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Großherzogin Maria Teresa: „Ich glaube, dass die Idealisten die Welt verändern werden“
Seit 20 Jahren ist Großherzogin Maria Teresa an der Seite von Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus engagiert.

Großherzogin Maria Teresa: „Ich glaube, dass die Idealisten die Welt verändern werden“

(Foto: Christophe Olinger)
Seit 20 Jahren ist Großherzogin Maria Teresa an der Seite von Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus engagiert.
Wirtschaft 3 Min. 07.11.2017

Großherzogin Maria Teresa: „Ich glaube, dass die Idealisten die Welt verändern werden“

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
Die Akteure des „social business“ treffen sich diese Woche in Paris zu ihrem jährlichen Gipfel. Mit dabei ist Großherzogin Maria Teresa von Luxemburg. Mit dem „Luxemburger Wort“ spricht sie über ihren Einsatz für die Entwicklungshilfe.

Interview: Christine Longin

Die Akteure des „social business“ treffen sich diese Woche in Paris zu ihrem jährlichen Gipfel. Mit dabei ist Großherzogin Maria Teresa, die sich seit 20 Jahren an der Seite von Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus engagiert. Mit dem „Luxemburger Wort“ spricht sie über ihren Einsatz für die Entwicklungshilfe und das von Yunus in Bangladesch entwickelte System der Mikrokredite.

Seit wann engagieren Sie sich im Kampf gegen die Armut?

Schon als Studentin der Politikwissenschaften regte mich auf, dass Professoren den Kampf gegen die Armut in bestimmten Ländern für aussichtslos hielten. Als UNESCO-Botschafterin des guten Willens kam ich mit Mohammad Yunus in Kontakt. Das war vor rund 20 Jahren, als noch keiner das System der Mikrofinanz kannte. Yunus wurde für mich zu einer der Persönlichkeiten, die mich am stärksten geprägt haben. Er bekämpft die Armut nicht, indem er Almosen gibt, sondern indem er die Würde der Menschen wiederherstellt, weil er ihnen eine Chance gibt.

Was ist Ihre Rolle in diesem Kampf?

Die Mikrofinanz und das „social business“ sind die wirksamsten Mittel, die ich kenne, um die Armut zu bekämpfen. Meine Rolle besteht darin, die Mikrofinanz bekannt zu machen und anzuwenden. Ich versuche das am Finanzplatz Luxemburg, wo inzwischen Investmentfonds für Mikrokredite aufgelegt werden. Dafür gibt es das eigene Gütesiegel LuxFLAG, das weltweit anerkannt ist. Außerdem gibt es mit Microlux ein Mikrofinanzinstitut in Luxemburg selbst. Das ist ein Anfang.

Vor 25 Jahren hieß es noch, in Luxemburg gebe es dafür keinen Bedarf. Doch wir brauchen die Mikrofinanz in Luxemburg ebenso wie in Deutschland oder Frankreich, denn wir haben ein Kreditproblem: Wer nichts hat, bekommt auch keinen Kredit.

An wen gehen die Mikrokredite?

Nicht an Unternehmen, sondern an Privatpersonen. In Luxemburg gibt es das Beispiel einer Frau, die ihre Kinder groß gezogen hatte und danach wieder arbeiten musste. Sie brauchte ein paar tausend Euro Startkapital, um bei sich zu Hause einen Frisörsa-lon aufzumachen. Eine Bank hätte ihr das Geld dafür nicht gegeben. Doch dank eines Mikrokredits beschäftigt sie heute fünf Leute. Das Problem der Armut ist ein Problem der Kredite.

Bei den Mikrokrediten gibt es auch Missbrauch. Zum Beispiel in Indien, wo sich Frauen das Leben nahmen, weil sie von Kreditgebern unter Druck gesetzt wurden. Ist die Kritik an der Mikrofinanz berechtigt?

Es gibt gute und schlechte Banker. Das ist wie überall: Es gibt Leute, die ihren Beruf korrekt ausüben und solche, die ihre Stellung ausnutzen. Warum sollte die Mikrofinanz da eine Ausnahme sein?

Welche Bevölkerungsgruppen liegen Ihnen besonders am Herzen?

Diejenigen, die am Rand der Gesellschaft leben und keinen Zugang zu Krediten haben. Die aber die Intelligenz und den Willen haben, etwas auf die Beine zu stellen. Es handelt sich um unglaublich motivierte, fleißige Menschen, die es nur nicht schaffen, aus der Misere zu kommen, weil man ihnen nicht die Mittel dazu gibt. Ich finde, das ist ein Skandal. Zusammen mit Muhammad Yunus habe ich eine berührende Geschichte erlebt. Wir haben in einem Dorf in Bangladesch im Abstand von zehn Jahren zweimal eine Frau besucht. Sie lebte beim ersten Besuch zusammen mit ihrem zehnjährigen Sohn in schrecklicher Armut. Beim zweiten Besuch war der Sohn zu einem schönen Mann herangewachsen, der perfekt Englisch sprach. Er war inzwischen Pilot geworden. Das Beispiel zeigt, was Mikrokredite erreichen können. Sogar Yunus war von dem Erfolg überrascht. Er hoffte, dass es die Kinder der Kreditempfänger bis zum Ende der Grundschule schaffen werden. Inzwischen gibt es Ärzte, Piloten, Krankenschwestern.

Glauben Sie wirklich, dass es eines Tages keine Armut mehr geben wird?

Wenn man das schaffen will, muss man daran glauben. Man kann uns vielleicht Idealisten nennen, aber ich fasse das als Kompliment auf. Ich glaube, dass die Idealisten die Welt verändern werden.

Würden Sie den Global Social Business Summit gerne in Luxemburg abhalten?

Wir haben schon darüber nachgedacht, aber es gibt noch kein konkretes Projekt.


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