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Griechenland will aus den Schulden wachsen
Wirtschaft 3 Min. 11.10.2021
Wirtschaftswachstum

Griechenland will aus den Schulden wachsen

Der griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis (rechts) im Parlament.
Wirtschaftswachstum

Griechenland will aus den Schulden wachsen

Der griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis (rechts) im Parlament.
Foto: AFP
Wirtschaft 3 Min. 11.10.2021
Wirtschaftswachstum

Griechenland will aus den Schulden wachsen

Gerd HÖHLER
Gerd HÖHLER
Die griechische Wirtschaft erholt sich schneller als erwartet von der Corona-Rezession.

Von LW-Korrespondent Gerd Höhler (Athen)

Über 40 Milliarden Euro pumpte der griechische Finanzminister seit 2020 in die Wirtschaft, um die Folgen der Pandemie für Unternehmen und Arbeitnehmer abzufedern. Die Corona-Hilfen ließen den Schuldenberg auf eine neue Rekordhöhe anwachsen. Dennoch sehen Analysten keine Gefahr für die Schuldentragfähigkeit des einstigen Pleitekandidaten.

Um 8,2 Prozent schrumpfte das griechische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Corona-Krisenjahr 2020. In der EU verzeichneten nur Spanien und Italien einen noch stärkeren Einbruch. Aber umso kräftiger fällt jetzt der Aufschwung aus. Der griechische Finanzminister Christos Staikouras, der zum Jahresanfang für 2021 nur ein Plus von 3,6 Prozent erwartete, rechnet inzwischen mit einem Wirtschaftswachstum von 6,1 Prozent. So steht es im Haushaltsentwurf 2022, den Staikouras jetzt dem griechischen Parlament zur Beratung vorlegte. Noch optimistischer ist Notenbankchef Yannis Stournaras: Er sieht ein Wachstumspotenzial von „mehr als sieben Prozent“. Die Analysten der Ratingagentur Moody’s setzen sogar ein Plus von 8,2 Prozent an.

Investitionen, Exporte und Tourismus

Für 2022 rechnet der Finanzminister in seinem Haushaltsentwurf mit einem Wirtschaftswachstum von 4,5 Prozent. Damit wird Griechenland im kommenden Jahr die Corona-Rezession hinter sich lassen und beim BIP das Niveau vom Vorkrisenjahr 2019 übertreffen. Beitragen sollen dazu vor allem die privaten Investitionen mit einem Plus von 23,4 Prozent im Jahresvergleich, die Exporte und der Tourismus.


This photograph shows sunbeds on a beach in the fishing village of Bali near Heraklion town in the island of Crete on May 14, 2021. - Greece kickstarts its tourism season on May 14, 2021, with both the government and travel operators hoping the lure of sun, sand and sea will bring a sorely needed revenue boost after last year's miserable holiday season amid the covid-19 pandemic. (Photo by Louisa GOULIAMAKI / AFP)
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Aber das Land schleppt eine schwere Bürde: Die Corona-Hilfen, mit denen der Staat in der Pandemie strauchelnde Unternehmen stützte und gefährdete Arbeitsplätze sicherte, haben die Schuldenlast weiter erhöht. Griechenlands Staatsschulden werden in diesem Jahr auf die neue Rekordhöhe von 350 Milliarden Euro steigen. Das sind neun Milliarden mehr als Ende 2020. Die Schuldenquote, die in Abhängigkeit zur Wirtschaftsleistung berechnet wird, erreichte bereits im vergangenen Jahr mit 205,6 Prozent des BIP einen neuen Rekord. Sie soll aber, trotz steigender Nominalschulden, in diesem Jahr auf 197,9 Prozent und 2022 auf 190,4 Prozent des BIP fallen. Der Rückgang ist vor allem ein Ergebnis des Wirtschaftswachstums.

Wachsendes Vertrauen

Finanzminister Staikouras setzt aber nicht allein darauf, dass Griechenland infolge des wirtschaftlichen Aufschwungs aus den Schulden herauswächst. Er flankiert die Wachstumsstrategie mit fiskalischer Konsolidierung. Den Fehlbetrag im Haushalt will er im kommenden Jahr von 13 auf zwei Milliarden Euro reduzieren. Die Haushaltsausgaben sollen von 70,6 auf 64,3 Milliarden zurückgefahren werden. Bei den Einnahmen erwartet Staikouras trotz geplanter Steuersenkungen konjunkturbedingt ein Plus von 50 auf 54,6 Milliarden Euro.

Ob die Rechnung aufgeht, wird nicht zuletzt vom weiteren Verlauf der Pandemie abhängen. Die Regierung geht davon aus, dass es nicht zu neuen Lockdowns kommen wird. Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die Entwicklung der Energiekosten. Sie könnten den Haushalt in diesem und im kommenden Jahr weiter belasten.

Das würde auch den Schuldenabbau verzögern. Griechenland hat im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung die mit Abstand höchsten Schulden aller EU-Staaten. Nach einer Studie der EU-Kommission wird die Schuldenquote frühestens 2040 unter die 100-Prozent-Marke fallen. Trotzdem genießt Griechenland als Schuldner an den Finanzmärkten wachsendes Vertrauen. Als der Finanzminister Anfang September mit zwei fünf- und 30-jährigen Anleihen an den Markt ging, waren die Emissionen mehr als siebenfach überzeichnet. Griechenland kann sich derzeit so billig Geld leihen, wie noch nie zuvor seit dem Beitritt zur Euro-Zone 2001. Im September stuften die Ratingagenturen Scope und DBRS Griechenlands Kreditwürdigkeit herauf. Bei Scope liegt das Land mit dem Prädikat „BB+“ nur noch eine Stufe unter dem begehrten „Investmentgrade“, der Liga der investitionswürdigen Schuldner.


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Ein erstaunlicher Aufstieg für ein Land, das noch Mitte 2015 am Abgrund der Staatspleite stand und mit Krediten der Euro-Partner gerettet werden musste. Davon profitiert heute die Kreditwürdigkeit Griechenlands. Denn rund 80 Prozent der Staatsschulden liegen bei öffentlichen Gläubigern wie dem Euro-Stabilitätsfonds ESM. Die Zinsen dieser Kredite sind niedrig, die Laufzeiten reichen bis ins Jahr 2070. Das verringert das Risiko eines Zahlungsausfalls und macht Griechenland aus der Sicht vieler Anleger zu einem vertrauenswürdigen Schuldner. 

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