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Griechenland will Europas Wachstumschampion werden
Wirtschaft 4 Min. 16.05.2021

Griechenland will Europas Wachstumschampion werden

Im Rekordjahr 2019 brachten 31,3 Millionen Besucher 18,2 Milliarden Euro nach Griechenland.

Griechenland will Europas Wachstumschampion werden

Im Rekordjahr 2019 brachten 31,3 Millionen Besucher 18,2 Milliarden Euro nach Griechenland.
AFP
Wirtschaft 4 Min. 16.05.2021

Griechenland will Europas Wachstumschampion werden

Tiefer als die meisten anderen stürzte Griechenland durch die Pandemie in die Rezession. Jetzt mehren sich die Prognosen für eine Erholung.

Von LW-Korrespondent Gerd Höhler

„Kalimera, Hellas!“ Mit diesem Gruß startete am Wochenende der weltgrößte Reiseveranstalter TUI die Reisesaison in Griechenland. Die ersten Flüge aus Deutschland landeten in Heraklion auf Kreta. Mit 1.000 Passagieren legte im Hafen der kretischen Inselmetropole die „Mein Schiff 5“ zu einer siebentägigen Kreuzfahrt durch die Ägäis ab, während weitere Urlaubsflieger auf Kos, Rhodos, Mykonos, Santorini und Korfu einschwebten. Von einem „Meilenstein auf unserem Weg zu sicheren und verantwortungsvollen Reisen in Europa“ sprach TUI-Finanzchef Sebastian Ebel, der eigens für den Saisonauftakt nach Kreta geflogen war. 

Nicht nur der Reisekonzern hofft, dass Griechenland jetzt als Urlaubsziel ein Comeback erlebt. Auch für die Wirtschaft des Landes hängt davon viel ab. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Zahl der ausländischen Gäste mehr als verdoppelt. Im Rekordjahr 2019 brachten 31,3 Millionen Besucher 18,2 Milliarden Euro nach Griechenland. Der Tourismus steuerte 21 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei. Dann kam Corona. 2020 brachen die Tourismuseinnahmen auf 4,3 Milliarden Euro ein. Griechenlands Wirtschaft schrumpfte um 8,2 Prozent. Sechs Prozentpunkte des Rückgangs gingen auf das Konto der Tourismusflaute, rechnen Analysten der Großbank HSBC vor. 2021 hofft das Land auf Tourismuseinnahmen von sieben Milliarden Euro. Das wäre zwar deutlich mehr als 2020, aber nur 40 Prozent der Einnahmen von 2019.

Griechenland braucht Investoren 

Der Tourismus könnte in diesem Jahr zwei Prozentpunkte zum Wirtschaftswachstum beitragen, doppelt so viel wie in Spanien und Italien, veranschlagen die Experten von HSBC. Auch der griechische Finanzminister Christos Staikouras ist zuversichtlich: Er rechnet für dieses Jahr mit einem Wachstum des BIP von 3,6 Prozent. Seine Prognose für 2022 erhöhte er auf 6,2 Prozent. Bei den Investitionen erwartet Staikouras im kommenden Jahr sogar ein Plus von 30,3 Prozent. 

Das Fischerdorf Bali bei Heraklion.
Das Fischerdorf Bali bei Heraklion.
AFP

Nichts braucht Griechenland jetzt dringender als Investoren. Die Schuldenkrise der Jahre 2010 bis 2018 hat das Land weit zurückgeworfen. Es verlor ein Viertel seiner Wirtschaftskraft. Im April verkündete der konservative Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis steuerliche Anreize für die Wirtschaft. Unternehmensgewinne werden von diesem Jahr an nur noch mit 22 statt 24 Prozent besteuert, die Steuervorauszahlungen sinken von 100 auf 70 Prozent. „Das Schlimmste ist überstanden, die Wirtschaft erholt sich schnell, ich bin sehr optimistisch“, sagte Mitsotakis vergangenen Freitag. 

Griechenland könnte „im nächsten Jahr das Land mit der höchsten Wachstumsrate in der Eurozone sein“, meinte jetzt EU-Kommissarin Margarete Vestager bei einem Besuch in Athen. Wie die Regierung die Pandemie gemeistert habe, sei „beeindruckend, sehr beeindruckend“, sagte Vestager. Lob bekommt die Regierung auch von privaten Investoren. „Griechenland bietet fantastische Möglichkeiten“, meint Prem Watsa, Präsident des kanadischen Finanzdienstleisters Fairfax. 

Die wirtschaftliche Erholung des Landes werde „alle Erwartungen der Finanzmärkte und der europäischen Institutionen übertreffen“. Die Mannschaft von Premier Mitsotakis sei „die beste Regierung Europas, weil sie eine wirtschaftsfreundliche Politik macht und Arbeitsplätze schafft“, schwärmt Watsa. 

Der Corona-Aufbauplan 

Wachsendes Vertrauen in die griechische Wirtschaft signalisiert auch die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P). Ende April hob sie überraschend die Bonität des Landes von BB- auf BB. Den Ausblick setzte die Agentur von „stabil“ auf „positiv“. Damit liegt Griechenland zwar immer noch zwei Stufen unter der Schwelle zum begehrten „Investment Grade“. Finanzminister Staikouras hofft aber, dass sein Land in der ersten Jahreshälfte 2023 in die Liga der investitionswürdigen Schuldner aufsteigen wird. Das wäre ein großer Erfolg für ein Land, das noch Mitte 2015 am Rand der Staatspleite stand und mit Milliardenkrediten des Euro-Stabilitätsfonds ESM gerettet werden musste.


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Griechenland trägt schwer am Erbe der Finanzkrise. Die Staatsschuldenquote ist mit 206 Prozent vom BIP die höchste im Euro-Raum. Aber die Zinsen der Hilfskredite sind niedrig, und die Rückzahlung erstreckt sich bis 2070. ESM-Chef Klaus Regling hält die Schuldenlast deshalb für tragbar, sofern das Land auf einem nachhaltigen Wachstumspfad bleibt. 

Klimaschutz und Digitalisierung 

Ein wichtiges Instrument dafür ist der Corona-Aufbauplan der EU. Aus dem Programm erwartet Griechenland bis Ende 2026 Zuschüsse und günstige Kredite von 30,5 Milliarden Euro. Mit den Mitteln will die Regierung Mitsotakis vor allem Projekte zum Klimaschutz und zur Digitalisierung umsetzen. Das griechische Aufbauprogramm „Greece 2.0“ ist stark auf Reformen und Innovationen fokussiert. Der frühere Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker lobt es deswegen als „eines der besten der EU“. Es könnte in den nächsten sechs Jahren kumulativ 18,3 Prozent zum griechischen BIP beitragen, veranschlagen die Analysten von S&P. Noch in diesem Jahr könnten die ersten 7,9 Milliarden Euro nach Griechenland fließen, erwartet man im Athener Finanzministerium. 


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Aber auch die Griechen selbst können etwas für die Konjunktur tun. Sie haben während der Lockdowns viel Geld bei den Banken deponiert. Die Einlagen wuchsen in den vergangenen zwölf Monaten um 19,6 Milliarden Euro. Volkswirte erwarten, dass ein Teil dieser Ersparnisse in den nächsten Monaten in den Konsum fließen wird.

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