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„Die Zeit läuft uns davon“, warnt das Handwerk
Wirtschaft 3 Min. 07.11.2019

„Die Zeit läuft uns davon“, warnt das Handwerk

Elektriker und andere Berufe werden dringend gesucht – der Bedarf wird zunehmen, wenn bald die Pensionierungswelle anrollt.

„Die Zeit läuft uns davon“, warnt das Handwerk

Elektriker und andere Berufe werden dringend gesucht – der Bedarf wird zunehmen, wenn bald die Pensionierungswelle anrollt.
Foto: Shutterstock
Wirtschaft 3 Min. 07.11.2019

„Die Zeit läuft uns davon“, warnt das Handwerk

Marco MENG
Marco MENG
Der Arbeitskräftemangel wird für die immer akuter - Betriebe und Politik sind zum Handeln aufgerufen.

„Das Thema Arbeitskräftemangel“, sagte gestern Tom Oberweis, Präsident der Handwerkskammer, „hat sich über die letzten Jahre verschärft.“ Nur mit qualifiziertem Personal können die Handwerksbetriebe überleben, die zentrale Frage sei: wo finden? 

Der Mangel an Mitarbeitern behindere die Unternehmen. Elektriker beispielsweise finden sie kaum noch. 

Darum hat die Handwerkskammer erstmals eine große Untersuchung zum Personalbedarf im Handwerk durchgeführt. Obwohl 2018 im Handwerk 3.141 neue Stellen geschaffen wurden, ist der Personalbedarf dreimal so hoch

Laut der Umfrage sprechen die Betriebe von rund 9 400 Mitarbeitern, die gebraucht würden. Und in den nächsten Jahren wird das Problem sich noch verschärfen, da Tausende Handwerker in Rente gehen werden. 

An der Umfrage vom Juni diesen Jahres beteiligten sich 779 Unternehmen, die zusammen 25 Prozent der Beschäftigten im Handwerk repräsentieren. Ihnen zufolge sucht die Branche nach Mitarbeitern mit neuen Kompetenzen, um neue Nischen wie Ökotechnologien und Digitalisierung zu erschließen.


21.03.13 Installation nouveaux matériel ,Arcelor Mittal,Esch-Belval,Arbeiter, Handwerker,Schweisser:Foto:Gerry Huberty
"Der Fachkräftemangel ist akut"
Der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern ist für Unternehmen im Handwerk ein Problem - Aber auch der gesamte Wirtschaftsstandort Luxemburg hadert damit.

Zudem stellten Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie vor allem für kleine Handwerksbetriebe ein Problem dar. Sechs von zehn Unternehmern berichten, dass sie mit organisatorischen Schwierigkeiten konfrontiert seien. Die gesetzlichen Modalitäten müssten darum überarbeitet werden; eine Kleinbetriebsregelung solle es diesen ermöglichen, Elternurlaube zu „strecken“. 

Das Handwerk sei nicht gegen „congés parentaux“, sondern betone nur, dass gerade für kleine Betriebe die Umsetzung schwer sei und geradezu existenzgefährdend, wenn mehrere Mitarbeiter gleichzeitig in Elternurlaub gingen, man für sie aber keinen Ersatz fände. 

Personalmangel bremst Betriebe 

Das Handwerk stellt im Land rund ein Viertel aller Arbeitsplätze. Die Aktivitäten der Betriebe werde aber „zunehmend durch den Arbeitskräftemangel beeinträchtigt“, so die Chambre des Métiers.

Auf der Produktionsebene bleibt das DAP (Diploma of Professional Aptitude) die bevorzugte Ausbildung, etwa 26 Prozent der gesuchten Mitarbeiter könnten ungelernt sein. Mehr als die Hälfte des Personalbedarfs besteht im Bausektor, nach Mitarbeiterzahl der größten Handwerksbranche. 

Aber nicht nur Mitarbeiter wie Elektriker werden händeringend gesucht, auch in der Führungsebene der Handwerksunternehmen herrscht ein eklatanter Bedarf an qualifiziertem Personal, zum Beispiel Ingenieuren. Verschärft wird das Problem dadurch, dass einer von vier Mitarbeiter, der einen Handwerksbetrieb verlässt, an den Staat „verlorengeht“. 

Die Betriebe müssten darum Strategien ausarbeiten, Mitarbeiter zu gewinnen und zu behalten, aber auch Luxemburg müsse an seiner Attraktivität arbeiten. Politik zum Handeln aufgefordert Zum einen wird durch den Personalmangel der Wettbewerbsdruck zwischen den Betrieben im Land, größer, aber auch mit jenen jenseits der Grenzen. 

Für 75 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Unternehmen sollte die zukünftige Rekrutierung von Personal in erster Linie über die Nachbarländer erfolgen. 13 Prozent entscheiden sich für Portugal, während osteuropäische Länder (noch) nicht auf dem Radar sind. Angesichts der akuten Natur des Arbeitskräftemangels fordert die Handwerkskammer die Regierung auf, strategische Maßnahmen zur Unterstützung der künftigen Entwicklung des Handwerks zu ergreifen. 

Weichenstellung und Umsetzung sei nötig, denn „die Zeit läuft uns davon“, warnt der Generalsekretär der Chambre des Métiers, Tom Wirion. Es gehe dabei nicht um die ein oder andere Maßnahme, sondern um ein ganzes Maßnahmenpaket, das umgesetzt werden müsse: Das Wohnungsangebot muss verbessert werden. 

Dazu sei eine Reform des Gesetzes von 1979 über Wohnbauförderung nötig, insbesondere „Subventionen für den Bau von Wohnbauprojekten“, die auch auf private Bauherren ausgerichtet sein sollte. Besteuerung und Sozialleistungen müssten attraktiv sein, sonst würden sich viele nicht mehr die Mühe machen, nach Luxemburg arbeiten zu kommen. 

An vielen Schrauben muss da gedreht werden. 

Auch der öffentliche Transport, grenznahe Park&Ride-Parkplätze und Aktivitätszonen in Grenznähe würden gebraucht. Ähnlich wie ein in Deutschland verabschiedeten Gesetz, das dorthin Facharbeiter locken soll, brauche es auch in Luxemburg. Tom Wirion: „An vielen Schrauben muss da gedreht werden.“   

Fest steht für ihn, dass die Digitalisierung zumindest im Handwerk nicht dafür sorgen wird, dass dort der Personalbedarf drastisch sinke. Die Handwerkskammer fordert einen nationalen Beauftragten dazu, denn es bedürfte zur Lösung des Problems eine Politik aus einer Hand. 

„Wir wollen unseren Beitrag leisten”, sagt Wirion, aber auch die Politik sei gefordert, denn es „das Problem betrifft nicht nur das Handwerk, sondern unser ganzes Land.“ Die Studie ist auch den entsprechenden Ministern für Wirtschaft, Arbeit, Erziehung und Europafragen zugestellt worden.


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