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Die Türken bangen um ihr Geld
Wirtschaft 4 Min. 27.04.2021

Die Türken bangen um ihr Geld

Steigende Inflationsraten, der Wertverlust der Lira und wachsende Arbeitslosigkeit verunsichern die Menschen.

Die Türken bangen um ihr Geld

Steigende Inflationsraten, der Wertverlust der Lira und wachsende Arbeitslosigkeit verunsichern die Menschen.
Foto: AFP
Wirtschaft 4 Min. 27.04.2021

Die Türken bangen um ihr Geld

Der harte Corona-Lockdown wirft die angeschlagene türkische Wirtschaft weiter zurück.

Von LW Korrespondent Gerd Höhler

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan führt das Land mit seiner unberechenbaren Wirtschafts- und Finanzpolitik immer tiefer in eine Sackgasse. Steigende Corona-Zahlen erzwingen jetzt den härtesten Lockdown seit Beginn der Pandemie. Erdogan droht der politische Offenbarungseid.

Wo ist Faruk Fatih Özer? 391.000 Türkinnen und Türken wüssten das gern. Noch lieber wüssten sie, was aus ihrem Geld geworden ist. Vor einer Woche verschwand der 27-jährige Gründer und CEO von Thodex, einer Handelsplattform für Kryptowährungen. Jetzt zittern die Nutzer um ihre digitalen Vermögen. Umgerechnet rund zwei Milliarden US-Dollar hatten sie bei Thodex gebunkert. Die Internetseite der Plattform ist abgeschaltet, die Kunden haben keinen Zugriff mehr auf ihr Geld. Özer ist auf der Flucht – vermutlich mit dem Geld seiner Kunden.

Während die Staatsanwaltschaft 62 mutmaßliche Komplizen festgenommen und Özer mit internationalem Haftbefehl zur Fahndung ausgeschrieben hat, erschüttert bereits der nächste Krypto-Schock die Türkei: Auch die Handelsplattform Vebitcoin stellte die Geschäfte ein – wegen „finanzieller Schwierigkeiten“, wie das Unternehmen mitteilte. Vier Personen wurden festgenommen.


Am Montag gerieten die türkische Währung, die Börse in Istanbul und Staatsanleihen des Schwellenlandes massiv unter Druck. Zeitweise verlor die türkische Lira über 15 Prozent an Wert.
Türkische Lira ist wieder auf Talfahrt
In der Türkei haben die Finanzmärkte mit drastischen Kurseinbrüchen auf die überraschende Entlassung des Notenbankchefs des Landes reagiert.

Der Zusammenbruch der beiden Broker illustriert die zunehmend prekäre Wirtschaftslage in der Türkei. Steigende Inflationsraten, der Wertverlust der Lira und wachsende Arbeitslosigkeit verunsichern die Menschen. Manche legten in Geld in digitalen Kryptowährungen an, in der Hoffnung auf schnelle Gewinne. Jetzt müssen sie fürchten, alles zu verlieren.

Für zusätzliche Verunsicherung sorgt die Entwicklung bei der Covid-Pandemie. Das Virus wütet in der Türkei heftiger denn je. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 407, in der Wirtschafts- und Finanzmetropole Istanbul sogar bei 850. Jetzt verordnet Staatschef Recep Tayyip Erdogan dem Land einen totalen Lockdown. Ab Donnerstag müssen praktisch alle Betriebe für zwei Wochen schließen.

Das bedeutet einen schweren Rückschlag für die Wirtschaft. Die Hoffnung auf einen baldigen Neustart des Tourismus schwindet. Im vergangenen Jahr meldete die Türkei zwar trotz der Pandemie ein Plus des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,8 Prozent. Aber das war vor allem den billigen Krediten geschuldet, mit denen die Staatsbanken die Konjunktur zu beleben versuchten. Im vergangenen Jahr lagen die Leitzinsen zeitweilig unter der Inflationsrate.

Mit dem Wachstum auf Pump versucht Erdogan seine Chancen für die spätestens 2023 fällige Präsidentenwahl aufzubessern. Im März feuerte er den Notenbankchef Naci Agbal, nachdem dieser den Leitzins von 17 auf 19 Prozent erhöht hatte. Es war bereits der dritte Wechsel an der Zentralbankspitze seit Mitte 2019. Erdogans zunehmender Einfluss auf die Geldpolitik verunsichert die Finanzmärkte. Die Talfahrt der Lira, die seit 2018 die Hälfte ihres Außenwerts verloren hat, beschleunigt sich. Mitte März bekamen die Türken für 100 Lira 14 Dollar, jetzt sind es nur noch zwölf. Marktbeobachter erwarten, dass sich der Verfall fortsetzt. Erdogan steuere das Land „in eine neue Lira-Krise“, warnt Tatha Ghose, Analyst bei der Commerzbank. Der Devisenexperte rechnet bis zum Ende des dritten Quartals mit einer weiteren Abwertung um rund 15 Prozent.

Der Wirtschaft droht eine Todesspirale

Die schwache Lira verteuert Importe und facht so die Inflation an. Sie stieg im März auf 16,2 Prozent. Die Folgen des Lira-Verfalls spüren auch viele Unternehmen, die in den vergangenen Jahren zinsgünstige Fremdwährungskredite aufnahmen, ihre Erlöse aber in Lira erzielen. Jetzt müssen sie immer mehr Einnahmen aufwenden, um die Darlehen zu bedienen. Die absehbare Folge sind Firmenpleiten und Entlassungen.


„Wir gehorchen nicht“ - Demos am Frauentag in Türkei
Zum Internationalen Frauentag haben in Istanbul Tausende Menschen friedlich für Gleichberechtigung und gegen Gewalt gegen Frauen demonstriert.

Die offizielle Arbeitslosenquote lag im Februar bereits bei 13,4 Prozent. Die tatsächliche Quote sei aber mehr als doppelt so hoch, meint der Ökonom Mustafa Sönmez, weil die Methodik der staatlichen Statistikbehörde viele Arbeitslose gar nicht erfasse. Statt offiziell gezählter vier Millionen gebe es in der Türkei rund zehn Millionen Arbeitslose, veranschlagt Sönmez.

Die steigende Arbeitslosigkeit wird für Erdogan zu einem immer größeren Problem. Sie schmälert seine Aussichten auf eine Wiederwahl gerade in den Großstädten, wo er ohnehin an Unterstützung verliert, wie die Kommunalwahl schon 2019 zeigte.

Auch außenpolitisch spürt Erdogan Gegenwind. Die am vergangenen Wochenende mit den USA aufgebrochene Kontroverse um den Völkermord an den Armeniern beleuchtet das Konfliktpotenzial mit Washington: Wegen Erdogans Rüstungsgeschäften mit Russland und dubiosen Iran-Transaktionen der staatlichen Halk Bank drohen der Türkei Wirtschaftssanktionen der USA. Diese Aussicht verunsichert Anleger und Investoren.

Schon 2018 warnte der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman, der türkischen Wirtschaft drohe eine „Todesspirale“. Die Warnung ist heute aktueller denn je. Setzt sich die Talfahrt der Lira fort, müsste die Regierung früher oder später Zuflucht zu Kapitalkontrollen nehmen. Das würde Investoren und Anleger erst recht in die Flucht schlagen und den Währungsverfall weiter beschleunigen. Am Ende dieser Spirale könnte der Türkei nicht anderes übrig bleiben, als um ein Rettungsprogramm des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu bitten. Es wäre mit strikten Sparauflagen verbunden. Für Erdogan würde das den ökonomischen und politischen Offenbarungseid bedeuten.

Eine brisante politische Dimension


15 Millionen Urlauber besuchten 2019 Antalya an der türkischen Riviera.
Die Türkei hofft auf ein Tourismus-Comeback
Nach der Corona-Flaute 2020 erwarten die türkischen Hoteliers jetzt einen Aufschwung

Aber zunächst richtet sich das Interesse auf Faruk Fatih Özer, den flüchtigen Chef der Kryptobörse Thodex. Die Fahnder vermuten ihn in Albanien. Vielleicht verliert sich dort aber auch nur seine Spur. Die Affäre könnte eine brisante politische Dimension bekommen: In oppositionsnahen Medien tauchen jetzt Fotos auf, die Özer gemeinsam mit Innenminister Süleyman Soylu, Außenminister Mevlüt Cavusoglu und anderen Größen der Regierungspartei AKP zeigen. Inzwischen hat die türkische Zentralbank Zahlungen mit Bitcoin und anderen Kryptowährungen verboten. Für die 391.000 Kunden von Thodex kommt das zu spät. 

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