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Dieselgate: Ein schwarzes Jahr für Volkswagen
Bisher ist noch nicht ersichtlich, welche Folgen der Dieselskandal im Verkauf hat.

Dieselgate: Ein schwarzes Jahr für Volkswagen

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Bisher ist noch nicht ersichtlich, welche Folgen der Dieselskandal im Verkauf hat.
Wirtschaft 1 6 Min. 29.12.2015

Dieselgate: Ein schwarzes Jahr für Volkswagen

Erst sorgte ein Machtkampf zwischen Winterkorn und Piëch für Schlagzeilen, dann geriet der Autobauer wegen des Dieselskandals weltweit in die Kritik. Die Marke Volkswagen bröckelt.

(dpa) - Millionen von VW-Kunden bekommen bald Post. Es sind aber keine Grüße zum neuen Jahr. Vielmehr will Volkswagen Ende Januar im „Dieselgate“ eine gigantische Rückrufaktion starten. In den VW-Vertragswerkstätten dürfte es zu einem großen Andrang kommen.

Die Motoren mit manipulierten Werten zum Stickoxid-Ausstoß sollen mit Software-Updates und gegebenenfalls noch einem kleinen weiteren Umbau sauberer werden. Immerhin: für die Kunden soll das Ganze nichts kosten. Ansonsten aber hat VW seinen Kunden, Mitarbeitern und Investoren im vergangenen Jahr ein „Annus horribilis“ beschert - ein schreckliches Jahr.

2015 hat in der VW-Welt alles verändert. Und es brachte ein neues Wort: „Dieselgate“. Der weltweite Abgas-Skandal stürzte VW in die schwerste Krise der Konzerngeschichte.

Erstmals mehr als zehn Millionen Autos verkauft

Dabei fing das Jahr gut an. Im Januar verkündet der Konzern stolz, erstmals die Marke von zehn Millionen verkauften Fahrzeugen geknackt zu haben. Auf zwölf Marken ist das VW-Imperium seit dem Amtsantritt von Vorstandschef Martin Winterkorn 2007 angewachsen, der Konzern hat weltweit mehr als 600.000 Beschäftigte - streng zentralistisch und hierarchisch aus Wolfsburg geführt. Und aus Salzburg, wo der mächtige VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch sein Büro hat. Zumindest bis Ende April hatten damit bei VW zwei Männer das Sagen.

Jetzt am Ende des Jahres haben sie längst ihre Posten verloren. Denn schon lange vor „Dieselgate“ liefert VW der Öffentlichkeit im Frühjahr drei Wochen lang einen beispiellosen Machtkampf in der Führungsspitze. Auslöser sind sechs Worte von VW-Patriarch Piëch: „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“, sagt er am 10. April dem „Spiegel“, und löst damit ein mittleres Erdbeben in Wolfsburg aus.

Der Machtkampf Winterkorn vs. Piëch

Das über Jahre alles bestimmende Führungsduo Winterkorn und Piëch ist damit gespalten. Zu groß sind Piëchs Zweifel an seinem Ziehsohn Winterkorn. Bislang hat „der Alte“ noch jeden Machtkampf für sich entschieden. Dieses Mal aber zieht er den kürzeren. Eine Allianz aus dem Land Niedersachsen und dem bei VW mächtigen Betriebsrat stützt Winterkorn. Und auch sein Cousin Wolfgang Porsche wendet sich von Piëch ab. Hinter den Kulissen fliegen die Fetzen. Dem 78-jährigen Piëch bleibt nur der Rücktritt - das Ende einer Ära.

Volkswagen-Chef Martin Winterkorn verlor in diesem Jahr sein Amt.
Volkswagen-Chef Martin Winterkorn verlor in diesem Jahr sein Amt.
Foto: AFP

Winterkorn sitzt danach fest im Sessel, der Vertrag des 68-Jährigen soll sogar verlängert werden. Der Vorstandschef will den Konzern nun reformieren. Marken und Regionen sollen mehr Verantwortung bekommen. Und VW muss stärker auf die beiden wichtigsten Zukunftstrends setzen: alternative Antriebe und den digitalen Wandel mit immer mehr Internet im Auto.

Winterkorn kämpft um sein Amt - vergeblich

Kurz danach platzt die Bombe. Es ist der 18. September. US-Behörden werfen VW vor, massiv gegen Klimaschutzregeln verstoßen zu haben. Der Autobauer soll mit einer illegalen Software, einem „Defeat Device“, Abgastests manipuliert haben, um die Grenzwerte beim Ausstoß des gesundheitsschädlichen Stickoxids (NOx) einzuhalten. Noch am selben Wochenende gibt Volkswagen die Vorwürfe zu.

Winterkorn kämpft nach dem Platzen der Abgas-Bombe noch um sein Amt, will von allem nichts gewusst haben. In einem Video bittet er um Entschuldigung und verspricht schonungslose Aufklärung. Einen Tag später muss Winterkorn zurücktreten. Der wichtigste VW-Machtzirkel, das Präsidium des Aufsichtsrats, entzieht ihm das Vertrauen. Winterkorn übernimmt die Verantwortung für den Skandal, weist aber darauf hin, dass er sich keines Fehlverhaltens bewusst sei. Seitdem ist Winterkorn öffentlich abgetaucht.

Kein Geschäft der Welt rechtfertigt es, gesetzliche und ethische Grenzen zu überschreiten.

Sein Nachfolger wird Porsche-Chef Matthias Müller - und damit der ursprüngliche Favorit Piëchs im Frühjahr. Zufall? Der 62-jährige Müller muss sich von Beginn an als Krisenmanager bewähren. Schon früher war er als unabhängiger Kopf im Konzern bekannt. „Kein Geschäft der Welt rechtfertigt es, gesetzliche und ethische Grenzen zu überschreiten“, sagt er in einer Rede vor Führungskräften in Wolfsburg. Ein „Kulturwandel“ soll die Zukunft besser machen.

Matthias Müller muss bei Volkswagen aufräumen.
Matthias Müller muss bei Volkswagen aufräumen.
AFP

Volkswagen versinkt immer tiefer im Abgas-Sumpf. In elf Millionen Fahrzeugen weltweit ist die berüchtigte Software eingebaut. Der Aktienkurs geht auf Talfahrt. Nur scheibchenweise rückt VW mit der Wahrheit heraus, weltweit interessieren sich Juristen für die Affäre. Anwälte wittern Geschäfte. Es drohen Milliarden-Strafen.

Mehrere Manager und Ingenieure bei VW, Audi und Porsche werden beurlaubt. Doch die großen Bosse wollen von nichts gewusst haben. „Einige wenige“ hätten das ganze verzapft, heißt es.

Anfang November dann der nächste Tiefschlag: VW teilt mit, auch bei CO2-Angaben falsche Angaben gemacht zu haben. 800.000 Autos sollen mehr klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) absondern als angegeben.

Fünf Wochen später aber die Entwarnung. Nach internen Tests entpuppt sich der CO2-Skandal weitgehend als Fehlalarm. Nun sollen nur noch maximal 36.000 VW mit leicht erhöhten Werten auf den Straßen unterwegs sein.

Audi ebenfalls im Visier

Denn Ende November gerät auch noch die VW-Tochter Audi in den Sog des Skandals. In 3,0-Liter-Motoren in den USA sei eine Software eingebaut, die als „Defeat Device“ eingestuft werde, teilt die US-Umweltbehörde EPA mit.

Fragezeichen gibt es noch viele. Immerhin kann VW technische Lösungen für den europäischen Markt verkünden. Neben einer neuen Software soll bei einigen Aggregaten auch ein neues Kunststoffrohr die Abgase legalisieren. Vieles aber ist weiter unklar. Wer wusste wann von den Manipulationen? Wer hat sie in Auftrag gegeben? Und wie sehr hat die spezielle VW-Kultur zu den Fehlern beigetragen?

Die Ermittlungen gehen weiter, intern und extern. Und das EU-Parlament kündigt kurz vor Weihnachten an, einen Untersuchungsausschuss einzurichten. Dieser soll das gesamte Kontrollsystem in den Mitgliedstaaten unter die Lupe nehmen. Der EU-Kommission wird vorgeworfen, sich nicht für realistische Abgastests auf der Straße eingesetzt zu haben.

Bisher keine massiven Rückgänge im Verkauf

Fest steht: Der Skandal wird teuer für VW, richtig teuer. Branchenschätzungen gehen von einem Schaden von 20 bis 30 Milliarden Euro aus, manche gehen noch darüber hinaus. Existenzbedrohend dürfte das aber nicht sein, VW hat in den fetten Jahren riesige Kapitalreserven zurückgelegt.

Trotzdem stellt Müller alle Investitionen auf den Prüfstand. Große Streichungen kann er bei der Präsentation für 2016 nicht verkünden - die Botschaft aber lautet: VW fährt ab sofort auf Sicht. Nur unverzichtbare Investitionen sollen auf den Weg gebracht werden.

Und wie reagieren die Kunden? Bislang hat es Rückgänge, aber keine massiven Absatzeinbrüche gegeben. Die Rechnung könnte VW aber erst mit Verzögerung präsentiert werden. In vielen Ländern vergehen zwischen Bestellung und Auslieferung Wochen, wenn nicht Monate. Ein Vertrauensentzug der Kunden wäre das Schlimmste für VW. Dann wären die Fabriken nicht mehr ausgelastet, VW hätte zu viel Beschäftigte an Bord und auch 2016 würde ein schlimmes Jahr.

Die Wolfsburger selbst sehen trotz "Dieselgate" gelassen in die Zukunft:



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