Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Druck auf Zulieferer steigt
Wirtschaft 6 Min. 15.03.2012 Aus unserem online-Archiv

Druck auf Zulieferer steigt

Paul Schockmel, Präsident der „Industrie luxembourgeoise des équipementiers de l'automobile“ (ILEA): „Wir müssen die Innovationen machen und vorfinanzieren.“

Druck auf Zulieferer steigt

Paul Schockmel, Präsident der „Industrie luxembourgeoise des équipementiers de l'automobile“ (ILEA): „Wir müssen die Innovationen machen und vorfinanzieren.“
Serge Waldbillig
Wirtschaft 6 Min. 15.03.2012 Aus unserem online-Archiv

Druck auf Zulieferer steigt

Luxemburg ein Autoland – diese Assoziation kommt den wenigsten Menschen in den Sinn. Doch die Zulieferer-Industrie hat sich mit den Jahren zu einem wichtigen Wachstumssegment des Fonds-Standorts gemausert. Längst arbeiten rund 9000 Menschen hierzulande in diesem Bereich. Dessen Zukunft liegt in der Forschung und Entwicklung.

Luxemburg ein Autoland – diese Assoziation kommt den wenigsten Menschen in den Sinn. Doch die Zulieferer-Industrie hat sich mit den Jahren zu einem wichtigen Wachstumssegment des Fonds-Standorts gemausert. Längst arbeiten rund 9000 Menschen hierzulande in diesem Bereich. Dessen Zukunft liegt in der Forschung und Entwicklung.

Paul Schockmel ist sich nicht ganz sicher, ob das schwarz-weiß abgeklebte Auto fotografiert werden darf. Geheimhaltung ist in seiner Branche zu einem wichtigen Rezept geworden. Der Luxemburger ist Präsident der „Industrie luxembourgeoise des équipementiers de l'automobile“ (ILEA) und arbeitet als Marketing-Direktor beim Automobilzulieferer IEE in Contern.

Sein Verband nimmt eine Schlüsselfunktion ein. Denn die Automobilzulieferer gehören zu jenen Sektoren, die Zugpferde für die Zukunft sein sollen. Die Regierung hofft, durch ihre Entwicklung Einbußen aus dem Finanzsektor abfangen zu können.

Die wenigsten Luxemburger wissen, wie wichtig die Branche bereits ist. „Wir beschäftigen direkt 9000 Menschen an dreißig Fertigungsstellen“, stellt Schockmel fest. ILEA hat zwanzig Mitglieder, von denen keine zwei das gleiche fertigen.

Schwerpunkt Forschung und Entwicklung

Die Produkte reichen von Batteriegehäusen bis hin zu Sensorensystemen. „In einem Auto finden sich heute bis zu hundert Computer. Und das ist vom Preis nicht abgefangen worden. Für das, was sie heute an Technik erhalten, ist es vergleichsweise günstig“, meint Schockmel.

Luxemburger Unternehmen wie Guardian, Goodyear oder Delphi produzieren nicht nur für alle namhaften Hersteller. Sie haben auch große Forschungs- und Entwicklungszentren im Land. „Die Hersteller wälzen die teuere Forschung immer mehr auf die Zulieferer ab“, sagt Schockmel. „Die tragen das Risiko und müssen vorfinanzieren.“

Rund zehn Milliarden Euro betrugen die Investitionen des Automobilsektors europaweit im vergangenen Jahr in Forschung und Entwicklung. Etwa 48 Prozent der Forschungskosten an einem Fahrzeug entfallen auf die Zulieferer, die unter dem Druck ächzen. Selbst Branchengrößen wie Bosch oder Delphi können sich der Überwälzung nicht entziehen.

Laut einer Analyse der deutschen Fraunhofer Gesellschaft könnte das Outsourcing in Zukunft je nach Hersteller zwischen 60 Prozent – bei Renault oder Toyota – und 100 Prozent – bei Audi und Fiat – zunehmen. Laut dem europäischen Zuliefererverband stellen die Zulieferer schon jetzt 75 Prozent eines Fahrzeugs her.

"Unsere Betriebe haben ihr Know-how über Jahre hinweg aufgebaut"

Aber auch Schockmel weiß, dass hier die Zukunft seiner Branche liegt. Von rund 9000 Mitarbeitern der Zuliefererindustrie in Luxemburg arbeiten 2000 in diesem Bereich. „Das Wissen ist in Europa und der Welt ein Vorteil“, bestätigt Schockmel. „Unsere Betriebe haben ihr Know-how über Jahre hinweg aufgebaut, das ist nicht so einfach auslagerbar. Das sind Menschen, die hier leben.“

Bemerkenswert ist, wie stark Europa im Vergleich mit der Konkurrenz aus Asien und den USA bei Innovationen ist. So kamen 2008 mehr als die Hälfte aller Patente weltweit von europäischen Herstellern und Zulieferern (siehe Grafik). Es gibt sogar eigens ein Projekt zwischen ILEA und dem „Centre de Recherche Gabriel Lippmann“.

„Aber mit nur zwei Mitarbeitern ist es seitens des Zentrums sehr schwach besetzt“, bedauert Schockmel. Dabei könnte die Branche Hilfe gut brauchen. „Denn die Unternehmen investieren ohnehin schon zwischen fünf und zehn Prozent des Umsatzes in F&E. Es wäre wünschenswert, dass in der Forschung – beispielsweise in der Verkehrssicherheit und emissionsarmen und -freien Antriebstechnologien – Kernkompetenzen aufgebaut würden, auf denen lokale Zuliefererbetriebe erweiterte Geschäftsfelder aufbauen könnten“, sagt Schockmel.

„Wir haben zwar die Talsohle durchschritten und seit Jahresbeginn geht es bei unseren Mitgliedern bergauf. Aber das muss man relativieren, weil alle 2008 einen Umsatzeinbruch von 30 bis 40 Prozent erlebt haben und 2009 die Zahlen im Keller blieben“, erklärt Schockmel. Bei einigen Zulieferern im Lastwagenbereich war es sogar noch dramatischer.

Zahlen der Neuwagenzulassungen gehen wieder nach oben

Zwar gehen die Zahlen der Neuwagenzulassungen in Luxemburg wieder nach oben und stiegen im ersten Halbjahr 2010 im Vergleich mit dem ersten Halbjahr 2009 um zwölf Prozent an. Aber europaweit liegen sie immer noch weit unter den Vorjahreszahlen (siehe Grafik).

Für Schockmel kommt es erst einmal darauf an, die hohen Einbußen der Krise zu verdauen. Er rechnet nicht mehr – genauso wenig wie andere Experten – mit einem großen Wachstum in Europa: „Das kommt heute aus den BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China.“ Vor allem im Reich der Mitte schätzt man Innovation und schwere Schlitten made in Europe. „Da sind wir als Zulieferer seitens der Hersteller auch schon mal schnell gezwungen, selbst vor Ort in China präsent zu sein“, berichtet Schockmel.

Alle sechs Monate Krisentreff der Zulieferer

Seit der Krise haben sich die ILEA-Mitglieder alle sechs Monate getroffen, um darüber zu reden, wie sie es am besten aus demTunnel schaffen. „Wir haben einen Maßnahmenkatalog aufgestellt“, berichtet Schockmel vom Ergebnis. Er reicht von Kurzarbeit bis zur Kündigungsfrist. Einiges wurde bereits umgesetzt. Die Kurzarbeitsfristen wurden seitens der Regierung beispielsweise verlängert. „Wir sind sehr zufrieden, wie schnell und flexibel das lief“, freut sich Schockmel.

Auch das „Office du Ducroire“ ging auf die Bitte der Zulieferer ein. Eigentlich ist es für Exportversicherungen zuständig, die Länder der Dritten Welt betreffen. „Sie haben das auch auf den Automobilsektor angewendet und die Limits hochgesetzt“, sagt der ILEA-Präsident.

Andere Forderungen werden zur Zeit bearbeitet. So wurde vor rund drei Wochen ein Gesetz zum Arbeitgeberanteil abgestimmt. Einige stehen noch aus. „Beim Index-Ausgleich verweisen wir darauf, dass wir in einer anderen Situation sind, weil unsere Konkurrenten im Ausland sitzen“, unterstreicht Schockmel. Seit 2008 hätten die Indextranchen in Kombination mit dem Kollektivvertrag die Personalkosten um rund fünf bis zehn Prozent in die Höhe getrieben.

„Gleichzeitig mussten wir in diesem Zeitraum den Herstellern Preisnachlässe von drei bis fünf Prozent JÄHRLICH gewähren“, unterstreicht er. Für einen Bäcker beispielsweise sei es einfach, die Lohnmehrkosten auf die Ware umzuschlagen. Er mache einfach die Ware teuerer. „Wir aber können das nicht. Bei uns werden die Preise immer nachverhandelt und gedrückt.“

Index als Standortnachteil?

Schockmel warnt, dass der Index sich zum Standortnachteil wandeln könnte: „Internationale Konzerne haben sehr starke Argumentationsnöte gegenüber der Zentrale im Ausland, wenn hier die Löhne ohne entsprechende Produktivitätsgewinne steigen. Gleichzeitig stehen die einzelnen Werke in einem internen Wettbewerb. Da wird der Index klar als Nachteil gewertet.“

Eine weitere Forderung des Verbands an die Luxemburger Politik betrifft die befristeten Arbeitsverträge. Bislang können sie maximal zwei Mal verlängert werden. Das heißt, nach drei Verträgen ist Schluss. „Unsere Mitglieder würden sie gern öfter verlängern können. Das würde sich auf positiv auf den Arbeitsmarkt auswirken“, glaubt Schockmel.

Bei einer weiteren Forderung geht es um die Insolvenz. Den ILEA-Mitgliedern schwebt eine Regelung nach dem Beispiel des amerikanischen Chapter 11 vor. „Die Idee ist, dass wenn ein Unternehmen unverschuldet in die Krise rutscht, es eine Chance hat, sich daraus wieder zu befreien“, erklärt Schockmel und verweist auf Delphi, das sich in den USA nach harten Jahren wieder in die Gewinnzone brachte.

Einen B2B-Jobmarkt ins Leben rufen

Sein letzter Wunsch ist einer, den sich ILEA selbst erfüllen könnte. „Wir würden gerne mit der Unterstützung der Adem einen B2B-Jobmarkt für die Luxemburger Industrie ins Leben rufen“, verrät Schockmel. Der Bankenverband hat bereits erfolgreich vorgemacht, wie das funktioniert. Vielleicht kann die ILEA das sogar grenzüberschreitend machen. Denn mit der Konkurrenz in der Region sprechen sie gern. „Wir lernen voneinander, es ist interessant, sich auszutauschen“, sagt Schockmel.

Der nächste Treff ist am Tag der Automobilwirtschaft am 29. Oktober in Saarbrücken. Er ist überzeugt: Die ganze Großregion steht vor den gleichen Herausforderungen: Anforderungen im Recycling, Probleme bei den Kreditvergaben, steigende Rohstoffpreise. „Aber der Automobilsektor ist nicht nur hart, sondern bietet auch attraktive und profitable Wachstumsperspektiven“, fasst Schockmel zusammen.