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Handwerk fordert Dialog auf Augenhöhe
Wirtschaft 4 Min. 14.01.2020

Handwerk fordert Dialog auf Augenhöhe

Fordern mehr Transparenz von der Politik: Tom Oberweis von der Chambre des Métiers und Michel Reckinger vom „Fédération des artisans“

Handwerk fordert Dialog auf Augenhöhe

Fordern mehr Transparenz von der Politik: Tom Oberweis von der Chambre des Métiers und Michel Reckinger vom „Fédération des artisans“
Foto Gerry Huberty
Wirtschaft 4 Min. 14.01.2020

Handwerk fordert Dialog auf Augenhöhe

Thomas KLEIN
Thomas KLEIN
Auf dem traditionellen Neujahrsempfang der „Chambre des métiers“ und der „Fédération des artisans“ kritisiert der Chef der Handwerkskammer, dass die Regierung das Handwerk zu wenig in ihre Entscheidungen einbindet.

Klappern gehört bekanntermaßen zum Handwerk; und zum traditionellen Neujahrsempfang der „Fédération des artisans“ und „Chambre des métiers“ gehört die mitunter sehr kritische Auseinandersetzung mit aktuellen wirtschaftspolitischen Entwicklungen im Land.

Bevor Tom Oberweis, Präsident der Handwerkskammer, aber austeilte, verteilte er erstmal Lob an die Gäste aus der Politik: Er bedankte sich bei der Regierung, die zahlreich vertreten war, darunter auch Premierminister Xavier Bettel. Oberweis lobte besonders die Zusammenarbeit mit Mittelstandsminister Lex Delles und Bildungsminister Claude Meisch. 

Nach den Höflichkeiten wurde der Ton allerdings spürbar rauer: „Politik ist nicht nur Selbstdarstellung und Marketing, um sich so bei den nächsten Wahlen die meisten Stimmen zu sichern“, so der Präsident der „Chambre des métiers“. „Politik ist mehr: Es geht um Zuhören, um Abwägen aller Aspekte, um langfristige Visionen über die nächsten Wahlen hinaus. Das alles vermissen wir heute.“ 

Sorgen der Unternehmen 

Tom Oberweis rechnet damit, dass 2020 ein entscheidendes Jahr für das Handwerk in Luxemburg wird, da einige wichtige politische Entscheidungen, wie der fünfte Aktionsplan für kleine und mittelständische Unternehmen oder die Reform des Niederlassungsrechtes, anstehen. 

Dabei stehen die Handwerksunternehmen aus der Sicht der Chambre vor einer Reihe schwerwiegender Herausforderungen: An erster Stelle führt Oberweis das bekannte Problem des Mangels an qualifizierten Mitarbeitern an. 2018 wurden nur 3 141 neue Arbeitsplätze geschaffen. Die Unternehmen hätten aber drei mal so viele Stellen besetzen können. 


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Nach einer Umfrage der Handwerkskammer benötigen die Betriebe in den nächsten zwölf Monaten rund 9 400 neue Mitarbeiter. Da in den nächsten Jahren viele Angestellte in Rente gehen, dürfte sich das Problem noch verschärfen. In diesem Zusammenhang begrüßte Oberweis, dass die Regierung eine neue Strategie ausarbeitet, um Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuziehen. Die Handwerkskammer plädiert für die Einführung eines nationalen Koordinators, dessen Aufgabe darin besteht, das Land für ausländische Fachkräfte attraktiv zu machen. 

Außerdem wies Oberweis auch auf die Schwierigkeiten von Selbstständigen hin, die Unternehmensnachfolge für ihren Betrieb zu regeln. Demnach stehen in den nächsten zehn Jahren etwa 3 500 Unternehmer vor der Entscheidung ihre Firmen entweder zu übergeben oder zu schließen. Das betreffe im Moment etwa 47 000 Beschäftigte. 

Daneben kritisiert der Präsident der Handwerkskammer vor den etwa 400 Zuhörern, dass die Regierung im Rahmen des „Plan sectoriel“ die Fläche gekürzt habe, die zur Ansiedlung von Unternehmen ausgewiesen ist. „Das kann man nicht verstehen, wenn man bedenkt, dass allein der Bedarf der Handwerksunternehmen bei über 89 Hektar liegt“, so Oberweis. 

Als dritte große Herausforderung sieht die Handwerkskammer den digitalen Wandel. Die Politik forderte Oberweis daher auf, den Betrieben mehr Unterstützung bei der Bewältigung der schnellen technologischen Umwälzungen zu gewähren. 

Kritik am Arbeitsrecht 

Angesichts dieser Herausforderungen rief Oberweis die Regierung auf, künftige politische Maßnahmen so zu gestalten, dass sie kleine und mittelständische Betriebe nicht noch zusätzlich belasten. Als Beispiel nennt er das Arbeitsrecht, wo er eine Schieflage zulasten der Betriebe sieht. 

„Wir sind sicher nicht gegen eine moderne „Work-Life-Balance“, ganz im Gegenteil. Ein familienfreundliches Personalmanagement findet tagtäglich in den Betrieben statt“, versichert Oberweis. „Nicht akzeptabel ist allerdings, dass sich die Vorschläge und Initiativen der Regierung dabei überschlagen, die Flexibilität der Beschäftigten auszubauen.“ Während sich diese mit immer neuen Vorstößen zu Congé parental plus, Familienurlaub, zusätzlichen gesetzlichen Feiertagen und dem Recht auf Teilzeitarbeit immer größerer Flexibilität erfreuen, stelle das gerade kleine Unternehmen vor große Herausforderungen, den Betrieb aufrecht zu erhalten, so Oberweis. 


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So hätten zum Beispiel sechs von zehn Handwerksunternehmen Probleme mit der Umsetzung des Congé parental, weil sie keine geeigneten Kandidaten finden, um die Mitarbeiter im Elternurlaub zu ersetzen. Die Handwerkskammer fordert daher einen Dialog mit der Regierung „auf Augenhöhe“, bei dem Bedenken der Unternehmen berücksichtigt werden, wenn künftig Änderungen am Arbeitsrecht anvisiert werden. „Beide Handwerksorganisationen verlangen daher von der Regierung ein klares Signal, dass sie die Sorgen der Betriebe ernst nehmen und von zusätzlichen Belastungen absehen“, forderte Oberweis. 

Als konkrete Maßnahme schlug er vor, dass die Anzahl der Mitarbeiter, denen ein Unternehmen „Sozialurlaub“ gewähren muss, nicht über zehn Prozent der Gesamtbelegschaft liegen darf. Wenn diese Quote überschritten wird, soll es den Unternehmen möglich sein, betriebsintern nach gestaffelten Lösungen zu suchen. 

In diesem Zusammenhang kritisierte Oberweis auch die Erhöhung des Mindestlohns. Das würde ausgerechnet die Unternehmen belasten, die die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft beschäftigen. Sozial Schwachen sei viel besser geholfen, wenn die Regierung die Wohnungsnot angeht und sich eingesteht, dass es hier einen nationalen Notstand gibt. 

Klimaschutz mit Augenmaß 

Schließlich betonte Oberweis die große Bedeutung, die das Handwerk bereits für den Klimaschutz in Luxemburg einnehme. Viele der Lösungen, die die Emissionen im Land reduzieren, seien von Handwerksbetrieben entwickelt und umgesetzt worden. 


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Gleichzeitig fordert die Handwerkskammer, dass die beschlossenen Maßnahmen zum Klimaschutz nicht einseitig zu Lasten der Unternehmen gehen. So werden die CO2-Steuer und die Erhöhung der Akzisen auf Treibstoff in den nächsten Jahren die Kosten für die Handwerksbetriebe in die Höhe treiben. 

Um all diese Probleme bewältigen zu können, schlägt Oberweis dem Mittelstandsminister eine Neuauflage des „Pakt Pro Artisanat“ vor, der 2017 lanciert worden war. 


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