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Fußball als Konjunkturprogramm
Wirtschaft 3 Min. 25.06.2021
Europameisterschaft 2021

Fußball als Konjunkturprogramm

Laura Caudal begrüßt zwar wieder mehr Gäste in der Fußballkneipe Le Seppl, aber die wahren Gewinner der EM sind die Supermärkte.
Europameisterschaft 2021

Fußball als Konjunkturprogramm

Laura Caudal begrüßt zwar wieder mehr Gäste in der Fußballkneipe Le Seppl, aber die wahren Gewinner der EM sind die Supermärkte.
Foto: Chris Karaba
Wirtschaft 3 Min. 25.06.2021
Europameisterschaft 2021

Fußball als Konjunkturprogramm

Marlene BREY
Marlene BREY
Sportevents sind wie Doping für die Wirtschaft. Aber das Geschäft mit der EM läuft in der Corona-Krise schleppend.

Im Schaufenster von Decathlon in der Rue Aldringen sind die Trikots der drei wichtigsten Mannschaften für den Absatz während der Europameisterschaft hierzulande ausgestellt: Frankreich, Deutschland und Portugal. Wenn eines der drei Teams spielt, sind die Fußballkneipen ein bisschen voller, dann setzt die Brasserie Nationale ein wenig mehr Bier ab und in den Supermärkten liegen häufiger Chips und Grillwürste auf dem Kassenband. 

Sportgroßveranstaltungen sind wie ein kleines Konjunkturprogramm. In der Corona-Krise ist das bitter nötig. Aber in diesem Jahr fällt der EM-Effekt kleiner aus. 

Ausverkaufte Trikots 

Kaufen gerade viele Kunden Trikots? „Oh ja“, stöhnt der Verkäufer bei Decathlon und verdreht die Augen. Was wird am meisten gekauft? „Das hängt davon ab, wer gerade spielt“, lautet die Antwort. Im Geschäft stehen nur die drei Bestseller, online gibt es noch mehr. Das günstigste Trikot kostet zehn, das teuerste 95 Euro. 

Frankreich, Deutschland, Portugal - das sind die Bestseller.
Frankreich, Deutschland, Portugal - das sind die Bestseller.
Foto: Chris Karaba

 Auch bei Citabel läuft das Geschäft mit den Trikots „richtig gut“, sagt Leandro Santos Ribeiro. Die italienischen Trikots sind bereits ausverkauft, erklärt der Auszubildende, aber auch Frankreich, Deutschland und Portugal sind unter den Kassenschlagern. 

Dabei ist die EM in den Straßen der Hauptstadt kaum sichtbar: kein Public Viewing, selten mal eine Flagge. Events sind unter Pandemiebedingungen eben nicht das, was sie mal waren. Hat das Unternehmen daher beim Einkauf gezögert? „Nein“, sagt Ribeiro. „Die Trikots der Großen verkaufen sich immer.“ Genauso wie Luxemburger Trikots - die sind so beliebt, dass sie schon seit Monaten ausverkauft sind. 


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In der Krise ist manch Lieferung einfach ausgefallen. Nachbestellen kann Citabel nicht, weil auch Nike keinen Nachschub auf Lager hat. Das klingt nach einem positiven Signal für den Umsatz, den weder Decathlon noch Citabel nennen wollen. Aber ganz so rosig ist die Lage trotz EM nicht, wie ein Blick auf die Brasserie Nationale zeigt. 

Privat Viewing 

Was gehört mehr zusammen als Bier und Fußball? Normalerweise liegen die Verkaufszahlen der Brasserie Nationale bei einer Europa- oder Weltmeisterschaft 15 Prozent über Normal

2021 ist der Umsatz um 40 Prozent gegenüber 2019 eingebrochen. „Die EM hilft schon, den Absatz etwas anzukurbeln“, erklärt Direktor Mathias Lentz. In den letzten Wochen ist der Verkauf in den Supermärkten um 30 Prozent gestiegen. Im Horeca-Bereich steht aber noch immer ein Minus von 15 Prozent. Statt Public Viewing scheint der Trend dieser EM also Private Viewing zu sein. 

Verkaufszahlen bei Bier sind um 24 Prozent gestiegen.

LIDL Luxemburg

„Wenn wir die Verkaufszahlen bei Bier zwischen der letzten WM und der aktuellen EM vergleichen, sehen wir eine Zunahme der Verkäufe um 24 Prozent“, erklärt ein Sprecher von Lidl Luxemburg. Cactus gibt ebenfalls Auskunft, mehr Getränke verkauft zu haben, genauso wie Aldi Luxemburg. Bei typischen Snacks, etwa der Nussmischung und bei Wiener Würstchen, hat sich der Umsatz mehr als verdoppelt, erklärt ein Sprecher von Aldi. 

Die Menschen trinken und essen also zum Spiel das Gleiche wie immer, aber sie tun es nun auf dem heimischen Sofa. Und so profitieren erneut die Supermärkte von der Corona-Krise. 

Stammkneipe 

Die Fußballkneipe Le Seppl in Limpertsberg füllt sich wieder. „Beim Spiel Deutschland gegen Frankreich waren die Tische seit Beginn der Pandemie zum ersten Mal wieder voll besetzt“, erzählt Laura Caudal. Es gehe wirklich „sehr viel“ Bier über den Tresen, lacht sie. Dennoch macht die Bar weniger Umsatz als vor der Krise. 

Für die Gastronomen ist die EM ein Lichtblick, aber der Umsatz bleibt weit hinter anderen Jahren zurück.
Für die Gastronomen ist die EM ein Lichtblick, aber der Umsatz bleibt weit hinter anderen Jahren zurück.
Foto: Chris Karaba

Auch im Kyosk, einer Open-Air-Bar in Kirchberg, hilft die EM, die Gäste wieder an die Tische zu locken. Mit anderen Jahren kann 2021 aber bisher nicht mithalten. Da sind zum einen die Restriktionen. „Wir dürfen wegen der Pandemie nur 300 Leute reinlassen“, erklärt Manuel Da Costa Viana. Sonst kamen schon mal 600. 

Dann ist da die fehlende Vorlaufzeit. Weil die Gastronomen kurzfristig über die Wiedereröffnung des Sektors informiert wurden, konnten Da Costa Viana und sein Team nicht planen. Sonst gab es passend zu den Spielen mal französische Burger oder deutsche Würste. 


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Auch hat er Probleme, Personal für die Küche zu finden. „Bei manchen Kollegen ist es noch schlimmer. Denn viele Aushilfen in der Gastronomie haben sich in der Zwischenzeit andere Jobs gesucht“, erklärt er. Für die Gastronomie ist die EM also kein Heilsbringer. Wer Teamgeist zeigen will, sollte sein Bier daher in der Kneipe um die Ecke trinken.

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