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Die stählerne Seidenstraße
Wirtschaft 4 Min. 21.06.2019

Die stählerne Seidenstraße

Vielversprechender Start: Erstmals verlässt der Bettemburg-Chengdu China Railway Express am 2. April das Intermodal-Terminal in Bettemburg-Düdelingen.

Die stählerne Seidenstraße

Vielversprechender Start: Erstmals verlässt der Bettemburg-Chengdu China Railway Express am 2. April das Intermodal-Terminal in Bettemburg-Düdelingen.
Foto: Pierre Matgé
Wirtschaft 4 Min. 21.06.2019

Die stählerne Seidenstraße

Der Güterzugverkehr nach China wächst rasant; auch die CFL plant eine regelmäßige Verbindung.

(dpa/pley) - Die chinesische Regierung macht mit ihrem nationalen Prestigeprojekt einer neuen Seidenstraße nach Europa Fortschritte: Der Güterzugverkehr auf dem Landweg von und nach China wächst schnell. Auch Luxemburg will mit dabei sein. Ein „Test-Zug“ fuhr Anfang April vom Intermodal-Terminal in Bettemburg-Düdelingen nach Chengdu, Hauptstadt der Provinz Sichuan. Diese erste Verbindung verlief zufriedenstellend. Noch in diesem Jahr hofft die CDL, eine Direktverbindung zum Reich der Mitte regelmäßig anbieten zu können.

Auf chinesischer Seite konkurrieren mittlerweile Dutzende Firmen um Frachtaufträge. Ein großer Anbieter ist das Unternehmen Yuxinou aus Chongqing, einer zentralchinesischen Metropole mit mehr als 20 Millionen Einwohnern. Yuxinou fing 2011 mit elf Güterzugfahrten an, inzwischen sind es jeweils gut 700 im Jahr von China nach Europa und umgekehrt. Die Fracht: elektronische Bauteile auf dem Hinweg nach Europa, Milchpulver und andere Produkte auf dem Rückweg, sagt Servicemanagerin Xiang Jiaqi. Auch große europäische Unternehmen nutzen mittlerweile den Transportweg über Land. Der Autobauer BMW lässt dreimal wöchentlich Fahrzeugteile per Güterzug nach China transportieren.


Einweihung Zuglinie  - Bettembourg-Chengdu China railway Express - Foto : Pierre Matgé/Luxemburger Wort
Die Seidenstraße beginnt in Bettemburg
Endlich geht es los: Der erste direkte Zug, der Luxemburg mit China verbindet, ist am Donnerstag los gefahren.

Die chinesische Kommunistische Partei (KP) hat sich in ihrer offiziellen Sprachregelung längst vom Begriff „neue Seidenstraße“ verabschiedet, das Projekt heißt seit einiger Zeit Yi Dai Yi Lu – „ein Gürtel, eine Straße“, obwohl das Vorhaben gigantische Züge angenommen hat und weit mehr umfasst als eine Straße. Die Schätzungen der Investitionssummen reichen bis zu dreistelligen Milliardenbeträgen.

Es ist das Lieblingsprojekt von Xi Jinping. Im Herbst 2013 verkündete Chinas Staatspräsident den Aufbau eines „Seidenstraßen-Wirtschaftsgürtels“ und einer „maritimen Seidenstraße des 21. Jahrhunderts“.

Für Güterzüge gibt es mittlerweile drei Hauptrouten: die nördliche führt durch die Mongolei und Russland, die mittlere durch die Wüstenregion Xinjiang im Westen der Volksrepublik und Kasachstan. Auf der Südroute werden die Waggons in Kasachstan über das Kaspische Meer nach Aserbaidschan verschifft, von dort geht es weiter nach Rumänien, in die Ukraine und nach Polen. Nach offiziellen chinesischen Angaben waren über sämtliche Routen bis Ende Februar 50 europäische Städte in 15 Ländern an das Güterzug-Netzwerk angebunden.

Das Projekt ist vor allem umstritten, weil es der Ausdehnung des politischen Einflusses Pekings dient. Die Führung der weltgrößten Diktatur nutzt die Wirtschaft, um ihren Einfluss zu mehren. So blockierte Griechenland 2017 eine gemeinsame europäische Erklärung, mit der die EU chinesische Menschenrechtsverletzungen kritisieren wollte – Griechenlands größter Hafen in Piräus ist seit 2008 unter chinesischer Kontrolle.


Terminal multimodal des CFL à Bettembourg/Dudelange - Photo : Pierre Matgé
CFL-Gruppe baut Netz aus
Die CFL kündigt neue Verbindungen an und baut das Angebot aus: CFL Intermodal, eine Filiale der CFL Multimodal-Gruppe, erweitert ihr Netz. Das hat die luxemburgische Gesellschaft am Freitag mitgeteilt.

Jedes chinesische Kind lernt in der Schule, dass die Kontrolle über Handelswege politische Macht bedeutet: Die KP hält die Erinnerung an die Opiumkriege und die „ungleichen Verträge“ wach, mit denen die europäischen Großmächte im 19. Jahrhundert China gewaltsam zur Öffnung seiner Häfen zwangen. Die Rückkehr zu einstiger nationaler Größe ist ein Hauptziel der chinesischen KP. Was am Ende dabei herauskommt, darüber streiten die Experten. Bringt die neue Seidenstraße gegenseitige Vorteile, so wie Xi Jinping es darstellt? Oder entsteht eine erdrückende Hegemonialmacht, wie es die asiatischen Nachbarn befürchten?

Europa ist misstrauisch

Die europäischen Regierungen sind sich dessen bewusst, dementsprechend klingt zum Beispiel der deutsche Verkehrsminister Andreas Scheuer nicht hundertprozentig begeistert, wenn von der neuen Seidenstraße die Rede ist. „Es geht da um sehr starke nationale Interessen der Chinesen“, sagte der CSU-Politiker kürzlich auf der Münchner Messe Transport Logistic – an der in diesem Jahr 64 chinesische Aussteller teilnahmen, doppelt so viele wie 2017. „Wir nehmen aber alle Wege auf, die mehr Chancen bieten als Einschränkungen.“ Chancen bieten die Züge in der Tat: „Der Transport mit dem Zug ist zwei Wochen schneller als mit dem Schiff und viel günstiger als mit dem Flugzeug“, wirbt Ethan Shu, ein Manager der Spedition Chinatrans International aus Shenzhen im Süden Chinas.

Chinesische Firmen preisen noch andere Vorteile an: politische Stabilität und keine Gefahr durch Piratenangriffe. Doch zumindest in den Wüstenregionen im Westen Chinas verdankt sich die Stabilität der Unterdrückung der dort beheimateten Uiguren, eines den Türken sprachlich und kulturell nah verwandten Volks von etwa zehn Millionen Menschen. Die Repression durch den chinesischen Polizei- und Militärapparat hat sich dort in den vergangenen Jahren massiv verschärft – zeitgleich mit der Seidenstraßeninitiative, für die Xinjiang ein wichtiger Transitkorridor ist. Schätzungen westlicher Menschenrechtsorganisationen zufolge sind mittlerweile etwa ein bis eineinhalb Millionen Uiguren in Lagern interniert, mutmaßlich mehr als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. „Es geht darum, ein ganzes Volk, eine ganze Kultur, zu brechen“, sagte dazu kürzlich die Berliner Chinawissenschaftlerin Kristin Shi-Kupfer.