Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Finanzaufsicht CSSF: "Die Banken haben gut funktioniert"
Wirtschaft 9 Min. 26.06.2020

Finanzaufsicht CSSF: "Die Banken haben gut funktioniert"

CSSF-Generaldirektor Claude Marx leitet die Luxemburger Finanzaufsichtsbehörde seit 2016.

Finanzaufsicht CSSF: "Die Banken haben gut funktioniert"

CSSF-Generaldirektor Claude Marx leitet die Luxemburger Finanzaufsichtsbehörde seit 2016.
Foto: Gerry Huberty
Wirtschaft 9 Min. 26.06.2020

Finanzaufsicht CSSF: "Die Banken haben gut funktioniert"

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
Die Banken hatten solide „Business continuity“-Pläne, vor allem aber war die Disziplin gut. Dank Telearbeit konnten sie ihr Geschäft weiterführen. Claude Marx, Chef der Finanzaufsicht CSSF,  über Corona-Krise, Konsolidierung und die nächste Herausforderung: Klimaschutz

Die Wirtschaft steckt in der Rezession, Gewinne brechen ein, die digitale Revolution wirbelt die gesamte Finanzbranche durcheinander. Wo stehen die Luxemburger Banken in diesem Wandel? Und wie gehen sie mit der Corona-Krise um? Einblicke von Claude Marx, Generaldirektor der Luxemburger Finanzaufsicht CSSF.

Claude Marx, war der Finanzplatz auf die Covid-Krise vorbereitet? 

Niemand war richtig vorbereitet, seien wir ehrlich. Pandemien, die gab es in entfernten Weltgegenden – in Asien und Afrika – aber nicht bei uns. Das hat sich als Irrtum erwiesen. Dabei war vieles vorher bekannt. Bill Gates hat in einem Ted-Talk schon vor fünf Jahren genau beschrieben, was jetzt eingetroffen ist, und wie man sich darauf hätte vorbereiten können. 

"Die Banken hatten solide 'Business continuity'-Pläne, vor allem aber war die Disziplin gut", sagt Claude Marx über die erste Zeit nach dem Lockdown.
"Die Banken hatten solide 'Business continuity'-Pläne, vor allem aber war die Disziplin gut", sagt Claude Marx über die erste Zeit nach dem Lockdown.
Foto: Gerry Huberty

Obwohl nicht mit einer Pandemie gerechnet wurde, blieb der Finanzplatz voll funktionsfähig. Das ist eigentlich erstaunlich. 

Es ist vor allem eine gute Nachricht. Zum Glück ist der Finanzsektor ein Bereich, in dem Telearbeit möglich ist. Die Banken hatten solide „Business continuity“-Pläne, vor allem aber war die Disziplin gut. Zwar wurde nicht mit einer Pandemie gerechnet, die Pläne halfen aber, Mitarbeiter schnell und sicher zu verteilen. Etwa 70 bis 80 Prozent aller Beschäftigten der Finanzinstitute konnten von Zuhause aus mit Hilfe ihrer Notebooks und Tablets weiterarbeiten. Ich kann bestätigen, dass es keine größeren operationellen Zwischenfälle während der Zeit des Lockdowns gegeben hat. Das ist die positive Erkenntnis aus dieser Krise: Die Banken haben gut funktioniert, und die CSSF hat gut funktioniert. Die Krise wird auch die Telearbeit beschleunigen, obwohl man eine solche Organisation ein, zwei Tage die Woche nicht mit dem Homeoffice während fünf Tagen in der Woche vergleichen kann. 


bearded business man reading on mobile in home office
Corona-Krise: Bankgeheimnis im Homeoffice
Das Thema Datenschutz wird während des Lockdowns für Finanzfirmen immer wichtiger.

Derzeit gehen die Infektionsfälle zurück. Die Corona-Beschränkungen werden gelockert. Wie aber würde sich eine zweite Welle auf den Finanzplatz auswirken?

 Sollte eine zweite Welle kommen, und ein weiterer Lockdown würde notwendig, dann wären die wirtschaftlichen Konsequenzen noch verheerender als beim ersten Mal. Das Luxemburger Bruttoinlandsprodukt wird nach dem aktuellen Szenario in diesem Jahr voraussichtlich auf minus sechs Prozent sinken. Da aber von einem Wachstum von drei Prozent ausgegangen wurde, liegt der Einbruch eigentlich bei neun Prozent. Eine Mehrheit der Volkswirte rechnet mit einer Erholung in Form eines V – ohne das jemand mit Sicherheit wüsste, ob dieses optimistische Szenario eintreten wird. Immer wahrscheinlicher wird eine Erholung in Form eines Nike-Symbols – es zeigt steil nach unten, aber sehr langsam wieder bergauf. Auch ohne zweite Welle wird Luxemburg wirtschaftlich noch für eine ganze Weile schwer unter den Folgen der Krise zu leiden haben. Diese Schwierigkeiten sind zu meistern. Das schaffen wir. Sollten wir aber noch einmal alles schließen müssen, dann kommen wir in einen ganz anderen Film. 

Blick in den Innenhof des "Moonlight building", dem neuen Teil des Sitzes der CSSF an der Route d'Arlon.
Blick in den Innenhof des "Moonlight building", dem neuen Teil des Sitzes der CSSF an der Route d'Arlon.
Foto: Gerry Huberty

 Die Wirtschaft und der Finanzplatz sind doch jetzt besser vorbereitet. Wir wissen, wie wir uns schützen können.

 Die großen Banken am Platz haben Moratorien in einer Gesamthöhe von 3,7 Milliarden Euro zugestanden. Hinzu kommt eine überschaubare Zahl an neuen Krediten, die im Rahmen der staatlich garantierten Bürgschaft vergeben wurden. Keine der Banken, die wir befragten, weiß derzeit, wie viele dieser Kredite am Ende der Moratorien wieder bedient werden. Erst ab September, so lautet der allgemeine Tenor, wird klarer, wie es wirtschaftlich weitergeht. Im besten Fall wird das Virus eingedämmt sein, die Unternehmen bedienen wieder ihre Schulden, und die Wirtschaft erholt sich. Das alles aber würde zur Makulatur, wenn eine zweite Welle käme, die einen zweiten Lockdown notwendig macht. 

 Was würde ein zweiter Lockdown bewirken?

 Dann stehen wir vor einer wachsenden Zahl von Konkursen, und vor zahlreichen notleidenden Krediten. Die Regeln sind klar – ein Kredit, der über einen bestimmten Zeitraum nicht bedient wird, muss als notleidend eingestuft werden. In dem Fall geraten wir von einem Problem der Liquidität in ein Problem der Zahlungsfähigkeit. Das wäre nicht nur in Luxemburg der Fall, sondern global. Daher warnt der Internationale Währungsfonds vor der Gefahr des Abrutschens in eine Finanzkrise.

 Sehen Sie die Gefahr einer neuen Finanzkrise? 

Wenn das Virus saisonal bedingt im Sommer verschwindet, oder die Ansteckungsraten so niedrig wie jetzt bleiben, dann werden wir nicht in eine Finanzkrise hineinrutschen. Das ist derzeit das wahrscheinlichste Szenario. Es gibt aber Unsicherheitsfaktoren, denen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird – einerseits, ein zweiter Lockdown, andererseits die Abhängigkeit zu anderen Weltregionen. Europa ist keine Insel, und Luxemburg schon gar nicht. Eine größere Erschütterung, zum Beispiel innerhalb des amerikanischen Finanzsystems, kann in Europa zu einem Dominoeffekt führen, wie wir schon 2008 gesehen haben. 


Serge Allegrezza bei der Vorstellung der Prognose.
Luxemburgs Wirtschaft schrumpft um sechs Prozent
Das Statistikamt Statec hält nach dem Corona-bedingten Rekordeinbruch der luxemburgischen Wirtschaft eine kräftige Erholung für möglich.

Die CSSF hat schon am 2. März, also zwei Wochen vor dem offiziellen Lockdown, den Banken die Aktivierung ihrer Notfallpläne empfohlen. War das Vorausschau? 

Wir konnten die Richtung sehen. Am 2. März gab es noch keine Pandemiewarnung, wohl aber gab es eine Epidemie, mit Risikozonen. Im Finanzzentrum gibt es viele Beschäftigte, die in diesen Risikozonen wohnen. Sie zu zwingen, in überfüllten Zügen zur Arbeit zu kommen, schien uns nicht ratsam. Die CSSF überwacht Institute, die insgesamt etwa 50 000 Beschäftigte zählen. Mit ihren Familien sind somit mindestens 150 000 Menschen betroffen. Da wollten wir kein Risiko eingehen, sondern einen Beitrag dazu leisten, dass sich das Virus weniger ausbreitet. 

 Tausende gewährte Moratorien, kaum Investitionen, keine Kauflaune: Die Banken machen derzeit wenig Geschäfte. Das wird sich wohl in den Bilanzen 2020 spiegeln? 

Die Rentabilität der Banken in Luxemburg wird sicherlich leiden, allerdings weniger als bei  Finanzinstituten in Ländern, die stärker auf Retail- und Commercial Banking fokussiert sind. Das hat einen technischen Grund: hier in Luxemburg wird sehr viel Backoffice-Arbeit geleistet, die ist immer notwendig, unabhängig von der jeweiligen konjunkturellen Lage. Das schützt die Luxemburger Banken natürlich nicht vor negativen Zahlen. Rentabilität, das war schon ein Thema vor der Krise. Die aktuelle Entwicklung wird die Konsolidierung beschleunigen. Ich sage es immer wieder: Wir haben noch zu viele Banken in Europa, und auch in Luxemburg. 

Am Finanzplatz erblickt man fast keine Menschen. Die meisten der 50000 Beschäftigten sind noch im "Homeoffice".
Am Finanzplatz erblickt man fast keine Menschen. Die meisten der 50000 Beschäftigten sind noch im "Homeoffice".
Foto: Gerry Huberty

Warum sollte es zu viele Banken geben, ein Ökosystem ist doch umso stabiler und reicher, je mehr Bewohner es hat? 

Um das klarzustellen: Ich begrüße nicht, dass es immer weniger Banken gibt, als Selbstzweck. Mein Punkt ist folgender: Eine Bank, die keine Gewinne macht, ist eine gefährliche Bank. Sie geht Risiken ein, die zu hoch sind. Es gibt zwar kein Finanzgeschäft ohne Risiko, das ist die Natur des Bankgeschäftes. Macht die Bank aber keine Gewinne, oder macht sie gar Verluste in ihrem Kerngeschäft, dann geht sie zu hohe Risiken ein, um wieder in die Gewinnzone zu gelangen. Sie achtet bei der Compliance nicht auf die Regeln, sie akzeptiert zwielichtige Kunden – sie wird zu einer Gefahr. 

 Wie kann eine Bank im derzeitigen Umfeld Gewinne machen? 

Das ist der springende Punkt! Eine Bank bietet den Anlegern vor allem eins: Vertrauen. Dafür wird sie gebraucht. Niemand vertraut sein Geld einer Smartphone-App an. Die Kunden vertrauen ihre Ersparnisse – oft von Generationen zusammengetragen – einer Institution an, die nach einem klaren Regelwerk funktioniert und die Sicherheit bietet. Diese Sicherheit hat einen Preis, und der Preis ist hoch. Daher mag ich Ausdrücke wie „Regulatory Tsunami”, die oft gebraucht werden, nicht. Ja, das Regelwerk hat einen Preis, die Überwachung des Regelwerks hat einen Preis, auch sind die Gehälter hoch im Finanzwesen, ebenso wie die Mieten. Hinzu kommen notwendige Investitionen in die Digitalisierung. Tatsache ist, der Kostenpunkt wird nicht niedriger. In anderen Worten: Eine Bank muss eine natürliche kritische Masse haben, sonst kann sie all diese Anforderungen nicht stemmen. Vor allem kann sie ohne eine gewisse Masse nicht rentabel sein. 

Die Konsolidierungswelle geht also weiter, beschleunigt durch Covid-19?

 In den USA führte die Zeit nach der Finanzkrise zu einer Konsolidierungswelle, die dem Prinzip der nötigen Masse Rechnung trug. In Europa hingegen haben wir die Konsolidierung gebremst. Die Gründe dafür sind kulturell bedingt, auf die Mitarbeiter wird Rücksicht genommen, Gebäude haben eine traditionelle Bedeutung, Finanzinstitute tun sich schwer, sich von ihren historischen Systemen zu trennen, usw. Das alles hilft auf Dauer nicht. Die Konsolidierungswelle muss kommen, wenn wir nicht lauter kleine Banken wollen, die überproportionierte Risiken eingehen müssen. Die COVID-19 Pandemie wird auch die Digitalisierung beschleunigen, die Digitalisierung selbst beschleunigt die Konsolidierung der bestehenden, traditionellen Finanzinstituten.

In der Finanzkrise vor zwölf Jahren waren doch gerade die Grossbanken, die als “too big to fail” galten, das große Problem? Das Credo war damals, Institutionen sollten nicht mehr zu groß sein, um kein systemisches Risiko mehr darzustellen. Jetzt schlägt das Pendel wieder in Richtung Konzentration und Größe aus.

Es ist natürlich nicht wünschenswert, dass es am Ende nur einige riesige Akteure gibt. Ein Mittelweg ist ideal.

Transparent: Die beiden Gebäudeteile sind  durch eine Glasbrücke miteinander verbunden
Transparent: Die beiden Gebäudeteile sind durch eine Glasbrücke miteinander verbunden
Foto: Gerry Huberty

 Was wäre die ideale Zahl an Banken hier am Finanzplatz?

 Vor zehn Jahren sagte ich bei einer Konferenz, wir würden auf hundert Banken zusteuern. Damals gab es noch 150 Banken am Platz. Einige Vertreter der Industrie waren erbost über meine Aussage. Heute gibt es noch 127 Finanzinstitute. Weniger Banken bedeuten aber nicht zwangsläufig weniger Geschäft, und auch nicht weniger Beschäftigung. Die gesamte Bilanzsumme der Banken bleibt trotz abnehmender Zahl der Akteure stabil.

 Das Prinzip der Nachhaltigkeit als Leitlinie des Luxemburger Finanzplatzes ist Ihnen ein Herzensanliegen, das ist bekannt. Haben die Banken, hat die Wirtschaft jetzt nicht andere Sorgen? Wird die Nachhaltigkeit als Leitbild die Virus-Krise überstehen? 

Es hängt davon ab, ob wir kurzfristig oder ob wir langfristig denken. Man könnte tatsächlich den Reflex haben: Jetzt haben wir so gelitten, wir können uns nicht auch noch erlauben, Zeit und Geld in Nachhaltigkeit zu investieren. Mit einer solchen Haltung stünden wir schon mittelfristig vor einer Katastrophe. Wir müssten zweimal investieren: Post-Covid-Wiederbeleben der Wirtschaft, ohne die Nachhaltigkeit zu fördern, dann Umrüstung in eine nachhaltigere Wirtschaft.Wir haben sehr wenig Zeit, um der Erderwärmung entgegenzuwirken. Falls wir nichts tun, wird unser Planet nicht mehr lebensfähig, darüber sind sich die Wissenschaftler einig. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Erderwärmung mehr als 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit steigt. Um das zu erreichen, müssen wir uns ehrgeizige Ziele setzen. 2030 ist eine Zwischenetappe, bis 2050 soll Europa klimaneutral sein. Dazu müssen jetzt alle Politiken neu ausgerichtet werden – Industriepolitik, Umweltpolitik und Finanzpolitik. Dies ist das Ziel der Von der Leyen-Kommission, an dem sie auch trotz Covid-19 Krise festhält.


23.05.2008 FINANZPLATZ, FINANZEN, BANKEN PHOTO ANOUK ANTONY
Kredite mit Staatsgarantie: „Wer nicht stark genug ist, schafft das nicht“
Kredite mit Staatsgarantie sollen Firmen durch die Krise helfen – der große Befreiungsschlag ist das nicht, berichtet so manche Bank.

 Finanzgeschäft und Klimaschutz, das sind doch zwei unterschiedliche Paar Schuhe? Industriepolitik hat sicherlich eine Auswirkung auf das Klima, was aber können die Luxemburger Banken gegen die Erderwärmung tun? 

An der nachhaltigen Ausrichtung unserer Wirtschaft führt kein Weg vorbei. Das erfordert gewaltige Investitionen, die die Staaten nicht ohne die Mithilfe privater Finanzierung bewältigen können. Es geht um die Förderung nachhaltiger Investitionen – in der Kapitalstruktur, in der Risikobewertung. Am Luxemburger Finanzplatz werden derzeit etwa 5 000 Milliarden Euro an Assets verwaltet. Das ist eine gewaltige Summe. Wenn nur ein Teil dieser Summe – sagen wir, 20 oder 30 Prozent – nachhaltig investiert ist, dann kann Luxemburg einen bedeutenden Beitrag zu der internationalen Anstrengung leisten, die notwendig ist, um den Planeten lebenswert zu erhalten.

Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Die „Subprime“-Krise trifft Luxemburg
Die Finanzkrise und der Zusammenbruch der außerhalb von Fachrkreisen weitgehend unbekannten Bank namens Lehman Brothers hatte den Menschen ins Bewusstsein gebracht, dass in einer globalisierten Welt jeder persönlich davon betroffen ist, wenn Finanzinstitute kollabieren.
A man under an umbrella walks past the logo of the financial group Fortis NV near the entrance the company's headquarters in Brussels February 10, 2009. Fortis shareholders are due to meet on Wednesday in Brussels for a crucial vote over the break-up of the stricken group agreed last October -- involving the Netherlands' purchase of Fortis's Dutch activities, Belgium's purchase of the Belgian banking arm Fortis Bank, and BNP Paribas' acquisition of Belgian assets.  REUTERS/Thierry Roge   (BELGIUM)
Der Ruf des Geldes
Wie Finanzindustrie und Digitalisierung das Land verändern: die Geschichte der Arbeitslosigkeit in Luxemburg, Teil III.
30.05.12 wi / Beilage wirtschaftsbeilage classement des banques, banken , finanzplatz luxemburg, hier:  boulevard royal, , Foto: Marc Wilwert