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Homeoffice in der Corona-Krise: Von Kirchberg an den Küchentisch
Wirtschaft 5 Min. 24.03.2020

Homeoffice in der Corona-Krise: Von Kirchberg an den Küchentisch

Die Bürogebäude in Kirchberg leeren sich. Immer mehr Angestellte arbeiten im Homeoffice.

Homeoffice in der Corona-Krise: Von Kirchberg an den Küchentisch

Die Bürogebäude in Kirchberg leeren sich. Immer mehr Angestellte arbeiten im Homeoffice.
Foto : Pierre Matgé
Wirtschaft 5 Min. 24.03.2020

Homeoffice in der Corona-Krise: Von Kirchberg an den Küchentisch

Thomas KLEIN
Thomas KLEIN
Nahezu alle Bürotätigkeiten werden infolge der Epidemie inzwischen im Homeoffice erledigt.

Innerhalb weniger Tage ist die Wirtschaftsleistung in fast allen Industriestaaten annähend zum Erliegen gekommen. Fließbänder stehen still, Bankfilialen sind geschlossen, in Büros herrscht gähnende Leere und die Arbeit auf Baustellen ist niedergelegt. Die Situation würde noch weitaus schlimmer aussehen, wenn nicht die Beschäftigten zahlreicher Unternehmen ihre Arbeit von zu Hause fortsetzen würden. 

So haben in den letzten Tagen viele Firmen ihre IT eilig darauf getrimmt, dass sie flächendeckend Telearbeit ermöglicht. Natürlich sind die Voraussetzungen dafür nicht für alle Unternehmen gleich; Dienstleistungsfirmen fällt es leichter, ihre Arbeit zu „virtualisieren“ als Fertigungsfirmen. Stahlträger und Windschutzscheiben können nicht im Heimarbeit hergestellt werden.

Unterschiedliche Voraussetzungen

So ruht beim Reifenproduzenten Goodyear in Colmar-Berg seit letzter Woche die Produktion, aber der Großteil der administrativen Tätigkeiten wird jetzt in den privaten Büros und auf den Küchentischen der Mitarbeiter erledigt. „Das funktioniert bei uns bisher sehr gut. Für uns war die Entscheidung wichtig, dass wir schon vor längere Zeit alle Desktop-PCs durch Laptops ersetzt haben“, erklärt Jean-Paul Bruck, der Sprecher von Goodyear. 

Als die Schließung der Büros abzusehen war, wurden kurzfristig weitere Maßnahmen ergriffen. „Wir haben zusätzliche Lizenzen für sichere Internetverbindungen (Virtual Private Network; VPN) gekauft. Daneben hat die Personalabteilung Schulungen für die Mitarbeiter zum Zeitmanagement Homeoffice organisiert: Wie plane ich meinen Tag im Homeoffice? Wie gestalte ich meinen Arbeitsplatz?“, so Bruck.

Auch die Banken versuchen, den Anteil der Mitarbeiter in den Geschäftsräumen auf ein Minimum zu reduzieren und nur noch die unabdingbaren Tätigkeiten vor Ort auszuführen. „Im Moment arbeitet nur noch etwa die Hälfte der Belegschaft vom Hauptsitz oder den Filialen aus“, so Romain Funk, Kommunikationsdirektor der Raiffeisen Bank. „Die Tätigkeiten, die im Homeoffice ausgeführt werden, sind ganz unterschiedlich, es handelt sich dabei aber hauptsächlich um Back-Office- und Projektarbeiten.“ 

So forderte die Regulierungsbehörde CSSF, die Banken auf, so viele Mitarbeiter wie möglich nach Hause zu schicken. „Derzeit haben die Banken einen Vorteil, die die digitale Kundenbetreuung schon vorher ausgebaut und die entsprechende Infrastruktur aufgebaut hatten“, sagt Jörg Ackermann, Bankenexperte bei der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC). „Andere Tätigkeiten wie Zahlungsverkehr oder Wertpapierhandel scheiden für Telearbeit aus Sicherheitsaspekten jedoch eher aus, auch weil hier eine Störung in der Internetverbindung ein großes Risiko bedeuten würden. Wenn die Händler beispielsweise in sehr kurzer Zeit auf Marktbewegungen reagieren müssen, ist eine stabile und schnelle Verbindung unerlässlich.“ 

Bei den Luxemburger Finanzinstitutionen gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen. „Die meisten, die von zu Hause arbeiten können, sind seit schon seit mindestens einer Woche zu Hause. Da wo es wirklich unmöglich ist, von zu Hause zu arbeiten, werden oft die Teams gesplittet, um das Risiko, dass alle zu gleichen Zeit infiziert werden, zu reduzieren“, schreibt der Bankenverband ABBL. 

Auch vonseiten der Regulierungsbehörden wurde schnell reagiert, um die Hürden für Telearbeit in Finanzinstituten möglichst niedrig zu halten. So wurden die Bestimmungen für grenzüberschreitenden Datenverkehr gelockert. „Die CSSF hat sehr schnell verschiedene Maßnahmen kommuniziert, um die Ausführung von bestimmten Operationen auch von unseren Nachbarländern zu erlauben“, sagte eine Sprecherin des ABBL.

Krisenvorbereitung bei den Banken

Die Banken sind im Rahmen von „Business Continuity“-Plänen gesetzlich verpflichtet, Vorkehrungen für Krisenszenarien zu treffen, um sicherzustellen, dass die Geschäftstätigkeiten normal weiterlaufen können. So gibt es landesweit Bürokapazitäten für „Back-up“-Center, in die die Banken im Falle eines Notfalls ihre Aktivitäten verlagern können. „Aber die aktuelle Lage sprengt den Rahmen solcher Vorbereitungen. In den Szenarien geht es in der Regel um einen Brand oder einen Flugzeugabsturz, aber dass gleichzeitig alle Mitarbeiter aller Banken des Finanzplatzes betroffen sind, kommt in den Planungen nicht vor“, sagt Olivier Carré, Leiter des Bereichs Finanzdienstleistungen bei PwC.

Auch bei den großen Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften wird längst im Homeoffice gearbeitet. Abgesehen von der technischen Umsetzung werde es auch für die Wirtschaftsprüfer immer einfacher, ihre Arbeit aus der Ferne zu erledigen, erklärt Roxane Haas, ebenfalls Partner bei PwC. „Während die Prüfer früher oft wochenlang vor Ort beim Kunden gearbeitet haben, gibt es heute Tools, die eine digitale Datenübertragung ermöglichen und gleichzeitig die notwendige Datensicherheit gewährleisten“, so Haas. 

Damit die Umstellung auf den reinen Homeoffice-Betrieb reibungslos funktioniert, ist die rechtzeitige Vorbereitung entscheidend. Ein Vorteil kann dabei der internationale Charakter der Unternehmen sein. „Wir haben Büros an verschiedenen asiatischen Standorten. Deswegen haben wir uns schon relativ früh mit dieser Situation befasst und Maßnahmen eingeleitet“, sagt Oliver Frischemeier, ein Sprecher für die Abwicklungsgesellschaft für Wertpapiergeschäfte Clearstream. 


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Entsprechend früh stellte das Unternehmen sukzessive auf Homeoffice um. Von den normalerweise etwa 1 000 Mitarbeitern in Luxemburg arbeiten gerade noch etwa 50 Angestellte im Büro. „Es gab anfangs ein paar kleinere Schwierigkeiten.  Mancher Mitarbeiter musste sich erst einmal an Skype-Meetings gewöhnen. Aber unsere Systeme laufen trotz starker Marktbewegungen  sehr stabil“, so Frischemeier.

Extraschichten in IT-Abteilungen

Ähnlich hat die Europäische Investitionsbank (EIB) bereits im Januar einen Krisenstab aktiviert. Anfang März wurden ganze Abteilungen testweise ins Homeoffice geschickt, um zu sehen, ob die Abläufe einwandfrei funktionieren und wo noch Anpassungen vorzunehmen sind.

In der Vorbereitungsphase mussten vor allem die IT-Abteilungen in den Unternehmen Überstunden schieben. „Die IT-Infrastruktur musste so ausgebaut werden, dass das gesamte Personal gleichzeitig Telearbeit leisten kann – mehr als 4 250 Verbindungen“, so Sabine Parisse, Sprecherin der EIB in Luxemburg. „Wir haben Tests mit unseren VPN-Verbindungen durchgeführt, um sicherzustellen, dass circa 2 000 Mitarbeiter gleichzeitig ohne Einbußen in der Datenübertragungsgeschwindingkeit arbeiten können“, so Olivier Carré von PwC. 


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