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Geschichte des Finanzplatzes: Offen und flexibel
Wirtschaft 2 Min. 07.07.2017 Aus unserem online-Archiv

Geschichte des Finanzplatzes: Offen und flexibel

Luc Frieden warnt davor, frühere Entwicklungen nach heutigen Maßstäben zu beurteilen.

Geschichte des Finanzplatzes: Offen und flexibel

Luc Frieden warnt davor, frühere Entwicklungen nach heutigen Maßstäben zu beurteilen.
Foto: Guy Jallay
Wirtschaft 2 Min. 07.07.2017 Aus unserem online-Archiv

Geschichte des Finanzplatzes: Offen und flexibel

Laurent SCHMIT
Laurent SCHMIT
Die Ursprünge des Finanzplatzes gehen bis 1929 zurück. Der frühere Finanzminister Luc Frieden und weitere Teilnehmer einer Konferenz sehen Verbindungen zwischen den damaligen Überlegungen und heutigen Herausforderungen.

Von Laurent Schmit

Am Anfang war die Holding 29: So könnte man die Geschichte des Luxemburger Finanzplatzes in einem Satz zusammenfassen. Das Gesetz von Juli 1929 erlaubte ausländischen Investoren ihre Beteiligungen via Luxemburg zu organisieren, ohne dass die Gewinne besteuert wurden. "Die Holding 29 war die Grundlage für die Investmentfonds", erklärt Marie-Jeanne Chèvremont-Lorenzini, die ihre Karriere 1975 beim Vorgänger des Beratungsunternehmen PwC in Luxemburg begann.

Die Holding 29 war nicht nur das Fundament der Fondsindustrie, sie ist auch ein gutes Beispiel für die Charakterzüge des Finanzplatzes, wie sich anlässlich der Konferenz des Zentrums für zeitgenössische und digitale Geschichte C2DH am Donnerstagabend herausstellte. Die Geschichte des Finanzplatz ist eine Forschungspriorität des Zentrums für die nächsten vier Jahre.

"Die Herangehensweise hinter dem Gesetz von 1929 unterscheidet sich nicht wesentlich von der heutigen", meinte der frühere Finanzminister Luc Frieden: Es zeige eine sehr internationale Vision von Luxemburg, ein Land das offen sei, um ausländisches Kapital anzuziehen.

Luc Frieden, Marie-Jeanne Chevremont-Lorenzini, Thibaud Giddey, Georges Heinrich sowie die Moderatoren Bernard Thomas und Benoît Majerus diskutierten über die Geschichte des Finanzplatzes.
Luc Frieden, Marie-Jeanne Chevremont-Lorenzini, Thibaud Giddey, Georges Heinrich sowie die Moderatoren Bernard Thomas und Benoît Majerus diskutierten über die Geschichte des Finanzplatzes.
Foto: Guy Jallay

Nicht nach heutigen Maßstäben urteilen

Die weitreichende Steuerbefreiung der Holding 29 war in den folgenden Jahrzehnten aber auch ein Grund, warum Luxemburg von anderen Ländern als Steuerparadies gebrandmarkt wurde. 2006 musste Luc Frieden als Tresor- und Budgetminister das Gesetz von 1929 abschaffen - durch den Druck der EU. Er warnte am Donnerstag jedoch davor, diese Struktur mit den heutigen Maßstäben zu bewerten: "Lange Zeit gab es in Steuerfragen keine internationalen Regeln." Der Historiker sei kein Richter, meinte auch Andreas Fickers, der Direktor des C2DH.

Allerdings bemühen sich Staaten nicht erst seit LuxLeaks um bessere internationale Zusammenarbeit. Bereits in 1920er Jahren versuchte der Vorgänger der heutigen UNO - der Völkerbund - eine Harmonisierung der Steuerregeln zu erreichen, erklärte der Schweizer Historiker Thibaud Giddey. Doch unter anderem die Schweiz habe dies blockiert.

Der frühere Tresordirektor Georges Heinrich begann seine Karriere in Finanzministerium, als er in den späten 1990er Jahren an den Treffen der "Gruppe Verhaltenskodex" des EU-Rates teilnahm. Luxemburg hatte dieses Vorgehen gegen Steuerdumping 1997 während seiner Ratspräsidentschaft initiiert. "Es war die Gelegenheit über die Steuervorteile aller Länder zu diskutieren - ohne Scheinhelligkeit", so Heinrich. Doch die Diskussionen seien schwierig gewesen und erst die Finanzkrise habe den nötigen politischen Druck gebracht, um voranzukommen.

Flexible und am Ausland inspirierte Gesetze

Das Gesetz von 1929 zu den Holdings inspirierte sich am Schweizer Vorbild, wo bereits sechs Jahre zuvor knapp zehn Kantone eine solche Gesellschaftsform eingeführt hatten, erklärte Giddy. Ganz ähnlich war es, als Luxemburg 1945 das "Commissariat au contrôle des banques" schuf, den Vorläufer der heutigen Finanzaufsicht CSSF. Damals inspirierte sich der Luxemburger Gesetzgeber am belgischen und Schweizer Vorbild.

Die Finanzaufsicht fiel in Luxemburg minimalistisch aus: "Wenn keine Gesetze da sind, dann können sie auch nicht umgangen werden", sagte der Chef der Regulierungsbehörde Albert Dondelinger 1972 im RTL-Interview, das während der Konferenz besprochen wurde. "Der Regulierer war in Luxemburg ein Partner", bestätigte Marie-Jeanne Chèvremont-Lorenzini. Der Finanzplatz regulierte sich zum Teil selbst: Anwälte, Banken und Buchprüfer arbeiteten die Regeln in Arbeitsgruppen mit aus.

Dieses businessfreundliche Vorgehen stimmte die Konferenzteilnehmer nostalgisch: "Heute haben wir das andere Extrem erreicht. Die Gesetzgeber flankieren Finanzaktivitäten mit immer mehr Gesetzen", sagte Georges Heinrich, der heute Generalsekretär der Banque de Luxembourg ist. "Ich  bin mir nicht sicher, ob wir die Lage mit den neuen Regeln in den letzten Jahre verbessert haben", fragte sich Luc Frieden.

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