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Enormer Vertrauensverlust: Der Boeing-Absturz und seine Folgen
Neben eventuell drohenden Entschädigungs- und Schadenersatzforderungen der Kunden kann Boeing durch die Flugverbote auch bestellte Maschinen nur verspätet ausliefern.

Enormer Vertrauensverlust: Der Boeing-Absturz und seine Folgen

Foto: AFP
Neben eventuell drohenden Entschädigungs- und Schadenersatzforderungen der Kunden kann Boeing durch die Flugverbote auch bestellte Maschinen nur verspätet ausliefern.
Wirtschaft 3 Min. 13.03.2019

Enormer Vertrauensverlust: Der Boeing-Absturz und seine Folgen

Der Boeing-Absturz in Afrika wirbelt die Welt der Luftfahrt durcheinander. Nicht nur der US-Flugzeughersteller gerät unter Druck, die Auswirkungen des Unglücks sind global. Es geht um viel Vertrauen.

(dpa) - Nach dem Absturz zweier baugleicher, neuer Flugzeugtypen binnen weniger Monate gerät der US-Flugzeugbauer Boeing weltweit unter Druck. Obwohl die zuständige US-Luftfahrtbehörde FAA die betreffenden Boeing 737 Max 8 weiter für zuverlässig hält, reagieren Passagiere verunsichert. Flugverbote mehrerer Airlines und Länder lösen eine Dynamik aus, der sich global immer mehr Betreiber und Regierungen anschließen. Nordamerika blieb bisher die Ausnahme. Was ist bisher bekannt?

Der Unfall 

Augenzeugen wollen gesehen haben, dass sich die Boeing vor dem Aufprall nahe der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba am Sonntag um die eigene Achse gedreht hat, andere berichten von Flammen. Laut der Airline meldeten die Piloten Probleme mit der Flugsteuerung. In Verdacht geriet schnell die Steuerungssoftware.


A photo shows debris of the crashed airplane of Ethiopia Airlines, near Bishoftu, a town some 60 kilometres southeast of Addis Ababa, Ethiopia, on March 11, 2019. - Airlines in Ethiopia, China and Indonesia grounded Boeing 737 MAX 8 jets Monday as investigators recovered the black boxes from a brand-new passenger jet that crashed outside Addis Ababa a day earlier, killing all 157 people on board. (Photo by Michael TEWELDE / AFP)
„Safety first“: Schlimmer Verdacht nach Boeing-Absturz
Nach dem Flugzeugabsturz in Äthiopien mit 157 Toten hat die Suche nach der Unglücksursache eingesetzt. Ein schlimmer Verdacht drängt sich auf. Denn vor wenigen Monaten gab es bereits einen Unfall mit der relativ neuen Boeing-Reihe.

Die Bilder vom Unfallort deuten darauf hin, dass sich die Maschine fast senkrecht und mit hoher Geschwindigkeit in den Boden gebohrt hat. Die Trümmer liegen eng beieinander - ein Hinweis, dass der Rumpf beim Aufprall noch weitgehend intakt war. Die Boeing 737 Max 8 von Ethiopian Airlines war auf dem Weg nach Nairobi kurz nach dem Start abgestürzt. Konkrete Hinweise auf die Ursache erhoffen sich die Ermittler durch die Auswertung von Cockpit-Stimmenrekorder und Flugdatenschreiber.

Die Konsequenzen 

Zunächst setzten Singapur und Australien alle Flugaktivitäten der Boeing-737-Max-8-Flugzeuge vorsichtshalber aus, diverse Airlines und Luftfahrtbehörden rund um den Globus zogen mit Startverboten und Luftraumsperren für diesen Typ nach. Unternehmen wie der Tui-Reisekonzern handelten erst zögerlich, weil sie sich zunächst auf Empfehlungen der US-Luftfahrtbehörde FAA stützten.

Diese sieht bisher keine Notwendigkeit für Flugverbote, zumal Boeing selbst Software-Modifizierungen in Aussicht gestellt hat. Auch der Koordinator der Bundesregierung für die Luft- und Raumfahrt, Thomas Jarzombek, warnte zunächst vor unbedachten „Schnellschüssen“ - bevor Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) die Luftraumsperrung verfügte. Laut Deutscher Flugsicherung (DFS) gilt sie bis 12. Juni.

Die Reaktionen

Die zunächst widersprüchlichen Airline- und Behörden-Entscheidungen dürften die Verunsicherung bei Passagieren erhöht haben. Annullierungen von Flügen sind in Europa jedoch eher unwahrscheinlich: Bei der Flotte des Tui-Konzerns etwa sind nur 15 von rund 150 Flugzeugen betroffen: sie wurden in Großbritannien und den Benelux-Ländern eingesetzt. Der Konzern will nun andere Flugzeuge chartern, Ersatzkapazitäten einsetzen und Flüge umbuchen.


(FILES) In this file photo taken on July 16, 2018 Visitors watch as a Boeing 737 Max lands after an air display during the Farnborough Airshow, south west of London. - Britain's aviation regulator on March 12, 2019, banned Boeing 737 MAX aircraft from the country's airspace following a deadly plane crash in Ethiopia, mirroring a decision taken by other nations. The UK Civil Aviation Authority said in a statement headlined "Boeing 737 MAX Aircraft" that "as a precautionary measure" it had decided "to stop any commercial passenger flights from any operator arriving, departing or overflying UK airspace". (Photo by BEN STANSALL / AFP)
Europa verbannt den Boeing-Unglücksflieger
In ganz Europa sind Starts und Landungen von Maschinen der Bauart 737 Max 8 vorerst verboten. Auch Luxemburg reagiert, selbst wenn die Flugzeuge auf Findel nur selten zu sehen sind.

Der Hersteller 

Der US-Luft- und Raumfahrtriese Boeing kämpft ausgerechnet bei seinem hoffnungsfroh gestarteten jüngsten Kassenschlager gegen eine schwere Vertrauenskrise und ein Image-Fiasko. Neben eventuell drohenden Entschädigungs- und Schadenersatzforderungen der Kunden kann Boeing durch die Flugverbote auch bestellte Maschinen nur verspätet ausliefern. Betroffen ist etwa der Tui-Konzern, der die erste Maschine dieses Typs für die deutsche Tuifly diese Woche aus Seattle nach Hannover fliegen wollte. Die Boeing-Aktie sackte bereits kräftig ab. Die auf weniger Spritverbrauch getrimmte Boeing 737 Max 8 ist eine Neuauflage der seit den 1960er Jahren gebauten Boeing 737 und wird in der neuen Form mit größeren und sparsameren Triebwerken ausgeliefert. Konkurrenzmodell ist der Airbus A320neo.

Die Behörden

Die Bewertung der Zuverlässigkeit der Boeing 737 Max 8 droht auch die Beziehungen der Luftfahrtbehörden in den USA und Europa zu belasten. Denn nachdem die Europäer bisher Entscheidungen der FAA regelmäßig mittrugen, scherten sie nun aus und folgten mit ihrem Flugverbot für den Jet der FAA-Einschätzung nicht. Auch wenn die Unglücksursache noch nicht geklärt ist, setzt sich die US-Behörde nach Ansicht ihrer Kritiker mit ihrer Entscheidung der Kritik aus, den ehernen Grundsatz der Fliegerei - „Safety first“ - zu missachten.


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(FILES) In this file photo taken on July 16, 2018 Visitors watch as a Boeing 737 Max lands after an air display during the Farnborough Airshow, south west of London. - Britain's aviation regulator on March 12, 2019, banned Boeing 737 MAX aircraft from the country's airspace following a deadly plane crash in Ethiopia, mirroring a decision taken by other nations. The UK Civil Aviation Authority said in a statement headlined "Boeing 737 MAX Aircraft" that "as a precautionary measure" it had decided "to stop any commercial passenger flights from any operator arriving, departing or overflying UK airspace". (Photo by BEN STANSALL / AFP)