichtigste ist, dass wir eine Person in seelischer Not dabei helfen, Hilfe zu suchen und Lösungswege zu finden. Das kann etwa ein Treffen mit dem HR-Direktor sein. In gewisser Weise spielen wir eine Vermittlerrolle zwischen dem Arbeitnehmer und dem Arbeitgeber oder anderen Hilfspersonen“. 


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Ein praktischer Vorteil der Umfrage lautet außerdem, Mitarbeiter auf unterschiedliche Weise um Feedback zu bitten, beispielsweise mit offenen Fragen. „Das Feedback der Mitarbeiter ist ein leistungsstarkes Instrument für die Planung der Geschäftskontinuität. Dieses Feedback einzuholen ist immer wichtig, doch in Krisen und Zeiten der Ungewissheit ist es ganz besonders wichtig. Es gibt Mitarbeitern das Gefühl, dass sie wertgeschätzt und unterstützt werden und ihrerseits einen Beitrag leisten können. Zugleich hilft es den Unternehmen auch, Schwachstellen aufzudecken, die Kommunikation an die jeweilige Situation anzupassen, einen Aktionsplan auszuarbeiten, sowie ihre Prozesse und Richtlinien weiter zu verbessern“, sagt Dorian Duval. 

Doch damit nicht genug: „Es ermöglicht auch, interne Regelungen zum Homeoffice zu erstellen. So können wir etwa zusätzliche konkrete Fragen zur Heimarbeit stellen und herausfinden, was die Bedürfnisse der Arbeitnehmer sind oder wie gut sie auf Homeoffice eingestellt sind. Immer mehr Firmen in Luxemburg legen ihren Mitarbeitern nahe im Homeoffice zu arbeiten. Noch ist das Potenzial offenbar nicht vollends ausgeschöpft. Die Vorteile für die Firmen liegen unter anderem darin, dass sie teure Arbeitsflächen reduzieren oder gar aufgeben können.“ 


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Seiner Meinung nach ist es wichtig zu unterstreichen, dass der Umgang von Unternehmen mit der aktuellen Situation sich auch darauf auswirken wird, wie ihre Mitarbeiter sie in Zukunft wahrnehmen. „Wie sich Unternehmen in der Corona-Krise verhalten, kann das Vertrauen ihrer Mitarbeiter langfristig stärken oder aushöhlen. Für die Organisationen kann das der entscheidende Faktor sein, wenn alles vorbei ist. Entweder sie halten ihre besten Mitarbeiterinnen und können schnell wieder zum Alltag übergehen oder ihre Leistungsträger suchen sich woanders neue Möglichkeiten“. 

In anderen Worten: „Das Wohlbefinden der Angestellten ist wichtiger denn je. Trotz Corona dürfen die Unternehmen die Mitarbeiter nicht vergessen!

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