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Handelskammer: „Die wirtschaftliche Substanz erhalten“
Wirtschaft 4 Min. 15.12.2020

Handelskammer: „Die wirtschaftliche Substanz erhalten“

Die Vertreter der Handelskammer Christel Chatelain und Carlo Thelen.

Handelskammer: „Die wirtschaftliche Substanz erhalten“

Die Vertreter der Handelskammer Christel Chatelain und Carlo Thelen.
Foto: Chris Karaba
Wirtschaft 4 Min. 15.12.2020

Handelskammer: „Die wirtschaftliche Substanz erhalten“

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
Handelskammer sieht Herausforderungen aber auch Chancen für Unternehmen im kommenden Jahr.

Es kommen harte Zeiten auf die Luxemburger Wirtschaft zu. Wegen der steigenden Infektionszahlen sieht die Handelskammer immer noch viele Risiken für das kommende Jahr. „Die Herausforderungen für Unternehmen sind besonders zahlreich und von beispiellosem Umfang“, betonte Direktor Carlo Thelen bei der Vorstellung der Konjunkturaussichten für Luxemburg. Durch die stark steigenden Infektionszahlen bleibe die Unsicherheit groß. Für die weitere Entwicklung sei entscheidend, wie die Pandemie eingedämmt werden könne. 

Die Aussicht auf einen Corona-Impfstoff verbessert der Handelskammer zufolge die Chancen für eine schnellere Konjunkturerholung. „Die mehr oder weniger flächendeckende Einführung von Impfstoffen ab Anfang 2021 ist ein Hoffnungsschimmer, auch wenn es wohl noch einige Monate dauern wird, bis die ersten nachhaltigen Auswirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaft sichtbar werden.“ 


Das Baugewerbe verbessert sich im dritten Quartal um 26,4 Prozent.
Wirtschaft wächst um 0,5 Prozent
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im dritten Quartal 2020 im Vergleich zum dritten Quartal 2019 um 0,5 Prozent gestiegen.

Prognosen sind derzeit wegen der Pandemieentwicklung extrem unsicher und risikobehaftet. Weil die Auswirkungen auf die einzelnen Sektoren sehr unterschiedlich sind, deutet aber laut Handelskammer vieles auf eine K-förmige Erholung hin. Dies ist eine Erholung, bei der sich zwischen den Krisenverlierern und den Krisengewinnern eine Kluft auftut. „Das Szenario einer Erholung in K, die je nach Wirtschaftszweigen weitgehend ungleichmäßig verläuft, scheint derzeit realistisch“, sagt Carlo Thelen. 

Zu den Krisenverlierern gehören natürlich die Sektoren, die durch die teilweise oder sogar vollständige Einstellung der Tätigkeit stark geschwächt wurden: das Hotel- und Gaststättengewerbe, die Veranstaltungsbranche, der Tourismus, bestimmte Einzelhandelsgeschäfte in Stadtzentren und Einkaufszentren, Reisebüros und kulturelle Aktivitäten. Zu dieser Kategorie gehören aber auch die rund 30.000 Selbstständigen, bei denen die Armutsgefährdungsquote in Normalzeiten doppelt so hoch ist wie bei den Angestellten. Aus diesem Grund fordert die Handelskammer „Ausgleichsmaßnahmen für Selbstständige auf der gleichen Basis wie für Angestellte“. Die Selbstständigen könnten etwa durch die Einführung einer Staffelung der Beihilfen deutlich entlastet werden, so die Handelskammer. 

Die Corona-Pandemie trifft das Hotel- und Gaststättengewerbe besonders hart. „Vielen Betrieben wird ein erheblicher Teil, wenn nicht sogar die gesamte Einnahmequelle entzogen, was zu einem deutlichen Anstieg der Insolvenzen und einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führen wird“, so die Handelskammer. Auch für Betriebe, die den Lockdown überleben werden, bleibt die Unsicherheit sehr groß, vor allem auch in Bezug auf die unsichere Rückkehr der Kunden. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, müssten „die von der Regierung angekündigten Hilfen so schnell wie möglich freigegeben und zur Verfügung gestellt werden“. 


Serge Allegrezza.
Statec: „Bis zur vollständigen Erholung kann es noch dauern“
Luxemburgs Wirtschaftsaktivität sackt dieses Jahr bis um 4,5 Prozent ab; die Prognose für nächstes Jahr schwankt zwischen minus 0,5 und plus vier Prozent.

Die Handelskammer fordert aber auch „mehr administrative Unterstützung“ für die von der Krise besonders betroffenen Sektoren, zum Beispiel durch die Einführung eines zinslosen Moratoriums für verspätete Zahlungen an die öffentliche Verwaltung oder auch die Anpassung der Zahlungsfristen an die Rückzahlungskapazitäten der Unternehmen. 

Verzögerte Auswirkungen im Finanzsektor 

Andere Wirtschaftszweige zeichnen sich durch eine gewisse Widerstandsfähigkeit aus. Dies gilt insbesondere für den Finanzsektor, der durch seine Diversifizierung und Entwicklung in den vergangenen Jahren vergleichsweise gut da stehe. Allerdings müsse man damit rechnen, dass „die Auswirkungen auf den Banken- und Versicherungssektor zeitlich verzögert eintreten“. Carlo Thelen weist auch darauf hin, dass manche Kunden, aufgrund der Krise ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Dies habe Folgen für den Banken- und Versicherungssektor und könnte zu einem Rückgang der Umsätze führen, während die Kosten weiter steigen. Gleichzeitig steigern die großen Banken ihre Risikovorsorge – dadurch wird der Beitrag des Finanzsektors zu den staatlichen Steuereinnahmen zurückgehen, betont die Handelskammer. 

Auch der Industriesektor zeichnet sich durch einen deutlichen Aufschwung aus. Das deutet auf eine gute Entwicklung im Jahr 2021 hin – vorausgesetzt, die Auslandsnachfrage bleibt hoch. Trotzdem bleibe „das Umfeld volatil und von strukturellen Herausforderungen geprägt“, etwa in Bezug auf die digitale Transformation und die Energiewende. Die Bauwirtschaft profitiert weiterhin von der Inlandsnachfrage; diese gute Entwicklung kann sich laut Handelskammer auch 2021 fortsetzen, wenn die geplanten Investitionen beibehalten werden. 


Finanzplatz Luxemburg,Viaduc,,Petrusstal. Foto:Gerry Huberty
Das Jahr 2021: Trübe Wolken über Luxemburgs Finanzplatz
Versicherer verzeichnen weniger Prämieneinnahmen, Banken bereiten sich auf Kreditausfälle vor, Fonds müssen ihre Investments umschichten.

Das Gleiche gilt für den ICT-Sektor, der von der zunehmenden Nutzung des Internets und der Cloud-Dienste profitiert. Um die Corona-Krise zu überstehen, müssten die am stärksten betroffenen Unternehmen auch im Jahr 2021 von der öffentlichen Hand unterstützt werden. Allgemein müsse die Wirtschaft durch eine „antizyklische Steuerpolitik gestützt werden, die auf hohen öffentlichen Investitionen und einem unternehmensfreundlichen und stimulierenden Umfeld basiert“. 

„Eine proaktive politische Strategie“ 

Weiterhin heißt es: „Der Aufschwung muss jetzt entschlossen vorbereitet werden, damit die Wirtschaft wieder auf den Wachstumspfad zurückkehren kann.“ In dem Sinne sei eine „proaktive politische Strategie notwendig“, um die Gesellschaft auf die vielen Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten, die Wirtschaft zu diversifizieren und die öffentlichen Finanzen zu konsolidieren. Die Corona-Hilfen müssten beibehalten und sogar erweitert werden, um das Überleben der Unternehmen abzusichern. Es gehe letztlich darum, „die wirtschaftliche Substanz unseres Landes zu erhalten“, so Thelen.

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