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„Ein Nein macht unser Land angreifbar“
Wirtschaft 3 Min. 06.06.2015 Aus unserem online-Archiv
Wirtschaft sagt Ja zum Ausländerwahlrecht

„Ein Nein macht unser Land angreifbar“

Ausländische Arbeitnehmer tragen nicht nur zu unserem Wohlstand, sondern auch zu unserem Wohlfahrtsstaat bei, betonen Luxemburgs Wirtschaftsakteure.
Wirtschaft sagt Ja zum Ausländerwahlrecht

„Ein Nein macht unser Land angreifbar“

Ausländische Arbeitnehmer tragen nicht nur zu unserem Wohlstand, sondern auch zu unserem Wohlfahrtsstaat bei, betonen Luxemburgs Wirtschaftsakteure.
Guy Wolff
Wirtschaft 3 Min. 06.06.2015 Aus unserem online-Archiv
Wirtschaft sagt Ja zum Ausländerwahlrecht

„Ein Nein macht unser Land angreifbar“

Die großen Wirtschaftsakteure stimmen am Sonntag beim Ausländerwahlrecht mit einem Ja. Komme es zu einem Nein, könne dies zu einem Image-Schaden für Luxemburg führen. Ausländer seien wichtige Arbeitskräfte. Daher müssten sie besser in die Gesellschaft integriert werden. Und zwar jetzt.

Von Laurence Bervard

Die luxemburgische Gesellschaft ist gespalten. Beim Referendum. Aber insbesondere bei der Frage, die Ausländern unter bestimmten Bedingungen die Teilnahme an Legislaturwahlen eröffnen soll. Genau hier ziehen CEOs und Präsidenten von wirtschaftlichen und finanziellen Vereinigungen an einem Strang.

Für sie gibt es am Sonntag nur ein richtiges Kreuz. Denn: Der immense Beitrag der Nicht-Luxemburger trägt zum wirtschaftlichen Wohlstand des Landes bei. Zudem beflügeln Zuwanderer den Arbeitsmarkt.

Christiane Wickler.
Christiane Wickler.
Foto: Serge Waldbillig

Für Christiane Wickler, Präsidentin der „Fédération des Femmes Cheffes d'Entreprises“ (FFCEL) und Geschäftsführerin des Pallcenter, ist es wichtig, mit den Stigmatisierungen aufzuhören. Elementar sei es, hervorzuheben, dass sämtliche undiplomierten Ausländer arbeitsfreudiger seien als viele Luxemburger, die die Schule frühzeitig abgebrochen haben. „Den Ausländern ist keine Arbeit zu schade. Sie sagen einfach: ,Gib mir einen Lappen und ich spüle.‘“ Ihre Absicht sei es dabei, sich durch ihr Können, ihren Willen und ihre Motivation hervorzuheben und sich danach professionell weiterzuentwickeln, so Wickler.

Der Generaldirektor der Handelskammer (CC), Carlo Thelen, hebt in seinem Online-Blog hervor, dass von 100 Arbeitnehmern im Land 28 die luxemburgische Nationalität haben, 28 Ausländer und 44 Grenzgänger sind. „Die Einwohner haben letztes Jahr nur 56 Prozent des Beitrags am Arbeitsmarkt geleistet. Interessant ist auch, dass die Einstellungsquote bei Ausländern im Durchschnitt höher als bei Luxemburgern ist“, so Thelen.

Für Michel Wurth, Präsident des Unternehmerdachverbands UEL, kann unser Land bei einer Zuwandererzahl von 21 .800 Personen in fünf Jahren nicht mit anderen Ländern verglichen werden, in denen Ausländer eher die Ausnahme sind. „Ohne das Migrationssaldo wäre Luxemburg nicht das, was es heute ist: Eine dynamische Wirtschaft mit hoher Solidarität und bemerkenswertem sozialen Zusammenhalt“, schrieb er letzte Woche in einer freien Tribüne im „Luxemburger Wort“, in der er angab, in seinem eigenen Namen zu schreiben. „Ohne Zuwanderer hätten wir im wahrsten Sinne des Wortes schnell ausgezählt: Unser Sozialmodell und unser Wohlfahrtsstaat wären schlichtweg unerschwinglich.“ 

Image-Schaden wird befürchtet

Serge De Cillia, CEO der Bankenvereinigung ABBL, warnt zudem vor einem weiteren Image-Schaden, den das Land sich eigentlich nicht leisten könne. „Ein Nein wäre für den Finanzplatz in dem Sinne ein Problem, weil seine Akteure durch die Welt reisen und Übereinkommen unterschreiben, bei denen wir Luxemburg als offen denkendes Mulit-Kulit-Land verkaufen.“ Auch würde ein Ja seiner Ansicht nach dazu beitragen, ausländische Fachkräfte enger an unser Land zu binden und sie eher davon abhalten, in ihr Heimatland zurückzukehren. 

Es gibt genügend Leute und Journalisten im Ausland, die nur darauf warten, wieder über Luxemburg herfallen zu können. Dieses Mal würden wir ihnen eine Gelegenheit dazu geben, und ihnen den Ball sozusagen vor das Tor legen.

Raymond Schadeck, unabhängiger Verwalter und früherer CEO von EY, sieht dies genauso: „Ein Nein macht unser Land angreifbar. Es gibt genügend Leute und Journalisten im Ausland, die nur darauf warten, wieder über Luxemburg herfallen zu können. Dieses Mal würden wir ihnen eine Gelegenheit dazu geben, und ihnen den Ball sozusagen vor das Tor legen.“

Beim Urnengang am Sonntag müsse man seiner Ansicht nach vor allem an die nächste Generation denken. „Wir Älteren sind in der Anzahl größer und im Gegensatz zu unseren Kindern insgesamt negativer zum Ausländerwahlrecht eingestellt. Ihnen macht es nichts aus, ob ihre Freunde hier oder im Ausland geboren sind. Die Frage ist: Steht es uns eigentlich zu, eine andere Meinung als die unserer Kinder zu vertreten?“ So sagt er entschieden: „Selbst wenn ich nicht absolut von der Legitimität des Ausländerwahlrechts überzeugt wäre, hätte ich nicht das Recht, den Willen meiner Kinder mit meinem Wahlzettel zu neutralisieren.“ 

Michel Reckinger.
Michel Reckinger.
Foto:Gerry Huberty

Ja, die Wirtschaftsakteure ziehen an einem Strang. Kein Zufall scheint es demnach zu sein, dass Wirtschaftsminister Etienne Schneider sich vor knapp zwei Jahren – nach knappen elf Monaten im Amt – als erster Minister öffentlich für das Ausländerwahlrecht aussprach. Kein Zufall ist vielleicht auch, dass trotz ausgiebiger Suche kein Wirtschaftsakteur identifiziert werden konnte, der sich offen gegen das Ausländerwahlrecht bekennen wollte.

Nur der Präsident des Handwerksverbands (FDA), Michel Reckinger, gibt offen zu: „Rein theoretisch müsste ich bei der Fragestellung am Sonntag Nein stimmen. Denn so, wie sie jetzt da steht – und mit diesen Bedingungen – geht sie mir nicht weit genug. Mit meinem Ja hätte ich eigentlich viel weiter gehen wollen.“


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