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Helmut Thoma: „Nach RTL hatte ich Sorge, zu wenig zu tun zu haben“
Wirtschaft 7 Min. 01.02.2020

Helmut Thoma: „Nach RTL hatte ich Sorge, zu wenig zu tun zu haben“

Hat neben Wien und Monte Carlo auch einen Wohnsitz in Luxemburg: der ehemalige RTL-Chef Helmut Thoma.

Helmut Thoma: „Nach RTL hatte ich Sorge, zu wenig zu tun zu haben“

Hat neben Wien und Monte Carlo auch einen Wohnsitz in Luxemburg: der ehemalige RTL-Chef Helmut Thoma.
Foto: Gerry Huberty
Wirtschaft 7 Min. 01.02.2020

Helmut Thoma: „Nach RTL hatte ich Sorge, zu wenig zu tun zu haben“

Marco MENG
Marco MENG
Seine Zeit beim luxemburgischen Privatsender, den er mit aufgebaut hatte, wie auch seine luxemburgische Ehefrau Danièle, mit der er seit 25 Jahren verheiratet ist, verbinden Helmut Thoma mit dem Großherzogtum.

Helmut Thoma, Sie sind nicht im Ruhestand?

Nein, ich eigne mich auch nur schlecht zum Briefmarkensammler… Eine Zeitlang – jetzt nicht mehr – aber eine Zeitlang hatte ich nach RTL sogar mehr zu tun als vorher, weil ich sehr viele Aufsichtsratsmandate angenommen hatte, auch weil ich vielleicht Sorge hatte, zu wenig zu tun zu haben. 

Jetzt habe ich das aber auf drei zusammenschrumpfen lassen. Eine davon, die größte private Fernsehgesellschaft der Schweiz, die ich von Anfang an begleitete, lasse ich jetzt auch auslaufen.

Als RTLplus 1984 auf Sendung ging, hatte das einen ganz speziellen Charme, weil es wie aus der Garage kam…

Das kam aus der Garage. Einer Autobusgarage aus Bartringen. Ich hatte zwölf Filme am Anfang, also „goa nix”, aber ich habe jeden an der langen Leine laufen lassen und so wurden wir mit viel Initiative und Kreativität zur Nummer 1.

Das Privatfernsehen war damals eine Revolution. Aber jetzt kommt mit Streamingdiensten ein ganz neues Medienverhalten. Erschüttert das die Fernsehwelt?

Es ist eine ungeheure Vervielfältigung an Fernsehprogrammen. Im Grunde genommen findet das, was in den Zeitschriften- und Zeitungslandschaft geschieht, nun auch durch die Streamingangebote beim Fernsehen statt. Was heißt aber Streaming? Das ist ja nur eine andere Art der Verteilform. Ob ich es per Satellit mache oder Antenne oder eben durchs Internet. Es kommt darauf an, ein bewegtes Bild zuhause zu haben. Wie es dorthin kommt, ist eigentlich völlig gleichgültig. 

Von der Garage in Bartringen zum größten Privatsender Europas: Prof. Dr. Helmut Thoma (hier ein Bild von 2002) stand zwölf Jahre an der Spitze von RTL.
Von der Garage in Bartringen zum größten Privatsender Europas: Prof. Dr. Helmut Thoma (hier ein Bild von 2002) stand zwölf Jahre an der Spitze von RTL.
Foto: LW-Archiv

Es hat sich nur vieles geändert. Netflix ist ein neues Phänomen. Ich bin sehr skeptisch, denn ich kenne diese neuen Phänomene. Ich bin 50 Jahre in diesem Gewerbe. Ich habe 1966 beim österreichischen Rundfunk begonnen und alle Entwicklungen in der Radio- und Fernsehwelt mitgemacht.

Finanzstarke Fernsehkonkurrenten wie Amazon und Netflix produzieren heute eigene Formate. Eine Bedrohung für das Geschäftsmodell des werbefinanzierten Fernsehens?

Voraussagen kann man machen, indem man schaut, wie war es in der Vergangenheit und sich fragt, könnte es so auch in der Zukunft sein? Ich glaube nicht an gewaltige Veränderungen durch Streamingangebote. Ich sehe aber und hoffe, dass ziemlich bald eine neue Dimension kommt, das heißt: das wirklich Neue am Fernsehen wird werden, dass die Virtuelle Realität, die wir heute mit Brillen kennen, einmal in Räumen sein wird. 


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Wir sind jetzt bei einer Bildauflösung von 8K, und wenn wir bei 16 oder 32K sind, kann man das ausweiten auf Räume und tatsächlich den Zuschauer in eine neue Welt führen. Dann muss ich nicht mehr auf den Fußballplatz gehen, sondern dann bin ich virtuell tatsächlich dort. Das ist eigentlich das wirklich Sensationelle. 

Dass Netflix am laufenden Band Serien herstellt, na ja… die werden Mühe haben, das durchzuhalten. Und Fernsehen ist ja viel mehr. 

Netflix wird Mühe haben, das durchzuhalten.

Ich habe darum mit Freude festgestellt, dass der neue Fernsehchef von RTL das offenbar auch erkannt hat, indem er wieder auf Fußball geht, was ich auch tat: Ich hatte damals die Champions League geholt, Formel 1, Tennis, Boxen. Das ist live. Auch Nachrichteninhalte müsste man noch stärker machen und auch aktuelles Eigenes produzieren.

Lernten sich bei RTL in Luxemburg kennen und sind seit 25 Jahren verheiratet: Danièle Milbert und Helmut Thoma.
Lernten sich bei RTL in Luxemburg kennen und sind seit 25 Jahren verheiratet: Danièle Milbert und Helmut Thoma.
Foto: Gerry Huberty

Viele der heute erfolgreichen Formate wie WWM oder Dschungelcamp (in Frankreich nicht von RTL, sondern von TF1 ausgestrahlt) sind aber nur noch Abkupferungen. Fällt den Privaten nichts mehr ein?

Ja, da ist nur wenig, was selbst erfunden wurde. Zumindest setzt man nicht ausschließlich, wie das eine Zeitlang Sat1 oder Pro7 machten, auf Konserven. Das kann jeder. Man muss mehr machen. Das wollen die Leute auch. 

Die Zuschauer wollen von ihrem Fernsehen ein Gesamtangebot haben. Und auch erfahren, was in ihrem Umfeld passiert. In Deutschland zum Beispiel ist es eine ungeheure Fehlentwicklung, dass das Regionale völlig unterentwickelt ist. In Nordrhein-Westfalen, wo ich ja eine Weile Medienberater der Landesregierung war, ein Land so groß wie die Niederlande, gibt es keinen einzigen wirklichen Regionalsender. 

In den Niederlanden gibt es neben 14 nationalen Sendern ein dutzend regionale Sender und 500 kleine Spartensender. Das zeigt, wie rückständig da die deutsche Medienlandchaft ist. Selbst im kleinen Luxemburg gibt es Regionalsender.

Haben Sie sich mit dem neuen Eigentümer Bertelsmann nicht verstanden?

Na ja, ich selbst habe die Bertelsmänner damals ja geholt. Eigentlich wollten wir damals mit Springer zusammengehen. Das ist nicht gelungen, weil Helmut Kohl (damals Bundeskanzler, d. Red.) dazwischengegrätscht ist für seinen Freund Kirch (deutscher Medienunternehmer, dessen Gruppe unter anderem die Fernsehsender ProSieben und Sat.1 gehörten, d. Red.). Dann waren wir plötzlich ohne deutschen Partner. 

Nicht Streaming, sondern Virtuelle Realität ist das wirklich Neue.

Also sagte ich, lasst es uns mit Bertelsmann versuchen als finanzieller Partner. Die hatten ja damals überhaupt keine Ahnung vom Fernsehen, aber wir hatten einen nationalen Partner. Unter unseren Gesellschaftern gab es damals eine Koalition, die Verwaltungsratspräsident Gaston Thorn zwischen der CLT-UFA und der WAZ-Gruppe geformt hatte und die die Bertelsmänner etwas an den Rand schoben. So 1996/97 aber hat Bertelsmann Morgenluft gewittert, weil die andere Koalition so langsam zerbröselte.

Dann kam plötzlich nach zwölf Jahren das Aus für Sie.   

Ich habe den Sender so geführt – deswegen hat er mir ja auch so viel Spaß gemacht – als wenn er mir gehörte. Obwohl ich nie auch nur ein Prozent daran hielt. Ich konnte mich bewegen, die Luxemburger haben mir nie reingeredet. Bertelsmann hat dann aber sehr wohl versucht einzugreifen und gemeint, es gescheiter zu wissen. Da gab es natürlich Reibereien, aber das ist nichts Ungewöhnliches. 

Mein Vertrag lief eh aus, und als ich dann die Einladung vom nordrheinwestfälischen Ministerpräsident erhielt, wurde ich ehrenamtlicher Berater der Landesregierung. Ich erhielt auch eine Einladung von Bundeskanzler Kohl. Wir fuhren hin, und ich fragte mich die ganze Zeit, was er will. Bis er endlich damit rausrückte: Sie wissen doch, meinem Freund Kirch gehts nicht so gut… Er hätte sie gerne als Manager. 

Und da habe ich einen Fehler gemacht. Ich hätte zusagen müssen. Das wäre eine spannende Geschichte geworden. Aber ich war zu stark mit RTL verbunden.

April 2000: Premierminister Juncker im Gespräch mit dem Intendanten des WDR Fritz Pleitgen, Ministerpräsident Wolfgang Clement und Ex-Chef von RTL Dr. Helmut Thoma.
April 2000: Premierminister Juncker im Gespräch mit dem Intendanten des WDR Fritz Pleitgen, Ministerpräsident Wolfgang Clement und Ex-Chef von RTL Dr. Helmut Thoma.
Foto: LW-Archiv

Sie sagten einmal, Oberweiten sind auch Reichweiten. Zählt nur die Quote?

Damals sagte ich, nutzen wir noch die Zeit, denn irgendwann sind auch nackte Menschen nichts Neues mehr. Aber was die Quote betrifft, ist mir etwas gelungen, worauf ich wirklich stolz bin, denn ich habe eine Zielgruppe definiert, die da lautete 14-49 Jahre. 

Das hat sich in ganz Europa durchgesetzt und ist von RTL inzwischen auf 59 erhöht worden. Aber für diese Zielgruppe waren wir schnell Nummer eins.

Ein Vorwurf lautet aber, durch Privatsender, und RTL plus besonders, sei das Niveau gesunken? Natürlich kann man dabei RTL zugute halten, dass es dort auch seriösen Journalismus gibt.

Das ist wohl mein „öffentlich-rechtliches” Erbe, denn ich sagte immer: Wir brauchen neben Unterhaltung ordentliche, glaubhafte Nachrichten. Ich habe Peter Klöppel engagiert, der damals vielen zu jung war. Die sagten, wir bräuchten einen Grauhaarigen. Inzwischen ist er grauhaarig und er macht seinen Job großartig. 

  Da habe ich einen Fehler gemacht. Ich hätte zusagen müssen.

Ich habe die RTL-Nachrichten extra vor die heute-Nachrichten platziert und am Anfang sagten die Leute: wir haben erst „7 vor 7” und danach „heute” gesehen – und es hat tatsächlich alles gestimmt. Das ist wirklich gut gelungen.

Aber wie ist es mit Werbung, wodurch sich Privatfernsehen finanziert. Schalten da nicht die meisten Zuschauer um?

Was sind die Möglichkeiten für Marken und Werbetreibenden zu werben? Die größte Reichweite hat eben das Fernsehen. Und bewegtes Bild und Ton hat die stärkste Wirkung auf Menschen. Natürlich ist es nicht mehr so wie früher. 

Social Media ist momentan ein Riesenhype, aber ob das wirklich wirkt, weiß kein Mensch. Es gibt darum große Firmen, die aus dem Social Media-Bereich inzwischen wieder rausgehen. Also bleibt Fernsehen als dieses gemeinsame Lagerfeuer übrig. Fernsehen ist ein Gewohnheitsmedium, da muss man Gewohnheiten etablieren.

Der RTL-Konzern verlagerte kürzlich Stellen nach Köln. Wenn Luxemburg einen eigenen öffentlich-rechtlichen Sender gründet, stehen Sie als Berater zur Verfügung?

Ich glaube, das können die schon sehr gut selbst. Luxemburg hat uns damals als RTL enorm geholfen und hätte noch viel mehr machen können, um ein Fernsehzentrum in Mitteleuropa zu werden. Das hat man versäumt. 


Wenn die RTL Group geht
Der neue Konzessionsvertrag regelt die Finanzierung von RTL Télé Lëtzebuerg nur für drei Jahre - für die Zeit danach muss neu verhandelt werden oder ein neuer öffentlich-rechtlicher Fernsehsender wird installiert.

Von Seiten von RTL ist es logisch, dass sie Kompetenzen zusammenlegen, auf der anderen Seite: RTL verdankt Luxemburg sehr viel. Aber Fernsehen ist heute so einfach geworden. Mit einer kleinen Handykamera kann man heute so gute Aufnahmen machen. Warum macht nicht das Luxemburger Wort einen Fernsehsender? Auch eine Zeitung ist ja kein papiererzeugendes Unternehmen, sondern ein Information- und Unterhaltung erzeugendes Unternehmen. 


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