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Finanzplätze: Wenn London den EU-Pass verliert
Wirtschaft 4 Min. 09.10.2020

Finanzplätze: Wenn London den EU-Pass verliert

Blick von der Waterloo-Bridge auf die Skyline des Londoner Finanzdistrikts.

Finanzplätze: Wenn London den EU-Pass verliert

Blick von der Waterloo-Bridge auf die Skyline des Londoner Finanzdistrikts.
Foto: AFP
Wirtschaft 4 Min. 09.10.2020

Finanzplätze: Wenn London den EU-Pass verliert

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
Am 1. Januar 2021 endet die Übergangs-Brexitzeit – Aus dem EU-Pass wird das Äquivalenz-Modell. Das hat Konsequenzen für die Beziehung zwischen der Londoner City und dem Luxemburger Finanzplatz.

Die Situation erinnert an ein Paar, bei dem die Scheidung zwar gesprochen ist, das aber noch ein paar Tage unter demselben Dach verbringen muss, bis der Hausrat aufgelöst ist. Am 31. Januar dieses Jahr ist Großbritannien aus der Europäischen Union ausgetreten. In einem Übergangszeitraum bis spätestens zum 31. Dezember 2020 gelten aber noch die Europäischen Verträge. London sitzt nicht mehr mit den übrigen 27 am gleichen Tisch, befolgt aber noch die Regeln der Zollunion und des Binnenmarkts.

Bei den bisher erfolglos geführten Verhandlungen über ein Handelsabkommen für „die Zeit danach“ erinnern beide Seiten an das Rennen im Spielfilm „Denn sie wissen nicht, was sie tun“: Die Kontrahenten rasen in gestohlenen Autos auf eine Klippe zu. Wer zuerst aus dem Auto springt, ist das „chicken“, der Feigling.

Weder die britische Regierung noch die EU-Kommission will nachgeben. Dabei steht viel auf dem Spiel. Ein definitiver Abbruch der Gespräche würde dazu führen, dass Großbritannien am 31. Dezember brutal aus dem EU-Binnenmarkt ausscheidet und britische wie kontinentaleuropäische Unternehmen sich mit Quoten und Zöllen herumschlagen müssten.

Die 27 fordern ein „Level Playing Field“

Das größte Hindernis für einen Handelsvertrag ist das Pochen der Europäer auf einem „Level Playing Field“. EU-Verhandlungsführer Michel Barnier wird nicht müde zu wiederholen, dass es faire Spielregeln geben müsse für den Wettbewerb zwischen Firmen aus Großbritannien und denen aus der EU. Daraus spricht die Sorge der 27, dass künftig vor ihrer Haustür ein Dumpingwettbewerb bei Umwelt- und Sozialstandards stattfinden könnte.

London ist die mit Abstand größte Finanzmetropole Europas.
London ist die mit Abstand größte Finanzmetropole Europas.
Foto: Getty Images

Viel steht auf dem Spiel, nicht nur für die Autofabriken auf beiden Seiten des Ärmelkanals oder die spanische und französische Fischfangflotte. Auch die Finanzindustrie steht vor Problemen angesichts der Perspektive, dass ein harter Brexit ohne Handelsabkommen derzeit das wahrscheinlichste Szenario ist. Immerhin ist London das mit Abstand wichtigste Finanzzentrum in Europa. 

Tausende Jobs in die EU verschoben

Nicht in allen europäischen Hauptstädten ist die Bedeutung der City of London klar. Klar ist derzeit, dass die britischen Finanzinstitute bei jeder Form des Brexit, ob „hart“ oder geregelt, ihren „EU-Pass“ verlieren werden. Ein Institut, das in der City eine Banklizenz hat, kann derzeit automatisch in allen EU- Mitgliedsstaaten ohne weitere Prüfungen seinen Geschäften nachgehen. Vor allem für US-Banken, die in London ihren Sitz haben, ist der EU-Pass ein attraktiver Vorteil. Sie gehören zu den ersten, die der Themse-Metropole den Rücken kehrten, oder auf dem Kontinent weitere Vertretungen eröffneten.


Politik, London, Brexit D-1, City, ,  Foto: Guy Wolff/Luxemburger Wort
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Eine Studie der Beratungsfirma EY zeigt, dass britische Finanzinstitute als Vorbereitung auf das Ende der Brexit-Übergangszeit am 1. Januar 2021 Tausende Jobs und Vermögen ihrer Kunden aus London abgezogen und in die EU verschoben haben. Mehr als 7.500 Arbeitsplätze und 1.200 Milliarden Pfund, die EU-Kunden gehören, sind inzwischen in Städte wie Dublin, Luxemburg, Frankfurt und Paris übertragen worden, heißt es bei EY

Dublin bleibt mit Abstand der beliebteste Anlaufpunkt für die Verlegung von Personal oder der Gründung neuer Standbeine. Laut EY haben sich mittlerweile 34 Finanzdienstleister für Irlands Hauptstadt entschieden. Luxemburg ist das zweitbeliebteste Ziel und hat 26 Firmen angezogen. Es folgen Frankfurt mit 23 Firmen, wobei es sich bei 19 um Universalbanken mit entsprechend viel Personal handelt. Paris wurde Wahlheimat von 14 Finanzdienstleistern.

In Großbritannien arbeiten 2,2 Millionen im Finanzsektor

Bei den Verhandlungen über ein Handelsabkommen, deren neunte Runde vergangene Woche ergebnislos zu Ende ging, spielen Dienstleistungen keine große Rolle, und Finanzdienstleistungen schon gar nicht. Große Staaten wie Deutschland und Frankreich haben Interesse an Fischereirechten oder einem reibungslosen Warenverkehr. Die Finanzbranche fällt dagegen wenig ins Gewicht.


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In Großbritannien hingegen gehört der Finanzsektor zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen. Landesweit arbeiten 2,2 Millionen Menschen bei Banken, Fondsgesellschaften, Beratern, Anwaltskanzleien und Dienstleistern. Sie haben einen Anteil von zwölf Prozent an der Wirtschaftsleistung der Insel.

Banker vor der Londoner Börse auf dem Weg ins Büro.
Banker vor der Londoner Börse auf dem Weg ins Büro.
Foto: LW-Archiv

Beide Seiten sind sich klar, dass der „EU-Pass“ zu Beginn des nächsten Jahres der Vergangenheit angehören wird. Äquivalenz heißt das Modell, das stattdessen zur Anwendung kommen soll. Das Modell regelt schon jetzt den Marktzugang für Finanzdienstleister aus den USA, Singapur oder der Schweiz. Das Problem: Äquivalenz regelt zwar den Zugang, bietet aber keine Sicherheit, da sie jederzeit einseitig gekündigt werden kann.

Der Traum von „Singapur an der Themse“

Gerade auf britischer Seite ist die Versuchung groß, sich durch Deregulierung mehr Spielraum zu verschaffen. Einige Vermögensverwalter und Hedgefondsmanager träumen gar von einem „Singapur an der Themse“. Andere Anbieter, vor allem Banken mit Geschäftsverbindungen auf dem Kontinent, werben derzeit für bessere Bedingungen in Form einer „Äquivalenz +“. So plädieren sie etwa beim Londoner Finanzministerium auf eine Anlehnung an die EU-Finanzmarktrichtlinie Mifid auch nach dem Stichtag am kommenden 1. Januar.

Für Luxemburg, das über keine Autoindustrie verfügt und keine Fischereiflotte berücksichtigen muss, steht viel auf dem Spiel. Die Beziehungen zwischen Luxemburg und London sind eng und werden oft als „komplementär“ bezeichnet. Beide sind die internationalsten Finanzplätze Europas und haben allein schon durch ihr grenzüberschreitendes Geschäft viele Gemeinsamkeiten. London ist die unangefochtene Nummer eins in Europa, Luxemburg die Nummer eins in der Eurozone. 

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