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Goldgräber-Stimmung am Immobilienmarkt
Wirtschaft 6 Min. 06.12.2019 Aus unserem online-Archiv

Goldgräber-Stimmung am Immobilienmarkt

Träume hinter Glas: Maklerfirmen machen auf ihre Verkaufsobjekte aufmerksam.

Goldgräber-Stimmung am Immobilienmarkt

Träume hinter Glas: Maklerfirmen machen auf ihre Verkaufsobjekte aufmerksam.
Foto: Chris Karaba
Wirtschaft 6 Min. 06.12.2019 Aus unserem online-Archiv

Goldgräber-Stimmung am Immobilienmarkt

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
Jedes Jahr wittern viele Luxemburger das schnelle Geld bei der Immobilienvermittlung – der Maklerverband setzt jedoch auf Seriosität.

Viel zu viele Menschen suchen in Luxemburg ein bezahlbares Dach über dem Kopf, dagegen steht das viel zu geringe Angebot an Wohnraum. In diesem heiß umkämpften Markt wittern viele das schnelle Geld in kurzer Zeit – als Immobilienmakler.

Jedes Jahr erteilt das Ministerium für Mittelstand rund tausend entsprechende Gewerbescheine; und das oft an solche, die von diesem Geschäft keine reelle Vorstellung haben. "Wir finden, dass das in die falsche Richtung geht", sagt Jean-Paul Scheuren, Präsident der Chambre immobilière du Grand-Duché de Luxembourg (CIGDL). Und: "Viele große Maklerfirmen machen jungen Menschen falsche Versprechen, die nicht haltbar sind. Denn schon nach wenigen Monaten müssen viele feststellen, dass das wahre Maklerleben viel härter ist."

Foto: Chris Karaba

Zu den Kulissen dieser Scheinwelt gehört die Vorstellung, dass sich als Immobilienmakler leicht und schnell viel Geld verdienen lässt. "Es wäre schön, wenn es so wäre. Meine Berufsrealität sieht allerdings anders aus", weiß Natacha Ombri aus eigener Erfahrung. Sie arbeitet seit zwei Jahren als Immobilienmaklerin, seit einem Jahr ist sie in Düdelingen selbstständig.

"Ohne auch nur einen Finger zu rühren, klingelt die Kasse nicht. Vor allem am Anfang muss man viel Zeit und Engagement investieren, Kunden finden und binden. Damit das funktioniert, muss Vertrauen aufgebaut und eine langfristige Strategie erarbeitet werden." 

Manche eröffnen eine Agentur nur, weil sie das Haus der Tante geerbt haben und auf Gewinn hoffen. Das ist nicht die richtige Haltung. Man muss überlegen, ob man wirklich einen Beruf daraus machen will und genug davon versteht.

Jean-Paul Scheuren

Auch Jean-Paul Scheuren argumentiert auf dem Boden der Realität: "Mit dem Immobilienboom sind viele Glücksritter in den Markt gekommen. Es geht aber nicht darum, einen einzigen Coup zu machen; viele versuchen es zwar, aber es funktioniert nicht. Diejenigen, die keinen Businessplan entwickeln, keine Geschäftsidee haben, kein Kundennetz aufbauen, kommen wirtschaftlich nicht über die Runden." 

Und der CIGDL-Präsident bringt es auf den Punkt: "Manche eröffnen eine Agentur nur, weil sie das Haus der Tante geerbt haben und auf Gewinn hoffen. Das ist nicht die richtige Haltung. Man muss überlegen, ob man wirklich einen Beruf daraus machen will und genug davon versteht." 


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Vor allem deshalb, weil "der Markt stark umkämpft ist, die Konkurrenz groß ist. Jedes Jahr verschwinden zwischen 100 bis 150 Firmen vom Markt – und genau so viele kommen jedes Jahr wieder hinzu." Es gibt zwar keine genauen Zahlen darüber, wie viele ihr Glück mit der Vermittlung von Wohn- oder Gewerberaum versuchen, aber: "Legt man die Zahl zugrunde, die in den Hauptimmobilienportalen präsent sind, kann man davon ausgehen, dass es hierzulande zwischen 550 und 680 Akteure sind", rechnet Jean-Paul Scheuren vor. 

Berufserfahrung ist wichtig 

Wer in Luxemburg Makler werden möchte, muss die Ausbildung bei der Handelskammer oder etwa ein BTS (brevet de technicien supérieur) "profession immobilière" erfolgreich absolvieren. Das BTS ist der Abschluss nach einem zweijährigen Kurzstudium an einer Fachhochschule, den, neben anderen, das Lycée Josy Barthel in Mamer seit September 2017 anbietet. Das Projekt wurde von der Chambre immobilière in die Wege geleitet. 

"Wir sind sehr froh, dass das Hochschulministerium uns dabei unterstützt hat. Wir sind der Meinung, dass dieses Studium irgendwann mal die Eintrittskarte in den Beruf des Maklers werden muss". Denn für den Verbandschef ist klar: Die Ausbildung bei der Handelskammer allein reicht nicht. Und generell ist er der Meinung, "dass Makler obligatorisch über mindestens drei Jahre Berufserfahrung verfügen sollten, bevor sie sich selbstständig machen dürfen". 

Wildwuchs bekämpfen 

Ziel aller dieser Forderungen und Vorschläge ist es, vor allem die Zahl der schwarzen Schafe zu minimieren. Die wenigen, die krumme Geschäfte machen, bringen die gesamte Branche schnell in Misskredit. Bereits vor zehn Jahren hat der Verband deshalb einen Ethikkodex entworfen, um den Wildwuchs auf dem Markt zu bekämpfen. "Die Botschaft ist klar: Wer einen seriösen Makler sucht, soll sich an Mitglieder der Chambre immobilière wenden; die Adressen finden sich auf unserer Internetseite", sagt Scheuren. 


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Der Verband ist noch einen Schritt weitergegangen. "Wer von vornherein zuverlässige Immobilienangebote sucht, der findet sie auf unserer Webseite www.vivi.lu." Die Chambre immobilière zählt derzeit rund 250 Mitglieder, jedes Jahr kommen 20 bis 30 neue hinzu. "Wir gehen davon aus, dass wir bei Immobilienobjekten bereits 70 bis 80 Prozent des Markts abdecken."

Die Chambre immobilière ist sich sicher: Die Makler müssen in Zukunft enger zusammenarbeiten. Zu diesem Ziel hat sie ein Werkzeug geschaffen – die Bourse professionnelle d'échange de mandats, zu der nur registrierte Makler Zugang haben. Hat einer von ihnen exklusiv ein Objekt im Portfolio und stellt er es in die interne Börse, haben Kollegen vielleicht den passenden Kunden – ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. 

Verkäufer können besser verhandeln 

Auch wenn Verbandspräsident Jean-Paul Scheuren und seine Kollegen alles dafür tun, den Markt übersichtlicher zu machen – nicht alle wollen unter das Dach der Chambre immobilière du Grand-Duché de Luxembourg. Der eine oder andere auch deshalb, weil sich Regeln leichter umgehen lassen – angesichts der rund 7.000 Immobilienvermittlungen, die jedes Jahr in Luxemburg vollzogen werden, geht es da für den Einzelnen schnell um viel Geld: "Viele versuchen, die vom Verkäufer zu zahlende Maklerprovision, die üblich bei drei Prozent liegt, zu unterlaufen, um Kundschaft zu locken. Da wird mit allen Tricks gearbeitet", bedauert er. 


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Der Konkurrenzkampf sorgt auch dafür, dass Immobilienverkäufer bei der Wahl eines Maklers am längeren Hebel sitzen. "Früher ist der Verkäufer zum Agenten gegangen, weil er ihn persönlich kannte und hat ihn gefragt, für welche Summe man das Haus verkaufen kann. Dann hat sich der Makler das Objekt angeschaut, einen Marktpreis ermittelt, Anzeigen geschaltet und den Kunden auf dem Laufenden gehalten." 

Die Zeiten sind vorbei, denn: Viele Verkäufer suchen sich angesichts der Konkurrenz unter den Maklern denjenigen aus, der den vermeintlich höchsten Marktpreis der Immobilie in Aussicht stellt. 

Natacha Ombri in Düdelingen glaubt nicht daran, dass solche und andere Tricks auf Dauer zum wirtschaftlichen Erfolg führen. "Ich vergleiche mich nicht mit anderen, ich mache meine Arbeit gewissenhaft, helfe den Leuten auch nach einem Verkauf. Es ist nicht so, dass man sich nach der Transaktion unsichtbar machen kann." 

CIGDL-Präsident Jean-Paul Scheuren formuliert es bildhafter: "Niemand wird am Ende eines Regenbogens einen Topf voll Gold finden. So ist es auch in unserem Geschäft – Erfolg hat nur, wer an sich und für seine Kunden hart arbeitet."


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