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Hohe Kosten für die Unternehmen: So wichtig ist Wohlbefinden am Arbeitsplatz
Wirtschaft 7 Min. 18.09.2015 Aus unserem online-Archiv

Hohe Kosten für die Unternehmen: So wichtig ist Wohlbefinden am Arbeitsplatz

Depressionen und stressbedingte Pathologien treten seit der Wirtschaftskrise immer häufiger auf

Hohe Kosten für die Unternehmen: So wichtig ist Wohlbefinden am Arbeitsplatz

Depressionen und stressbedingte Pathologien treten seit der Wirtschaftskrise immer häufiger auf
(Foto: Shutterstock)
Wirtschaft 7 Min. 18.09.2015 Aus unserem online-Archiv

Hohe Kosten für die Unternehmen: So wichtig ist Wohlbefinden am Arbeitsplatz

Jeder dritte Arbeitnehmer in Luxemburg gibt an, oft oder ständig am Arbeitsplatz gestresst zu sein. Nicht nur die physische, sondern auch die psychische Gesundheit spielt in Luxemburgs Firmen zunehmend eine Rolle. Es gibt mehrere Möglichkeiten, für Ausgewogenheit zu sorgen.

Von Laurence Bervard

Das Wohlbefinden der Angestellten führt zu einer erhöhten Motivation und Produktivität. Das ist keine urbane Legende. „Fühlt man sich am Arbeitsplatz erfüllt, arbeitet man besser“, so die Personalchefin von PWC, Vinciane Istace. Ihre Firma wurde 2013 vom Gesundheitsministerium mit dem „Prix santé en entreprise“ ausgezeichnet. Immer mehr Arbeitnehmer sind sich ihrer Verantwortung in dem Zusammenhang zunehmend bewusst. „Früher war der Bezug zur Arbeit ganz anders. Der Arbeitgeber zahlte den Arbeitnehmer lediglich für seine Arbeit. Da er zahlte, konnte er erwarten, dass diese erledigt wird. Jetzt kümmert man sich auch um die Bedingungen, in denen diese Arbeit erfolgt“, so Istace. Dies besagt übrigens die EU-Richtlinie von 1989. Der Wortlaut: „Im Rahmen seiner Verpflichtungen trifft der Arbeitgeber die für die Sicherheit und den Gesundheitsschutz der Arbeitnehmer erforderlichen Maßnahmen.“ Kritischen Stimmen zufolge gewährleisten viele Firmen dies in Luxemburg dennoch nicht immer. Denn unter Gesundheitsschutz fällt nicht ausschließlich die physische, sondern auch die mentale Gesundheit. In der jüngsten Studie der Arbeitnehmerkammer gaben 34 Prozent der Teilnehmer an, oft oder ständig am Arbeitsplatz gestresst zu sein.

Viele Krankheitstage wegen Stress und Depression

Ist das Wohlgefühl eines Arbeitnehmers nicht gewährleistet, schadet dies nicht nur ihm selbst, sondern auch dem Unternehmen. Experten wissen: Motivation, Produktivität und Krankschreibungen sind eng miteinander verflechtet. Und Krankheit wird teuer: Die „Caisse nationale de santé“ (CNS) kostete sie 2014 545 Millionen Euro. Fast jeder fünfte Krankheitstag ist auf Depressionen oder andere stressbedingte Pathologien zurückzuführen, so eine Studie der „Inspection générale de la sécurité sociale“ (IGSS).

Gibt man ihnen die Möglichkeit zu lernen, sich zu bereichern und Dinge zu entdecken, sind die Leute bereit, der Firma ein höheres Engagement und mehr Flexibilität entgegenzubringen

Neben einem Produktivitätsverlust gibt es noch weitere indirekte Kosten für die Firmen. Verlässt eine Fachkraft eine Firma, weil sie sich dort unwohl fühlt, geht dadurch wertvolles Wissenskapital verloren. Schlimmer: Sogar die Wettbewerbsfähigkeit kann beeinträchtigt werden, wenn ein talentierter Mitarbeiter entscheidet, beim größten Konkurrenten anzuklopfen. Es gilt deshalb, die Angestellten an das Unternehmen zu binden. „Gibt man ihnen die Möglichkeit zu lernen, sich zu bereichern und Dinge zu entdecken, sind die Leute bereit, der Firma ein höheres Engagement und mehr Flexibilität entgegenzubringen“, meint die Personalchefin von PWC. Es lohnt sich demnach, dem vorbeugen. Eigenen Angaben zufolge investiert PWC Luxemburg (2 420 Angestellte) mehr als 150 000 Euro im Jahr, um das Arbeitsklima durch verschiedene Programme oder Strukturen so angenehm wie möglich zu gestalten.

Stress Management-Programme und Fitnessräume

Wie schütze ich mich, wenn ich überfordert bin? Wie kann ich nach der Arbeit abschalten und den Stress vergessen? Wie verhindere ich es, mich unter Druck setzen zu lassen? Um die emotionale Dimension des Wohlbefindens nicht zu vernachlässigen, bieten vor allem große Konzerne ihren Mitarbeitern „Mindfulness-Programme“, also Achtsamkeits-Programme, an, die genau diese Fragen in mehrtägigen Schulungen beantworten sollen. Doch ist auch dieser guter Ansatz noch ausbaufähig. Die vorgeschlagenen Uhrzeiten der Schulungen sind demnach für einige Arbeitnehmer ungünstig, sodass sie gezwungenermaßen darauf verzichten müssen. Auch verlangen einige Firmen einen Zuschlag von ihren Arbeitnehmer, „um zum Verantwortungsbewusstsein und der Ernsthaftigkeit beizutragen“, so die Personalchefin von PWC. 75 Euro geben Zugang zu einer zweitägigen Schulung während der Arbeitszeit.

Größere Firmen bieten auch in Luxemburg zunehmend Sportanlagen in ihrem Firmensitz an, die exklusiv für die Belegschaft zur Verfügung stehen.
Größere Firmen bieten auch in Luxemburg zunehmend Sportanlagen in ihrem Firmensitz an, die exklusiv für die Belegschaft zur Verfügung stehen.
Foto: Shutterstock


Immer beliebter werden zudem sogenannte „Coffee corners“, die den sozialen Zusammenhalt fördern sollen. Einige Gemeinschaftsräume sind sogar mit Kickern oder Dartscheiben ausgestattet. „Längere oder öftere Pausen entstehen hierbei nicht“, ist Istace überzeugt. Hinzu kommt: Pausen sind wichtig für die Produktivität und das Stressmanagement. „Es geht darum, sich wohlzufühlen und Energie zu tanken, um danach konzentrierter weiterzuarbeiten.“ Aufenthaltsräume können je nach Ausrichtung zudem von Chefs für kurze Debriefings genutzt werden. „Dieser Moment findet dann in einer entspannteren Atmosphäre statt, bevor man sich wieder an den Computer setzt“, so Istace.

Auch die Sportanlagen, die in vielen Unternehmen exklusiv für die Belegschaft zur Verfügung stehen, sind oft nicht gratis. „Die Ausstattung muss natürlich abbezahlt werden. Man kann die geringen Summen, die die Angestellten zahlen aber keineswegs mit dem hohen Investmentaufwand seitens der Firma vergleichen“, weiß Istace. Firmen, die in Luxemburg einen Fitnessraum anbieten, sind die Ausnahme. Doch weiß man bei der Raiffeisen, wie man trotzdem die Angestellten bei der sportlichen Betätigung zum Ausgleich unterstützen kann. „Unsere Mitarbeiter treffen sich in verschiedenen Sportsektionen, die von der Bank organisiert werden und spielen beispielsweise zusammen Golf, fahren Rad oder joggen“, so eine Betriebssprecherin der Raiffeisen. Gönnt man sich eine sportliche Auszeit in der Mittagsstunde, so stehen Duschen und Umkleidekabinen in der Firma zur Verfügung.

Stellt unser Arzt fest, dass Arbeiter eine emotionelle Unterstützung brauchen könnten, oder wenn Angestellte selbst den Antrag stellen, greifen wir punktuell auf externe Psychologen zurück.

Die wichtige Rolle des Chefs

Unterschätzt wird bei aller Mühe und jeder finanziellen Investition allerdings eine ganz wichtige Komponente: Die Organisation einer Firma und der Druck, den die Chefetage bei schlechtem Management auf die Angestellten ausüben kann – manchmal ohne sich dessen bewusst zu sein. Umstrukturierungsmaßnahmen sind sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor zum Alltag geworden. Arbeitnehmer mit befristeten Verträgen oder Zeitarbeitnehmer verspüren einen höheren Leistungsdruck durch Unsicherheit und Ungewissheit über die Zukunft. Der Wunsch oder die dringende Notwendigkeit, die Wirtschaftsleistung in Krisenzeiten zu verbessern, führen auch oft zu Unbehagen. Als Belege gelten Krankmeldungen, Schlafstörungen und depressive Störungen, die auch in Luxemburg bis zum Suizid führen können. Denn oft werden typische Anzeichen erst viel zu spät wahrgenommen.


Unterschätzt wird oft eine ganz wichtige Komponente: Die Organisation einer Firma und der Druck, den die Chefetage bei schlechtem Management auf die Angestellten ausüben kann – manchmal ohne sich dessen bewusst zu sein.
Unterschätzt wird oft eine ganz wichtige Komponente: Die Organisation einer Firma und der Druck, den die Chefetage bei schlechtem Management auf die Angestellten ausüben kann – manchmal ohne sich dessen bewusst zu sein.
Foto: Shutterstock

Es ist demnach wichtig, durch bedachtes Management auf die Belastbarkeit der Angestellten zu achten und diese nicht zu überschätzen. Besonders wenn der Arbeitsaufwand wächst, dies aber mit der gleichen Anzahl an Personal erledigt werden soll, fühlen Mitarbeiter sich oft überfordert und strapaziert. Dies war auch bereits in der EU-Kommission ein Thema. Das EU-Projekt „Health in Restructuring“ hat sich vor Kurzem im Detail mit den unterschätzten Konsequenzen von finanziellen Schwierigkeiten befasst. Denn das Tempo der wirtschaftlichen Anpassung an den globalisierten Wettbewerb übersteigt oftmals die Fähigkeit des Einzelnen, mit solchen Änderungen zurechtzukommen. Angestellte, die bei Umstrukturierungsmaßnahmen in Firmen früher oft als die „glücklichen Überlebenden“ betrachtet wurden, sind nun Gegenstand empirischer Forschungen über das Phänomen „Layoff Survivor Sickness“. Auf gesundheitlicher Ebene haben verschiedene Studien in dem Fall eine erhöhte Einnahme von Schlaftabletten und Beruhigungsmitteln sowie einen erhöhten Nikotin- und Alkoholkonsum festgestellt.



Braucht man am Arbeitsplatz Psychologen?

Stellen wir allerdings psychische Probleme fest, fällt ihre Behandlung nicht unter die Befugnis des Vorgesetzten

Je nach Größe und Sektor ändert sich die Herangehensweise an die betriebliche Gesundheitsförderung. „Wir bieten allen Mitarbeitern einen jährlichen Gesundheitscheck an“, so der Pressesprecher von ArcelorMittal, Pascal Moisy. Auch für die Risiken von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sensibilisiert man die überwiegend männliche Belegschaft. Zudem ist Ergonomie ein Thema. „Für die Standorte Belval, Rodange und Differdingen gibt es Arbeitsgruppen, die sich aus Ärzten und Ergonomen zusammenstellen. Sie unterbreiten dann Verbesserungsvorschläge für die Arbeitsstationen“, erklärt Moisy.

Burn-out und Depression sind in Luxemburg längst keine Fremdwörter mehr. Dennoch gibt es auch in großen Firmen – anders als beispielsweise in Schulen – nur selten Psychologen. Obwohl die Einstellung eines Psychologen bei PWC bereits intern thematisiert wurde, hat die Auditfirma sich bis jetzt dagegen entschieden. „Als Arbeitgeber handelt man so, dass man Probleme identifizieren und vorbeugen kann. Falls nötig, haben wir die Möglichkeit und die Kompetenz einzugreifen. Stellen wir allerdings psychische Probleme fest, fällt ihre Behandlung nicht unter die Befugnis des Vorgesetzten. Dann kontaktieren wir Gesundheitsexperten“, erklärt Vinciane Istace von PWC.

Anders sieht man dies bei ArcelorMittal. „Unser Firmenarzt erkennt dem psychischen Wohlbefinden einen besonderen Stellenwert zu, weil unsere Arbeiter eine große Verantwortung tragen. Emotionale und mentale Stabilität sind unabdingbar, wenn ein Arbeiter einen Stahlträger über eine Baustelle befördert“, unterstreicht der Pressesprecher. „Stellt unser Arzt fest, dass Arbeiter eine emotionelle Unterstützung brauchen könnten, oder wenn Angestellte selbst den Antrag stellen, greifen wir punktuell auf externe Psychologen zurück.“ Befindet sich eine Person aus familiären oder professionellen Gründen in einer emotionalen Situation, die den Gesundheitszustand gefährdet, sei es auf jeden Fall wichtig, dem Angestellten einen „Mi-temps thérapeutique“ anzubieten, so Vinciane Istace von PWC. In dem Fall wird die Arbeitszeit während einer gewissen Dauer reduziert.




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