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Ein Baumeister verabschiedet sich
Wirtschaft 4 Min. 20.02.2019 Aus unserem online-Archiv

Ein Baumeister verabschiedet sich

René Witry gründete vor 40 Jahren zusammen mit seiner Frau Ursula das architekturbüro Witry&Witry.

Ein Baumeister verabschiedet sich

René Witry gründete vor 40 Jahren zusammen mit seiner Frau Ursula das architekturbüro Witry&Witry.
Foto: Serge Daleiden
Wirtschaft 4 Min. 20.02.2019 Aus unserem online-Archiv

Ein Baumeister verabschiedet sich

Marco MENG
Marco MENG
Der Architekt René Witry blickt auf 40 Jahre Berufsleben zurück und prägte in dieser Zeit die nachhaltige Architektur in Luxemburg. Jetzt zieht er sich aus seinem Unternehmen zurück und übergibt an die nächste Generation.

Als sich vor vier Jahrzenten René Witry und seine Frau Ursula nach dem gemeinsamen Architekturstudium zusammen selbstständig machten, dachten sie noch nicht daran, dass sie einmal als eines der erfolgreichsten Architekturbüros im Land 30 Mitarbeiter beschäftigen würden.

Jetzt zieht sich Witry aus dem Unternehmen zurück, hat aber trotzdem noch eines vor: Ein Gebäude ganz ohne Beton zu bauen. Die Tochter Anabel Witry, ihr Lebensgefährte Pit Kuffer und der langjährige Mitarbeiter Ulrich Burch bilden nun mit Ursula Witry die Direktionsebene des Architekturbüros.

Viele Schulen, Kindertagesstätten und Altenwohnheime im Land wurden an einem Zeichenbrett von Witry & Witry entworfen, beziehungsweise an einem ihrer Computer, denn längst plant und konstruiert man digital. „Wir haben die Entwicklung der Architektur über die letzten Jahrzehnte mitgemacht“, sagt Ursula Witry, „und dabei auch uns selbst entwickelt“.

Gleich am Anfang stand mit der Grundschule in Born ein Pilotprojekt: Es war das erste öffentliche Gebäude als dreigeschossiger Holzbau in Luxemburg und das erste Null-Energie-Haus. Wie sich die Architektur oder besser gesagt die Arbeit der Architekten verändert hat?

Als Architekt muss man sich mit dem Lebenszyklus des Baustoffs beschäftigen, um zu verstehen, wie er funktioniert, wie er hergestellt wird, wie lange er hält, wie man ihn wiederverwerten kann, erläutert Ursula Witry.

Integration aller Aspekte der Nachhaltigkeit

Von Anfang an hatten die beiden Architekten das im Sinn, was heute „Mainstream“ ist, damals aber noch kein Begriff war: Nachhaltigkeit.

Der Kindergarten in Betzdorf: Ein Projekt mit dem Lieblingsmaterial von Witry - Holz.
Der Kindergarten in Betzdorf: Ein Projekt mit dem Lieblingsmaterial von Witry - Holz.
Foto: Willi Filz

„Styropor oder Plastikfenster gibt es bei uns nicht“, sagt Ursula Witry, weil es keine natürlichen Materialien sind – und dementsprechend auch schlecht wiederverwertet werden können, ganz abgesehen von der unökologischen Herstellung. Das Ziel der modernen Architektur ist, dass man Gebäude so plant, dass sie später zum größten Teil zurückgebaut werden können.

Styropor oder Plastikfenster gibt es bei uns nicht

So können auch bei Renovierungen oder Umbauten neue Gebäude entstehen ohne die alten komplett abreißen zu müssen, indem bestehende Bestandteile weitergenutzt werden.

Bei einer Schule konnte auf diese Weise so viel Beton eingespart werden, „mit dessen Energieäquivalenz ein Mittelklassewagen dreimal zum Mond und zurück fahren könnte“, sagt Pit Kuffer. Heute wird mit Computerprogrammen konstruiert, die mehrere tausend Euro kosten.

Auch mit Nutzung von „Virtual Reality“ können bald Menschen durch Gebäude gehen, die es noch gar nicht wirklich, sondern nur im Computer gibt. „Für Einfamilienhäuser wäre das sicher ein Verkaufsargument“, so Kuffer. Vor allem bei großen Gebäuden, bei denen es komplexer wird, werde es sehr interessant.

Kuffer glaubt, es gehe sogar weiter: Dass man die Akustik eines Gebäudes über Kopfhörer erfährt – wohlgemerkt eines Gebäudes, das noch gar nicht gebaut ist. Aber auch heute schon wird bei der Planung berücksichtigt, wie ein Gebäude „klingt“, sagt Kuffer. So arbeitet der Architekt heute je nach Projekt mit Akustikern oder Lichtexperten zusammen, mit der Feuerwehr in Fragen Brandschutz sowieso. Auch ein Gebäude hat einen Charakter, sagt Kuffer. Und dieser Charakter sei auch wichtig, damit ein Gebäude akzeptiert und erhalten werde.

Das Bauen hat sich durch technische Entwicklungen und Gesetzgebung verändert, vor allem aber auch durch die Anforderungen der Gesellschaft, die in Luxemburg die letzten Jahre durch eine schnell wachsende Wirtschaft geprägt war, weshalb momentan im Land sehr viel gebaut wird. „Das beeinflusst auch die Architektur“, sagt Ursula Witry. Trotz der Wohnungsnot, so René Witry, sei urbanes Bauen in Luxemburg noch verpönt.


Die ausgezeichnete Schule in Hamm.
"Lobende Erwähnung" für die Schule in Hamm
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„Eigentlich müsste man dichter bauen“, sagt der Architekt. Es gibt mit 584 bei der „Ordre des Architectes et des Ingénieurs-Conseils“ (OAI) eingeschriebenen Selbstständigen viele Architekten im Land, hinzu kommen noch zahlreiche angestellte Architekten. Die Universität Luxemburg bietet seit Herbst 2017 einen Masterstudiengang in Architektur an.

40 Jahre Unternehmensgeschichte

Wie bei den anderen Architekten im Land baut auch Witry überwiegend in Luxemburg, aber ab und zu werden auch Gebäude im nahen Ausland verwirklicht. „Was wir im Ausland aber auch gerne taten, war, an Wettbewerben teilzunehmen, vor allem weil uns die Themen interessierten“, so Ursula Witry. „Es war auch immer spannend, sich ab und zu auf einem anderen Markt zu messen.“

„Irgendwann hatten wir einen technischen Zeichner und als wir dann immer mehr Wettbewerbe gewannen, wuchs auch das Büro“, sagt Ursula Witry. „Geplant war das nicht“, schmunzelt sie und erinnert sich daran, wie sie mit Fortbildungskursen Unternehmensführung lernte und strikt dagegen gewesen war, als die ersten Computer einzogen, sie selbst aber das Zeichenbrett nicht aufgeben wollte.

„Trotz 3D-Animation am Computer ist das Modellbauen und das Arbeiten mit den Händen nicht verschwunden“, sagt Kuffer. Ist ein Trend festzustellen, dass mehr natürliche Werkstoffe, wie zum Beispiel Holz, beim Gebäudebau nachgefragt werden? „Ja, vor allem bei öffentlichen Ausschreibungen ist das so“, sagt René Witry und seine Tochter Anabel fügt hinzu, dass immer mehr verlangt wird, Erfahrungen im Holzbau nachzuweisen.

Das „Wood Cluster“, dessen Präsident René Witry ist, hat sich für dieses Jahr zum Ziel gesetzt, dass die Normierungen geprüft und so geändert werden, dass Holzbau aus dem engen Korsett der derzeitigen Vorschriften befreit wird.

In vielen Ländern wurden inzwischen ganze Hochhäuser aus Holz errichtet. Witry kennt aus eigener Erfahrung auch Gebäude aus Massivholz, die überhaupt keine zusätzliche Dämmung mehr brauchten, weil sie schon so beste Dämmwerte erreichten. Kommende Woche wird das Buch „Witry & Witry – Über das Wohnen“ in den Luxemburger Buchhandlungen erhältlich sein, das anschaulich 40 Jahre luxemburgische Architekturgeschichte zeigt und von Prof. Dr. Ingeborg Flagge herausgegeben wurde.

Mit der Übergabe des Geschäfts an die nächste Generation bleibt Witry & Witry ein fester Bestandteil der Luxemburger Architekturszene; einzelne Projekte wird der Firmengründer noch bis zu ihrem Abschluss begleiten. Ursula Witry denkt vorläufig noch nicht ans Aufhören. „Ich bleibe noch da“, sagt sie. „Noch kann ich nicht loslassen.“



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