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EZB soll Klimarisiken einpreisen
Wirtschaft 3 Min. 10.03.2021 Aus unserem online-Archiv

EZB soll Klimarisiken einpreisen

 Die EZB vergibt, wie jede Bank, Geld gegen Sicherheiten. Der Klimawandel spielt bei der Bewertung des Risikos bisher keine Rolle.

EZB soll Klimarisiken einpreisen

Die EZB vergibt, wie jede Bank, Geld gegen Sicherheiten. Der Klimawandel spielt bei der Bewertung des Risikos bisher keine Rolle.
Foto: dpa
Wirtschaft 3 Min. 10.03.2021 Aus unserem online-Archiv

EZB soll Klimarisiken einpreisen

Marlene BREY
Marlene BREY
Greenpeace kritisiert die Zentralbank und verlangt, die notenbankfähigen Sicherheiten anzupassen.

Der Klimawandel ist eine Bedrohung für den Menschen – und auch für die wirtschaftliche Stabilität. Darum sollte die Europäische Zentralbank (EZB) Klimarisiken einpreisen und auch als Risikofaktor für die Sicherheiten berücksichtigen, die Kreditnehmer vorlegen müssen. So lautet die Forderung von Greenpeace. 

Die Umweltorganisation hat gestern ihren Bericht über die EZB mit dem Titel „Greening the Eurosystem Collateral Framework“ vorgestellt. Die Analyse erscheint am Mittwoch und damit einen Tag vor der nächsten geldpolitischen Sitzung des EZB-Rats am 11. März. 


Greenpeace schätzt, dass 2019 etwa eine halbe Milliarde Euro des Pensionsfonds in Kohle, Erdöl und Erdgas-Industrie investiert wurde.
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„Wir befinden uns mitten in der Klimakrise“, betont Jennifer Morgan, Executive Director von Greenpeace International, „und es wird immer deutlicher welch große Rolle der Finanzsektor dabei spielt, diese Klimakrise noch zu verschärfen. Jeder Euro, der in fossile Energien fließt, insbesondere, wenn er in den Ausbau fossiler Brennstoffe fließt, bringt die Welt einem Desaster näher.“ 

Eine gute Nachricht hat sie aber auch an diesem Morgen: „Wenn wir jetzt handeln, können wir eine sichere und grüne Zukunft schaffen. Die Zeit läuft.“

Heiße Luft aus Paris und Brüssel

Sowohl das Pariser Klimaabkommen von 2015 wie auch der europäische Green Deal, der Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent machen soll, sehen einen wichtigen Ansatzpunkt bei nachhaltigen Investitionen. In den letzten Jahren haben politische wie wirtschaftliche Akteure ein wachsendes Bewusstsein für die finanziellen Risiken aufgrund des Klimas entwickelt. 

Es gab erste Divestments, also den Abzug von Investitionen aus Unternehmen, die aktiv sind in der Förderung, Verarbeitung oder dem Handel von fossilen Brennstoffen. Dennoch: In den vier Jahren nach dem Pariser Klimaabkommen haben die größten Banken 2,7 Billionen Dollar in fossile Energien investiert. Es gäbe also gute Ansätze, so Greenpeace, aber keine Konsistente Wirtschafts- oder Geldpolitik. 

Das sind die sogenannten „notenbankfähige Sicherheiten“

„Darum brauchen wir einen Wandel an der Spitze. Wir brauchen einen Wandel im System. Als größte Finanzinstitution in Europa und als Aufsichtsinstanz der größten europäischen Banken hat die EZB eine zentrale Rolle zu spielen“, konstatiert Morgan. 

Die EZB solle Einfluss darauf nehmen, wie viel Geld in kohlenstoffintensive Sektoren fließe – und zwar mittels der finanziellen Sicherheiten, die die EZB akzeptiert. Diese Bedingungen, die sogenannten „notenbankfähigen Sicherheiten“, stehen im Zentrum des aktuellen Berichts. 

Die EZB vergibt – wie jede Bank – Geld gegen Sicherheiten. Von den Geschäftspartnern des Eurosystems bereitgestellte Sicherheiten müssen bestimmte Zulassungskriterien erfüllen, damit sie notenbankfähig sind. Darum nennt man sie notenbankfähige Sicherheiten. 

Der Klimawandel ist offiziell kein Risiko

Im „Collateral Framework“ wird definiert, was als risikoarm gilt. Und genau hier spielt der Klimawandel keine Rolle. Was als Risiko gilt und was nicht, bestimmt aber die Konditionen, zu denen sich ein Kreditnehmer Geld leihen kann. Greenpeace will, dass Kreditnehmer mit hohen Emissionen das Klimarisiko eingepreist bekommen. 

Derzeit spielt das Klima hier keine Rolle: Vergeben Zentralbanken Kredite, halten sie sich an die Bewertungen von Ratingagenturen. Diese preisen Umweltrisiken nicht mit ein. „Aktuell ist es also so: Die Informationsgrundlage der Zentralbanken für ihre Risikoanalyse enthält den größten Risikofaktor gar nicht: den Klimawandel“, sagt Adam Pawloff von Greenpeace. 

Seine Analyse berechnet, dass es bei jetzigem Tempo fünf Jahre dauern würde, den „Collateral Framework“ anzupassen und Klimarisiken aufzunehmen. „Die Kernaussage unseres Berichts ist: Die EZB muss viel, viel mehr tun und das viel schneller“, so Pawloff. 

Marktneutralität 

Das Kernproblem der EZB sei die Marktneutralität, ergänzt Pawloff. Das Prinzip der Marktneutralität besagt, dass die Notenbanken des Eurosystems Anleihekäufe („Quantitative Easing“) so gestalten sollen, dass sie den Markt nicht verzerren. So sollen sie weder einzelne Staaten noch Unternehmen bevorzugen. 

Christine Lagarde, Präsidentin der EZB, hatte 2020 selbst Zweifel daran geäußert, ob das Prinzip im Falle von geldpolitischen Anleihekäufen immer sinnvoll sei und warf die Frage auf, ob für die Notenbank, wenn sie sich für mehr Klimaschutz einsetzen wollen, möglicherweise die Bevorzugung „grüner“ Unternehmensanleihen erlaubt sein sollte. 

Die Marktneutralität gilt Kritikern einer solchen Position als Argument, um sich gegen politische Einflussnahme zu wehren. Wer Papiere von Unternehmen kauft, die klimafreundlich sind, könnte auch Papiere von Unternehmen kaufen, die Arbeitsplätze schaffen oder den technischen Fortschritt fördern. So können aus Geldpolitik Industriepolitik werden.

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