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Fast jeder fünfte Luxemburger ist von Einkommens-Armut gefährdet
Wirtschaft 7 Min. 14.10.2022
Statec

Fast jeder fünfte Luxemburger ist von Einkommens-Armut gefährdet

Die steigenden Preise treffen die Haushalte unterschiedlich - Revis und andere Zulagen helfen.
Statec

Fast jeder fünfte Luxemburger ist von Einkommens-Armut gefährdet

Die steigenden Preise treffen die Haushalte unterschiedlich - Revis und andere Zulagen helfen.
Foto: Shutterstock
Wirtschaft 7 Min. 14.10.2022
Statec

Fast jeder fünfte Luxemburger ist von Einkommens-Armut gefährdet

Unternehmen melden einen Rekord an offenen Stellen – beim „Gender Gap“ hat Luxemburg Bestwerte.

(MeM) - Im Jahr 2021 waren in Luxemburg 115.980 Menschen armutsgefährdet, was seiner Quote von 19,2 Prozent der Einwohner entspricht. Diese Quote sinkt allerdings auf 7,3 Prozent, wenn neben dem verfügbaren Einkommen auch das Vermögen und der Konsum berücksichtigt werden. Doch insgesamt ist das Armutsrisiko letztes Jahr im Vergleich zu 2020 – damals 5,6 Prozent – angestiegen. Die Risikoschwelle für Einkommensarmut liegt bei 2.177 Euro.

Das geht aus dem Bericht des Statistikamts hervor, der am Freitag der Öffentlichkeit vorgestellt wurde und den Titel „Der soziale Zusammenhalt steht unter Druck“ trägt. Dabei zeigt sich, dass zwei aufeinander folgende Krisen – Pandemie und Krieg – nicht spurlos an Luxemburg vorüber gehen.

Armutsgefährdung steigt

„Ungleichheit und Armut“, darauf weist Statec hin, „werden unterschätzt, wenn sie nur anhand des verfügbaren Einkommens bewertet werden.“ Die Prognosen für die Werte der Ungleichheitsindikatoren zeigen eine Stagnation im Vergleich zu 2020. Trotz dieses Befundes, so Statec, nahm die Armutsgefährdung 2021 zu. 

Die Armutsgefährdungsquote ist dabei für einen Arbeitslosen fast viermal so hoch wie für einen Erwerbstätigen. „Junge Menschen, Arbeitslose, Nichterwerbstätige, Mieter, Alleinerziehende mit zwei oder mehr Kindern und Menschen mit niedrigem Bildungsniveau sind stärker von multidimensionaler Armut bedroht. Aus dieser mehrdimensionalen Analyse geht hervor, dass vor allem wohlhabende Haushalte am meisten sparen, während andere Haushalte manchmal mehr konsumieren als sie verdienen“, so der Untersuchungsbericht. 


Arbeitsmarkt
458.000 Beschäftigte - 212.000 Grenzgänger
Der Statec hat zum Tag der Arbeit die Beschäftigungslage unter die Lupe genommen. Fast die Hälfte der Arbeitnehmer pendelt täglich.

Statec schätzt, dass 3,2 Prozent der in Luxemburg ansässigen Haushalte im Jahr 2022 ohne die jüngsten Regierungsmaßnahmen nach der Tripartite vom September 2022 wegen der Energiepreise in die Armutsfalle geraten wären. Tatsächlich haben mehr Menschen Anspruch auf Hilfen, fragen diese aber nicht an.

Haushalte mit weniger als 3.500 Euro im Monat

Nach Abzug der Steuern liegt das durchschnittliche verfügbare Einkommen der in Luxemburg ansässigen Haushalte bei 6.247 Euro pro Monat, wobei die Hälfte der Einwohner ein Einkommen von weniger als 5.575 Euro und 50 Prozent ein höheres Einkommen haben. Am oberen Ende der Skala haben 8,2 Prozent der Haushalte ein Einkommen von 12.000 Euro oder mehr pro Monat. Ein Viertel der Haushalte hatte 2021 allerdings nur über ein verfügbares Einkommen von weniger als 3.500 Euro pro Monat. 

Für eine alleinstehende Person hingegen beträgt die persönliche Mindestrente am 1. Januar 2021 1.908 Euro und das Revis (Einkommen zur sozialen Eingliederung) für eine erste erwachsene Person im Haushalt 1.544 Euro.
Das Mindestbudget für ein Paar mit einem Kind im Alter von null bis sechs Jahren beträgt 3.608 Euro, das eines Paares mit drei Kindern 5.186 Euro.
Auch für Kinder und Jugendliche errechnete Statec ein Mindestbudget, um ein würdiges Dasein zu führen, das tendenziell mit dem Alter ansteigt und zwischen 332 Euro und 744 Euro pro Monat liegt. 

„Staatliche Zulagen übersteigen dabei das Mindestbudget in fast allen Fällen“, so Statec. Familienministerin Corinne Cahen (DP) meint dazu: „Die Revis-Reform greift“ und verweist darauf, dass auch die staatlichen Energieprämien nächstes Jahr beibehalten werden. Während das Revis das Budget von Kindern unter acht Jahren komplett deckt, sind es bei 8- bis 14-Jährigen drei Viertel des Budgets, aber nur mehr 46 Prozent für Jugendliche ab 15 Jahren.

Preisanstiege belasten unterschiedlich

Dass die jüngsten Preisanstiege die Haushalte unterschiedlich stark trifft, liegt auf der Hand. Insbesondere Haushalte mit einem niedrigeren Lebensstandard werden von der Inflation am stärksten belastet. Dabei haben fast 40 Prozent der Alleinerziehenden mit mindestens zwei Kindern Schwierigkeiten, den Monat mit ihren finanziellen Mitteln zu bewältigen. Im Jahr 2021 hatten laut Statec insgesamt 40,2 Prozent der Mieterhaushalte finanzielle Schwierigkeiten. 

Bei den Eigentümerhaushalten liegt dieser Anteil bei 14,5 Prozent, wobei es jedoch einen Unterschied zwischen den Haushalten, die noch Raten zahlen müssen, und den anderen gibt: 19,6 Prozent der ersteren geben an, große finanzielle Schwierigkeiten zu haben, während dieser Anteil bei den Haushalten, die keine Kreditraten (mehr) zu zahlen haben, auf 7,7 Prozent sinkt. Im Jahr 2021 wurden vom durchschnittlich real verfügbaren Einkommen pro Monat und Haushalt 36 Prozent für Mieten und andere feste Verpflichtungen aufgewendet. Für die zehn Prozent der Haushalte mit dem niedrigsten Einkommen machen diese Pflichtausgaben sogar fast die Hälfte ihres verfügbaren Einkommens aus, was etwa den Sozialleistungen, die diese Haushalte erhalten, entspricht.


Die Statistiken schwächeln etwas, wenn es darum geht zu sehen, wie sich die Wohnsituation auf das verfügbare Einkommen auswirkt. Etwa 30 Prozent der Einwohner Luxemburgs sind Mieter. Der Anteil der Miete beträgt 25,4 Prozent ihrer Ausgaben. Ein Immobilienkauf und damit die Rückzahlung eines Immobilienkredits wird statistisch aber als Investitionen und nicht als Konsum betrachtet und damit nicht im Index erfasst. 

Zuwanderung

Luxemburgs Arbeitsmarkt ist von Grenzgängern und Zuwanderern geprägt. Anfang 2022 hatte Luxemburg 645.397 Einwohner, etwa 10.700 Personen mehr als im Vorjahr.

46 Prozent der Einwohner des Großherzogtums im Alter von 15 Jahren oder älter sind in Luxemburg geboren. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung beträgt 40,4 Jahre bei den Frauen und 39,0 Jahre bei den Männern. Nach der Vernichtung von Arbeitsplätzen während des Lockdowns im zweiten Quartal 2020 (-0,7 Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2020) verzeichnet der Arbeitsmarkt seitdem positive Quartalsschwankungen.  

Das Beschäftigungswachstum erreichte sogar wieder das Tempo der Zeit vor der Gesundheitskrise. Dass der Luxemburger Arbeitsmarkt nach wie vor attraktiv ist, sieht man daran, dass ein Drittel der Zuwanderer in Luxemburg eine anspruchsvollere Arbeit ausübt als vor der Migration, nur zehn Prozent der Zuwanderer üben in Luxemburg eine Arbeit aus, die weniger anspruchsvoll ist als in deren Heimat. Während lediglich sechs Prozent der Zuwanderer nur sehr geringe Kenntnisse der Luxemburger Landessprachen hatten, geben 15 Prozent der Beschäftigten an, sich am Arbeitsplatz - im Kontakt mit Kollegen und/oder Kunden – diskriminiert zu fühlen. Im Hotel- und Gaststättengewerbe steigt dieser Anteil sogar auf 24 Prozent.

Mit 5,3 Prozent im Jahr 2021 ist die Arbeitslosenquote in Luxemburg rückläufig und bleibt unter dem EU-Durchschnitt von 7,0 Prozent. Im 1. Quartal 2022 stieg die Zahl der Grenzgänger im Vergleich zum Vorjahr um 4,6 Prozent. Dagegen nahm die Zahl der Beschäftigten der Gebietsansässigen nur um drei Prozent zu. Im ersten Quartal 2022 gab es auf dem luxemburgischen Arbeitsmarkt insgesamt 469.000 Stellen, von denen 218.000 von Grenzgängern besetzt waren (46,5 Prozent). Ansässige mit luxemburgischer Staatsangehörigkeit und französische Grenzgänger sind mit 123.000 bzw. 117.000 Anfang 2022 am stärksten auf dem luxemburgischen Arbeitsmarkt vertreten. Belgische und deutsche Grenzgänger besetzen jeweils mehr als 50.000 abhängige Arbeitsplätze.

Missverhältnis auf dem Arbeitsmarkt

Im 2. Quartal 2022 gibt es auf dem Luxemburger Arbeitsmarkt eine Rekordzahl an offenen Stellen, und die Unternehmen haben Schwierigkeiten, diese Stellen zu besetzen. Die Quote der offenen Stellen steigt in fast allen Sektoren: Im zweiten Quartal 2022 meldeten luxemburgische Unternehmen 12.746 offene Stellen, was einen absoluten Rekord für Luxemburg darstellt. Im Jahresvergleich nahm die Gesamtzahl der offenen Stellen damit um rund 50 Prozent zu.

Die Telearbeit, die mit der Pandemie erstmals flächendeckend praktiziert wurde, hat sich laut dem Statec-Direktionsmitglied Jérôme Hury inzwischen fest etabliert. Im zweiten Quartal 2022 haben 34 Prozent der Erwerbstätigen Telearbeit geleistet, so die Statec-Erhebung. Herausgebildet hat sich dabei, dass  Homeoffice inzwischen weitgehend auf regelmäßiger Basis durchgeführt wird. 

„Luxemburg steht im europäischen Vergleich bei der Heimarbeit an erster Stelle, nach den Niederlanden und vor der Schweiz“, erklärt Hury. Mit dem Ende der Krise ist auch zu beobachten, dass befristete Arbeitsverträge (CDD) zunehmen, vor allem unter jungen Menschen. 

Einen positiven Niedrigstwert hat Luxemburg in Bezug auf ungleiche Bezahlung, dem sogenannten „Gender Pay Gap“, denn in Luxemburg herrscht im Gegensatz zu allen anderen EU-Ländern im Durchschnitt Lohngleichheit zwischen Männern und Frauen. Der Medianlohn der Frauen, so verraten die Statec-Zahlen, liegt sogar über dem der Männer.

Die Statistikbehörde weist aber darauf hin, dass der Gehaltsunterschied zwischen den Geschlechtern nur ein Aspekt ist, wenn es um berufliche Gleichheit geht. Denn nach wie vor sind es Frauen, die – oft aus familiären Gründen – nur in Teilzeitanstellung arbeiten. In Luxemburg ist das jede dritte arbeitstätige Frau. 2021 arbeiteten sieben Prozent der in Luxemburg lebenden Männer in Teilzeit.


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