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Glücklich länger arbeiten
Wirtschaft 4 Min. 13.11.2019

Glücklich länger arbeiten

Steigt das Renteneintrittsalter, muss sich auch die Arbeitskultur ändern: Ältere Arbeitnehmer können durch ihre Erfahrung viel zum Unternehmenserfolg beitragen. Nicht jeder Berufsgruppe ist aber zuzumuten, länger zu arbeiten.

Glücklich länger arbeiten

Steigt das Renteneintrittsalter, muss sich auch die Arbeitskultur ändern: Ältere Arbeitnehmer können durch ihre Erfahrung viel zum Unternehmenserfolg beitragen. Nicht jeder Berufsgruppe ist aber zuzumuten, länger zu arbeiten.
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Wirtschaft 4 Min. 13.11.2019

Glücklich länger arbeiten

Diego VELAZQUEZ
Diego VELAZQUEZ
Serie „Schaffen zu Lëtzebuerg“: Wie der Arbeitsmarkt fit für die Bedürfnisse der alternden westlichen Gesellschaften wird.

Um den Wohlstand in der westlichen Welt aufrechtzuerhalten, muss die Bevölkerung in Büros, Agenturen, Werkstätten und anderen Arbeitsorte in Zukunft deutlich grauer und weiser werden – das meint zumindest die OECD, ein Forum für die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen reichen Ländern.

„Die Tatsache, dass Menschen länger leben, ist eine großartige Leistung“, meint die Organisation. „Doch der demografische Wandel in so großem Ausmaß erfordert konzertierte politische Maßnahmen.“ Die durchschnittliche Zahl der „Rentner“ pro 100 Arbeitnehmer in den OECD-Ländern wird von 42 im Jahr 2018 auf mehr als 58 im Jahr 2050 ansteigen, hat die in Paris ansässige Organisation ausgerechnet. Dadurch werden die öffentlichen Finanzen in Zukunft stark belastet werden. Und „ohne gesunde öffentliche Finanzen gibt es keine feste Grundlage, um jenen, die in Rente gehen, die Sicherheit, die sie brauchen, zu garantieren“, sagt die OECD- Expertin Shruti Singh.

Lebensarbeitszeit contra Jugendarbeitslosigkeit

Doch Arbeiten im höheren Alter ist derzeit keine Priorität der Politik. Die Krisenjahre haben den Fokus der Beschäftigungspolitiken auf die Jugendarbeitslosigkeit gerückt – nicht ohne Grund: Die Arbeitslosigkeit nehme in der Europäischen Union seit Ende der Krise zwar ab, schreibt etwa Ursula von der Leyen, die künftige Chefin der Europäischen Kommission an Nicolas Schmit, ihren künftigen Kommissar für Beschäftigung, doch ist sie immer noch „unverhältnismäßig hoch bei jungen Menschen“.


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Im Umkehrschluss sind die Zahlen bei der älteren Bevölkerung sehr gut. Liegt die Arbeitslosenquote bei jungen Menschen von 20 bis 24 Jahren EU-weit bei 14 Prozent – so liegt sie bei Menschen von 60 bis 64 bei knapp über fünf Prozent. Eine wenig alarmierende Zahl.

Die besseren Zahlen bei den älteren Alterskategorien verstecken die eigentlichen Herausforderungen, so Arbeitsmarktexperten. Die hohe Arbeitslosigkeit bei den jungen Menschen ist zum Teil eine Folge jüngster Arbeitsmarktreformen, die ältere Arbeitnehmer weniger direkt getroffen haben, erklärt etwa Shruti Singh, Expertin bei der OECD: „So haben beispielsweise Reformen zur Liberalisierung der Verwendung atypischer Arbeitsverträge, die Entlassung jüngerer und weniger erfahrener Arbeitnehmer erheblich erleichtert“, sagt sie. Demnach liegt der Fokus nach der Krise nun auf die Jugend. Allerdings wäre es sinnvoll, sich auch Gedanken über das Verhältnis zwischen älteren Menschen und dem Arbeitsmarkt zu machen, nicht zuletzt wegen der öffentlichen Finanzen.

Verwandlung der Arbeitskultur

Es genügt indes nicht, das Rentenalter zu steigern, um das Problem zu lösen. Ohne gleichzeitige Verwandlung der Arbeitskultur, die mehr auf die Bedürfnisse und Qualitäten älterer Menschen achten muss, wird es kaum möglich sein, Menschen strukturell länger auf dem Arbeitsmarkt zu halten.

Fühlen Menschen sich nicht wohl, besteht die Gefahr, dass sie durch Langzeitkrankheit oder Arbeitslosenversicherung den Arbeitsmarkt dennoch früh verlassen. Dabei „kann die Arbeit auch positiv für ältere Menschen sein“, sagt Singh, aber dafür muss auf altersspezifische Bedürfnisse geachtet werden: Eine gute betriebsinterne Aufteilung der Arbeit, die sicherstellt, dass die jüngeren Arbeitnehmer mehr körperliche Anstrengungen auf sich nehmen, ist etwa ein Lösungsansatz.


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Dazu gehört noch mehr: „Man muss den Menschen die Wahl geben“, sagt Shruti Singh. Denn manche würden gerne länger arbeiten. Das hilft ihnen dabei, sich nützlich zu fühlen. Und Arbeit hält idealerweise auch fit – mental und körperlich. Doch „in vielen Staaten wird man bestraft oder zumindest nicht belohnt, wenn man jenseits des Pensionsalters arbeitet“.

OECD-weit gibt es aber bereits positive Initiativen: In skandinavischen Ländern ist es etwa möglich, Teilzeitarbeit mit Teilzeitrente zu kombinieren. Dazu kommt ein funktionierendes System der Altersheime, die Arbeitnehmer beim Besorgen der alternden Familienmitglieder entlastet währenddem diese weiter arbeiten. „Flexibilität im Rentensystem ist dafür aber wichtig“, meint Shruti Singh.

Altersdiskriminierung noch weit verbreitet

Generell, so die Expertin weiter, bewegen die meisten OECD-Staaten sich mittlerweile in diese Richtung „und belohnen Leute, die länger arbeiten“. Viel problematischer ist dagegen ein ganz anderes Element: die Diskriminierung älterer Arbeitnehmer.

Diese führt etwa dazu, dass Menschen, die nach dem Alter von 45 Jahren ihre Arbeit verlieren, es viel schwieriger haben, einen neuen Job zu finden. Oder, dass Arbeitgeber es nicht immer für sinnvoll halten, in ältere Arbeitnehmer zu investieren.


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Dabei spielen einerseits viele Vorurteile mit: Etwa, dass ältere Arbeitnehmer weniger produktiv sind oder Schwierigkeiten damit haben, sich an neue Gegebenheiten zu adaptieren. Doch es ist sehr schwierig, Produktivität individuell zu bemessen, warnen Arbeitsmarktexperten. Gemischte Teams, in denen Erfahrung mit junger Energie kombiniert wird, sind dagegen ein Garant für Produktivität.

Die Logik der "ancienneté"

Doch neben diesen Vorurteilen gibt es Unternehmens- und Arbeitsmarktphilosophien, die klar dazu führen, dass ältere Menschen bei der Arbeitssuche diskriminiert werden.

Eine davon ist die sogenannte Logik der „ancienneté“, wie sie in vielen EU-Staaten, darunter auch Luxemburg, gängig ist. „Das führt zu Diskriminierung, wenn es dazu kommt, ältere Menschen einzustellen, weil Arbeitgeber meinen, sie müssten dann automatisch einen höheren Lohn auszahlen – unabhängig der Produktivität“, so Shruti Singh.

Es wäre dagegen sinnvoller, die Leistung anstelle von Dienstalter zu belohnen, meint sie dazu. Dabei gibt es bereits Staaten und Unternehmen, die in dieser Hinsicht umdenken. So enthalten Tarifverträge in Deutschland keine verbindlichen Klauseln mehr über Lohnentwicklungen, die mit dem Dienstalter in Verbindung sind.


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Die eine und einzige Patentlösung gibt es nicht

„Es gibt dabei aber keine Zauberlösung, sondern ein Ensemble von Maßnahmen, die dazu führen können, dass ältere Menschen sich wohler am Arbeitsplatz fühlen“, sagt Shruti Singh.

Ein positives Beispiel ist etwa der deutsche Automobilhersteller BMW. Angesichts der alternden Arbeitnehmerschaft in einigen Werken hat BMW die Gesundheitsfürsorge und die Weiterbildung betriebsintern intensiv gefördert. Infolgedessen stieg die Produktivität innerhalb eines Jahres um sieben Prozent. Und dadurch wurden die Produktivitätsunterschiede zu anderen, jüngeren Fabriken behoben. Es lohnt sich demnach. 


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