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Finanzplatz Luxemburg will von „Green Finance“ profitieren
Wirtschaft 7 Min. 30.03.2021 Aus unserem online-Archiv

Finanzplatz Luxemburg will von „Green Finance“ profitieren

Mit ESG-Standards will die EU Investitionen eine Welle an Investitionen für eine CO2-arme Wirtschaft lostreten: davon will vor allem der Finanzplatz Luxemburgs profitieren.

Finanzplatz Luxemburg will von „Green Finance“ profitieren

Mit ESG-Standards will die EU Investitionen eine Welle an Investitionen für eine CO2-arme Wirtschaft lostreten: davon will vor allem der Finanzplatz Luxemburgs profitieren.
Foto: AP
Wirtschaft 7 Min. 30.03.2021 Aus unserem online-Archiv

Finanzplatz Luxemburg will von „Green Finance“ profitieren

Marco MENG
Marco MENG
Mit ihrer Klassifizierung für Finanzprodukte hofft die EU auf eine Welle an Investitionen für eine CO2-arme Wirtschaft. Doch manche ESG-Standards sind umstritten.

Seit dem Ausbruch des Coronavirus ist ein interessantes Phänomen zu beobachten: Investitionen in nachhaltige, sogenannte ESG-Fonds sind deutlich angestiegen. Das trifft sich gut, soll doch Luxemburgs Finanzplatz 20 Prozent aller Geldflüsse bis 2025 auf „Green Finance“ umstellen und ein weltweit anerkannter Finanzplatz für Investitionen in Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Elektro- und Wasserstoffmobilität werden. So steht es im Regierungsprogramm. 

Warum dieser Wunsch? Sozial und ökologisch nachhaltige Finanzierungen, so die Hoffnung, werden zu einem ähnlichen Erfolgsmodell wie es die Luxemburger Publikumsfonds (Ucits) sind. Heute schon findet fast ein Fünftel aller ESG-Investitionen, die es weltweit gibt, am Luxemburger Finanzplatz statt. Dennoch ist auch Green Finance kein Selbstläufer, obwohl mehr und mehr Finanzinstitute dazu übergehen, ESG-Investitionen für ihre Kunden anzubieten – die einen mehr, die anderen weniger. 

Finanzminister Pierre Gramegna wünscht sich, dass mit der jüngst vorgeschlagenen EU-Taxonomie für nachhaltige Aktivitäten - womit definiert wird, was tatsächlich mit „nachhaltig“ gemeint ist – Luxemburg die Ucits-Erfolgsgeschichte wiederholen kann und in naher Zukunft Luxemburger Green-Finance-Produkte ähnlich wie heute Luxemburger Investmentfonds von Asien bis Amerika überall auf der Welt genutzt werden.

Großherzogtum sieht sich in der Vorreiterrolle

Im Haushaltsgesetz für das Jahr 2021 wurde darum ein niedrigerer Steuersatz eingeführt für Investitionen in Assets, die der EU-Taxonomie entsprechen:  Der Steuersatz kann bis auf auf 0,01 Prozent heruntergehen für die nachhaltigen Aktiva, wenn 50 Prozent des Fonds nachhaltig angelegt sind. Damit sollen Fonds „ermutigen werden, einen zunehmenden Anteil ihres Vermögens in grüne und nachhaltige Aktivitäten zu investieren“, teilt das Finanzministerium mit.


Luxemburg führt Nachhaltigkeits-Bonds ein
Stärkung des Finanzplatzes: Erstmals werden verbindliche Kriterien für eine neue Art von Anleihen definiert.

Mit der Einrichtung eines Rahmens für Nachhaltigkeitsanleihen hat das Land selbst eine erste Bewertung seiner öffentlichen Investitionspolitik gemäß den neuesten Empfehlungen der EU-Taxonomie vorgenommen. Die Empfehlungen, die im März 2020 veröffentlicht wurden, gäben eine ausführliche Umsetzungsanleitung, wie Unternehmen und Finanzinstitute die Taxonomie nutzen und offenlegen könnten. 

„Es ist jetzt der richtige Zeitpunkt, damit zu beginnen“, heißt es aus dem Finanzministerium. 

Mit der einem Klassifizierungssystem („Taxonomie“) will Brüssel nachhaltige Finanzen – vor allem Finanzierungen von Wirtschaftsaktivitäten, die CO2-arm sind oder CO2 einzusparen helfen - fördern. Damit führt die EU die weltweit erste „grüne Liste“ für nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten ein: Nachhaltigkeit soll damit messbar gemacht werden. Anzuwenden ist die Taxonomie-Verordnung ab dem 1. Januar 2022. Manche Marktteilnehmer werten das als Zeitenwende in der Finanzbranche. 

Nur so, betont Gramegna, kann Europa seine Klimaziele erreichen. Tatsächlich gehen die Schätzungen dahin, dass Europa alleine in den kommenden zehn Jahren zusätzliche Investitionen von rund 260 Milliarden Euro jährlich braucht, um die Klimaziele nicht zu verfehlen. Bloomberg berichtet, dass die globalen ESG-Vermögenswerte bis 2025 voraussichtlich 53 Billionen US-Dollar übersteigen und damit mehr als ein Drittel der gesamten prognostizierten 140,5 Billionen US-Dollar an verwaltetem Vermögen ausmachen. In Europa wuchsen die Investitionen in ESG-Publikumsfonds und ETFs auf die Rekordsumme von rund 1,1 Billionen Euro – das ist fast zehn Prozent des gesamten europäischen Fondsvermögens

Investitionen, die nicht nur dem Anleger eine Rendite geben, sondern auch beim Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft helfen sollen. Und nicht nur die Nachfrage nimmt zu, auch das Angebot: so wurden letztes Jahr 330 ESG-Fonds neu aufgelegt. „Nachhaltige Finanzen stehen bei allen wichtigen Konferenzen und Roadshows auf der Tagesordnung“, so Luxemburgs Fondsverband Alfi. Das Alfi Responsible Investing Technical Committee hat für seine Mitglieder einen Leitfaden zur Offenlegung von Nachhaltigkeitsinformationen erstellt. „Investmentfonds sind ein wichtiges Instrument für nachhaltige Finanzierungen“, so der Fondsverband. 

Verantwortungsbewusstes Investieren soll nach Publikumsfonds (Ucits) und Alternatien Investmentsfonds (AIF) auch nach Wunsch der Luxemburger Fondsgesellschaften „dritte Säule“ der Branche werden. 

Wo liegt aber für Fonds die Schwierigkeit, „grün“ oder nachhaltig zu werden: gibt es überhaupt genügend entsprechende Investitionsobjekte? Da macht sich ESG Produkt-Spezialist Oliver Plein von der DWS Group keine Sorge, denn die EU geht davon aus, dass allein zum Klimaschutz mehr als eine Billion Euro an Investitionen gebraucht werden, seien es für den Ausbau der erneuerbaren Energien oder der Elektro-Ladeinfrastruktur. Und so rechnet Plein auch weiter mit einem steigenden Zufluss an Investorengelder in nachhaltige Anlagen, zumal immer mehr auch erkannt werde, dass sich Rendite und Nachhaltigkeit nicht ausschließen: „Unternehmen, die langfristig orientiert sind, haben in der Regel auch eine besser Kapitalrendite“, so Plein. 


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Neben immer mehr Fondsgesellschaften ist auch die Luxemburger Börse seit geraumer Zeit dabei, das Angebot an grünen Finanzproduktion auszubauen. Jüngst hat sie auf ihrer grünen Börsenplattform (LGX), an der mehr als die Hälfte der weltweiten grünen Anleihen notiert sind, eine Sektion eingerichtet, die Wertpapier-Emittenten hervorhebt, die mindestens 95 Prozent und solche, die mindestens 75 Prozent ihrer Einnahmen aus kohlenstoffarmen Aktivitäten erzielen. Damit sollen „Finanzinstrumente, die einen positiven Einfluss auf unseren Planeten haben, sichtbarer machen“, so LGX-Gründerin Julie Becker – die im April dieses Jahres Robert Scharfe als Börsenchef ablösen wird. 

LGX ist die weltweit führende Plattform für nachhaltige Finanzierungen und listet derzeit rund 930 Wertpapiere mit einem Gesamtvolumen von umgerechnet mehr als 417 Milliarden Euro. 

Diskussionsstoff: Kernenergie

Was die „Taxonomie“ Brüssels betrifft (das EU-Klassifizierungssystem soll einen ESG-Standard definieren und gleichzeitig „Greenwashing“ bekämpfen), so haben insgesamt 26 Banken europaweit letztes Jahr die Taxonomie getestet und erklärten im Anschluss, die Verfügbarkeit und Qualität von Informationen sei die schwierigste Herausforderung bei der Bewertung, was nun wirklich nachhaltig ist und was nicht. Denn ohne eine verpflichtende Offenlegungen können Investoren und Unternehmen wie Versicherungsgesellschaften oder Pensionsfonds nicht entscheiden, was eine „ökologisch nachhaltige Wirtschaftstätigkeit“ ist. Das Umzusetzen ist nun die große Aufgabe. 

Eine Pflicht zur Investition in Nachhaltigkeitsprojekte oder Kapitalerleichterungen für grüne Investments ist nicht festgeschrieben. Versicherungsgesellschaften und Banken müssen allerdings künftig in ihrem Lagebericht ausführen, wie und in welchem Umfang ihre Tätigkeiten mit ökologisch nachhaltigen Wirtschaftstätigkeiten verbunden sind. Investmentfonds und andere Finanzmarktteilnehmer mit Produkten, die „ökologisch“ genannt werden, müssen künftig über deren Taxonomie-konformen Anteil informieren. 

Geteilter Meinung bei der Diskussion um ein EU-Umweltzeichen für Finanzprodukte und der regulatorischen Definition von „ESG“ ist man darüber, ob die Kernenergie ein grünes Etikett verdient, die zwar CO2-am Energie produziert, aber radioaktive Abfälle hinterlässt. Die meisten Menschen in der EU sehen darum Kernkraft nicht als nachhaltig an. 

Die Kommission beauftragte die Gemeinsame Forschungsstelle (JRC), ihren wissenschaftlichen Expertenarm, mit einem Bericht zu diesem Thema, der diese Woche veröffentlicht werden soll. Auch der Vorschlag der Kommission, im Rahmen der EU-Taxonomie für nachhaltige Investitionen neue Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen auf Erdgasbasis als „ökologisch nachhaltig“ einzustufen, wenn sie stillgelegte Kohlekraftwerke ersetzen, wird von Umweltschutzverbänden, aber auch einzelnen Finanzinstituten kritisiert. Das würde die Ambitionen der EU für höhere Klimaziele sowie den europäischen Green Deal konterkarieren und der Taxonomie ihre Glaubwürdigkeit nehmen. 

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„Finanzierungen, die den Nachhaltigkeitsaspekt berücksichtigen, sind tatsächlich ein persönliches Anliegen von mir“, erklärt Mario Mantrisi. Anfang des Jahres übernahm Mantrisi dann die Leitung der luxemburgi-schen Finanz-Zertifizierungsagentur LuxFlag.
Mario Mantrisi, CEO of the LUX Flag during the interview. Luxembourg, Luxembourg - 13. 09. 2018 photo: Matic Zorman / Luxemburger Wort