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Fehlende Roaminggebühren: Mobilfunkanbieter müssen Verluste ausgleichen
Viele Luxemburger nutzen die Abschaffung der Roaminggebühren, um vermehrt im Internet zu surfen, wenn sie im EU-Ausland sind.

Fehlende Roaminggebühren: Mobilfunkanbieter müssen Verluste ausgleichen

Foto: Shutterstock
Viele Luxemburger nutzen die Abschaffung der Roaminggebühren, um vermehrt im Internet zu surfen, wenn sie im EU-Ausland sind.
Wirtschaft 6 Min. 07.02.2018

Fehlende Roaminggebühren: Mobilfunkanbieter müssen Verluste ausgleichen

Mara BILO
Mara BILO
Was Handynutzer freut, macht den Mobilfunkanbietern zunehmend Sorgen. Seitdem innerhalb der Europäischen Union (EU) für Telefonate, Textnachrichten und mobiles Internet keine Aufpreise mehr verlangt werden dürfen, schlägt sich das negativ auf ihren Umsatz nieder.

Rückblick: Am 15. Juni 2017 entfallen für Reisende in der EU die sogenannten Roaminggebühren. „Von nun an können die Bürgerinnen und Bürger auf Reisen innerhalb der EU mit ihren Mobilgeräten telefonieren, SMS schreiben und Datendienste nutzen, ohne dafür auch nur einen Cent mehr als zu Hause zu bezahlen“, erklärt seinerzeit Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Diese „Roaming zu Inlandspreisen“-Initiative basiert auf einem langjährigen Engagement der EU; seit 2012 sind laut Angaben der Europäischen Kommission die Datengebühren um 96 Prozent gesunken.

Diese Roaming-Initiative hat für Luxemburg große Bedeutung: Mehr als 180 000 Menschen kommen täglich aus den Nachbarländern über die Grenze ins Großherzogtum zur Arbeit; die Verbraucher quittierten die Einsparungen mit Begeisterung. Thierry Iafrate, Marketingmanager und Kommunikationsleiter beim Mobilfunkbetreiber Orange, stellt fest, dass „sich das Verbraucherverhalten seit dem 15. Juni verändert hat“ – vor allem bei der Datennutzung für mobiles Surfen im Internet. Seinen Aussagen zufolge haben diejenigen, die schon vor dem 15. Juni ein großes Datenvolumen in Anspruch genommen haben, nach der Umsetzung der EU-Maßnahme noch mehr Daten genutzt. Und: Für diejenigen, die sich aufs Telefonieren und Kurznachrichten beschränken oder eher selten im Ausland sind, hat sich wenig geändert.

Im Schnitt nutzt ein Luxemburger Verbraucher ungefähr 2,2 Gigabyte Datenvolumen pro Monat.

„Die Verbraucher haben den Reflex aufgegeben, automatisch bei der Überschreitung einer Grenze, das Roaming auf ihrem Smartphone abzuschalten, um Aufpreise zu vermeiden“, erklärt Iafrate. Seinen Angaben zufolge ist es aber noch zu früh, um den durchschnittlichen Verbrauch von Daten pro Kunde seit dem 15. Juni einschätzen zu können. „Wir wissen aber, dass während des vergangenen Sommers viel mehr Daten genutzt wurden.“ Auch Luis Camara, Consumer Business Unit Director bei dem Betreiber Tango, schätzt, dass sich die Datennutzung im Sommer 2017 im Vergleich zum Datenkonsum im Sommer 2016 versechsfacht hat: „Auch die Anzahl der Textnachrichten und Anrufe ist gestiegen, aber nur in geringerem Maße.“

Mit so einer deutlichen Steigerung des Verbrauchs von Datenvolumen rechnet der Sprecher des „Institut Luxembourgeois de Régulation“ (ILR) allerdings nicht: „Im Schnitt nutzt ein Luxemburger Verbraucher ungefähr 2,2 Gigabyte Datenvolumen pro Monat“ (Stand: Jahresende 2017). Und: „Es ist aber nicht so, als würde sich die durchschnittliche Datennutzung von einem Jahr zum anderen plötzlich verdoppeln“, heißt es beim ILR.

Datennutzung steigt, Umsatz sinkt

Laut Angaben des Luxemburger Handelsregisters „Registre de Commerce et des Sociétés“ (RCSL) haben die Luxemburger Mobilfunkanbieter unter anderem wegen der aufeinanderfolgenden Senkungen der Roaminggebühren im Ausland erhebliche Verluste geschrieben. So haben sowohl Orange wie auch Post Telecom und Tango von einem Jahr zum anderen einen Teil ihres Umsatzes im Mobilfunkgeschäft eingebüßt. „Wir haben noch nicht die endgültigen Zahlen, aber die Auswirkungen auf unseren Umsatz wird auf elf Millionen Euro geschätzt“, so Camara von Tango. Zur Einordnung: Im Jahr 2016 verbuchte Tango einen Nettoerlös von 124,9 Millionen Euro. Ähnlich geht es auch bei Orange. Iafrate bestätigt: „Unser Umsatz ist mit den sukzessiven Veränderungen der Roaminggebühren im Ausland gesunken.“

Obwohl die Roaming-Initiative kein permanentes Roaming im Ausland ermöglichen soll, ist es doch so, dass die Rechnungen, die sich Mobilfunkanbieter für die Datennutzung ihrer Kunden im Ausland gegenseitig stellen können, zugenommen haben, so Iafrate. Das Prinzip: Wenn ein Luxemburger Nutzer in Deutschland mobiles Internet nutzt, schickt der deutsche Mobilfunkanbieter eine Rechnung am Ende des Monates an das entsprechende luxemburgische Mobilfunkunternehmen. Diese beinhaltet die Kosten der Datennutzung, die im deutschen Netz erfolgt sind; dieses Prinzip gilt auch umgekehrt.

  • Auch das Funknetzwerk der Stadt Luxemburg „City-Wifi“ hat unter der Initiative „Roaming zu Inlandspreisen“ gelitten. Frank Dhur, Sprecher des hauptstädtischen Funknetzwerks, erklärt: „Wir haben einen leichten Rückgang von zehn Prozent in der Anzahl der täglichen Verbindungen beobachtet.“ Im Durchschnitt zählt das „City-Wifi“ derzeit ungefähr 10 000 Verbindungen pro Tag, so der Sprecher. Dies entspricht einem Verlust von 1 000 Verbindungen im Vergleich zum Jahresbeginn 2017. Denn: Vor dem 15. Juni zählte das „City-Wifi“ 11 000 Verbindungen zum Netz täglich. Allerdings betont Dhur dass, „wir, ehrlich gesagt, mit einem größeren Rückgang gerechnet hatten“.

„Neue Wachstumsquellen“

Die Europäische Kommission hat den Höchstpreis für ein Gigabyte (GB) Daten europaweit festgelegt: 7,70 Euro. Seit dem 1. Januar 2018 ist dieser Betrag sogar auf sechs Euro gesunken. Ziel ist es, diesen Preis schrittweise auf 2,50 Euro pro GB bis 2022 zu senken. Camara erklärt, dass das Einziehen ausländischer Rechnungsbeträge „nicht das, was wir bezahlen müssen, kompensiert.“

Das Angebot der Mobilfunkanbieter hat sich nach den 15. Juni nicht unbedingt geändert – die Preise schon gar nicht, wie die Sprecher von Orange und Tango bestätigten. „Wir hatten uns auf die erwarteten Veränderungen vorbereitet“, sagt Iafrate. Ein Beispiel: Wenn das Handyabo eines Kunden sechs GB beinhaltete, von denen ein Gigabyte für die Nutzung im Ausland gedacht war, dann können die Kunden seit dem 15. Juni über die gesamten sechs GB verfügen, sowohl in Luxemburg als auch im Ausland.

Um die Verluste zu kompensieren, setzen die Mobilfunkanbieter auf erweiterte und differenzierte Angebote. „Wir versuchen, unsere Investitionen zu optimieren, wo immer möglich zu sparen und unsere Produktivität weiter zu steigern“, erklärt Camara. „Wir arbeiten auch an der Verbesserung unserer anderen Produkte wie beispielsweise Tango TV. Es ist uns wichtig, dass unsere Kunden, nicht nur ein, sondern mehrere Tango-Produkte in Anspruch nehmen.“

Auch der Betreiber Orange bietet seinen Kunden ein Fernsehangebot an. „Wir müssen neue Wachstumsquellen finden“, betont Iafrate. Für den ILR-Sprecher bietet die gegenwärtige Situation der Mobilfunkanbieter gute Voraussetzungen, „hochwertige Produkte auf den Markt zu bringen.“

Genaueren Aufschluss über Erlöseinbußen wird die jährlich veröffentlichte „étude tarifaire“ im Mai liefern. Diese von der ILR erstellte Marktanalyse dient dazu, verschiedene Handyabos miteinander zu vergleichen. Die nächsten Zahlen sollten einen noch besseren Überblick über die Angebote der Mobilfunkanbieter seit dem Ende der Roaminggebühren für Reisende gewährleisten.



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