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Hidden Champions: Versteckte Jobmaschinen
Der Standort 
Luxemburg bietet für „Hidden
Champions“ so manche Vorteile, erklärt Prof. Dr. Simon.

Hidden Champions: Versteckte Jobmaschinen

ANOUK ANTONY
Der Standort 
Luxemburg bietet für „Hidden
Champions“ so manche Vorteile, erklärt Prof. Dr. Simon.
Wirtschaft 5 Min. 25.01.2015

Hidden Champions: Versteckte Jobmaschinen

Ein einflussreicher „management thinker“ und Beratungsunternehmer, Prof. Dr. Hermann Simon erklärt, dass es in Luxemburg für Firmen viel Potenzial gibt, zum Weltmarktführer zu werden.

(lb) Prof. Dr. Hermann Simon ist Vorsitzender des Beratungsunternehmens 
Simon-Kucher & Partners Strategy and Management und wurde im deutschsprachigen Raum zum einflussreichsten „management thinker“ gewählt. Zuvor unterrichtete er als Gastprofessor an der Harvard Business School und in Stanford. Er ist Autor von über 30 Büchern, die in 25 Sprachen übersetzt wurden. Unter ihnen der Bestseller „Hidden Champions“. Diese Woche war er bei der Fedil zu Besuch.

Prof. Simon, was sind „Hidden Champions“ und wieso sind sie für die Wirtschaft so wichtig?

„Hidden Champions“ sind Welt- oder Europamarktführer, deswegen Champions. Champions kennt man ja normalerweise, deshalb das Wortspiel mit „hidden“, weil diese Firmen eben unbekannt sind. Ihr Umsatz liegt bei weniger als fünf Milliarden. Sie stellen die Elite des Mittelstands dar. Trotz einer überschaubaren Größe sind es Firmen, die stark wachsen, die Arbeitsplätze schaffen und damit die Wirtschaft ankurbeln. Die Wirtschaft besteht nicht nur aus großen Märkten. 98 oder 99 Prozent sind kleine Märkte. In jedem von ihnen gibt es einen, der der Beste ist.

Luxemburg sollte anstreben, auf wenigen Gebieten weltführend zu werden.

Wie wird man zum „Hidden Champion“?

Man muss ambitiöse Ziele haben, von nichts kommt nichts. Man muss sich zum Ziel setzen, der Beste in seinem Bereich zu sein. Das erreicht man durch Fokussierung auf eine bestimmte Sache und durch Globalisierung. Oft ist ein Markt klein, damit man wächst, muss man exportieren.

Was ist ihr Hauptunterschied zu großen Unternehmen?

Wenn man es übertreiben will, kann man sagen: Sie machen alles anders. Ein wichtiger Aspekt ist die Kontinuität der Führungskräfte. Bei „Hidden Champions“ liegt die Amtsdauer im Durchschnitt bei 20 Jahren. Bei Großunternehmen sind es 5,2 Jahre. Dazu kommt, dass große Firmen oft diversifizieren und sich nicht auf eine Sache konzentrieren. „Hidden Champions“ haben ebenfalls eine andere Einstellung zum Outsourcing. Man versucht, so viel wie möglich selbst herzustellen, um die Kontrolle über die Produkte zu behalten. Überlegenheit kann man nur intern schaffen. Outsourcen schafft keine Überlegenheit, da die Konkurrenten die gleichen Komponenten kaufen können.

Ich glaube, dass ein kleines Land gut beraten ist, sich auf die speziellen Kompetenzen, die es hat, zu konzentrieren.

Wie sieht es mit luxemburgischen „Hidden Champions“ aus?

In der Welt habe ich 2 734 „Hidden Champions“ gezählt, davon 1 307 in Deutschland. Vergleicht man die Anzahl mit der Bevölkerungszahl, steht Luxemburg genauso gut da (siehe Infokasten). Generell kann man sagen, dass „Hidden Champions“ ein Phänomen des deutschsprachigen Raums ist, dazu zähle ich auch die Leute, die wie die Luxemburger und ich selbst Moselfränkisch sprechen. Das hat historische und aktuelle Gründe. Deutschland war bis vor 100 Jahren kein Nationalstaat, sondern eine Ansammlung von kleinen Staaten. Jedes Unternehmen das wachsen wollte, musste internationalisieren. Das ist danach in die DNA der Unternehmen übergegangen. Bei der Größe Luxemburgs ist dieses Bestreben noch stärker, man muss schnell internationalisieren.

Luxemburg hat die Besonderheit, ein sehr multikulturelles Land zu sein. Kann diese Zusammensetzung den Firmen helfen?

Ich glaube, dass ein kleines Land gut beraten ist, sich auf die speziellen Kompetenzen, die es hat, zu konzentrieren. Das ist hier die Internationalität, die Sprache und die Flexibilität der Verwaltungen, die in großen Ländern viel bürokratischer sind. In Luxemburg liegen die Kompetenzen unter anderem im Finanzbereich. „Hidden Champions“ konzentrieren sich nämlich nicht nur auf Produkte, sondern auch auf Dienstleistungen.

Luxemburg will eine stärkere Diversifizierung. Wo gibt es für luxemburgische Firmen Potenzial?

Luxemburg sollte anstreben, auf wenigen Gebieten weltführend zu werden. Ob trotz der Präsenz von Amazon die Kompetenz vorhanden ist, zu einem globalen Internet Player à la Google zu werden, bezweifle ich. In Luxemburg gibt es aber sehr starke industrielle Kompetenzen, das sieht man beispielsweise an Ceratizit, deren Materialkompetenz letztlich aus der luxemburgischen Stahltradition stammt. Dann gibt es Firmen wie SES oder Intelsat. Ihr internationaler Erfolg liegt wohl daran, dass Radio Luxemburg im Gegensatz zu umliegenden Ländern schon privat und frei war. Diese Firmen scheinen viel weiter zu sein, was Finanzierung und Internationalisierung der Systeme angeht. Das sind klassische Bereiche, in denen luxemburgische Unternehmen neben dem Finanzbereich gute Ausgangspositionen haben, Weltmarktführer zu werden. Nicht zuletzt sollte man in diesem Kontext auch Cargolux erwähnen, ein wirklicher globaler Player.

Luxemburg hat ganz klar wegen seiner Internationalität einen Vorteil.

Kann die Entstehung der Universität Luxemburg vor zwölf Jahren einen Impakt auf die Entwicklung der „Hidden Champions“ haben?

Klar, das ist sogar entscheidend. Die „Hidden Champions“ haben den Anteil der Hochschulabsolventen mehr als verdoppelt. Internationaler Wettbewerb wird immer mehr eine Frage der Qualifikation und immer weniger eine Frage niedriger Kosten, weil einfache Tätigkeiten zunehmend automatisiert werden. Qualifikation ist das A und O für die Zukunft.

Wie wichtig ist die Standort-Politik für „Hidden Champions“ und besteht für Luxemburg Entwicklungspotential?

Luxemburg hat ganz klar wegen seiner Internationalität einen Vorteil. Für internationale Talente ist das extrem wichtig. Hier können sie Luxemburgisch, Deutsch, Französisch oder Englisch reden. In vielen anderen Ländern trifft man nicht auf eine solche Offenheit. Aber auch die Wahrnehmung der steuerlichen Vorteile trägt zur Attraktivität des Standortes bei.

Wie sind Luxemburgs Unternehmen für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet?

Ich würde zwei Herausforderungen sehen: erstens die Qualifikation. Zweitens die Diversifikation, hier geht es darum, weniger von der Finanzindustrie abhängig zu werden. Dazu kommt, dass die Sonderbedingungen sich für Unternehmen wie Amazon in den nächsten Jahren sicherlich nicht verbessern werden. Ich gehe von einer Vereinheitlichung dieser Bedingungen innerhalb Europas in den nächsten Jahren aus, dann kann Luxemburg das nicht mehr wie bisher als starken Wettbewerbsvorteil ausspielen. Ein Problem für Luxemburg sind die hohen Lebenshaltungskosten, unter anderem im Immobilienbereich. Die Fläche ist begrenzt, und so muss man aufpassen, dass die Kosten nicht explodieren. Dies kann ansonsten zu einem Abfluss von Leuten und zu einer Verlagerung von Arbeitsplätzen führen. Auch die Verkehrsanbindungen von Luxemburg nach Deutschland sind nicht ideal, und das kann ein weiteres Problem darstellen.

Prof. Dr. Simons „Hidden Champions“ in Luxemburg:

Ceratizit S.A.- Hartmetallproduzent

Dematic Holding SARL - Intralogistik

Flint Group - Zulieferer der Druck und Verpackungsindustrie

Mood Media Group S.A. - In-store-Lösungen

Regus Group Companies - Anbieter flexibler Arbeitsplatzlösungen

Rotarex S.A. - Hersteller von Hochdruckventilen

SES Global S.A. - Satellitenbetreiber

Eurofins Scientific SE - Chemische und biologischeLaboranalytik

Intelsat S.A. - Satellitenbetreiber

IEE - Automobilzulieferer

Curver Ltd - Hersteller von Kunststoffkonsumwaren

Exceet Group SE - intelligente Elektronik und Sicherheitstechnik


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