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Die Erwartungen der Auftraggeber: "Keine Revolution, sondern eine Evolution"
Wirtschaft 4 Min. 29.10.2015

Die Erwartungen der Auftraggeber: "Keine Revolution, sondern eine Evolution"

Wirtschaftsminister Etienne Schneider, Carlo Thelen von der Handelskammer und Nancy Thomas von IMS Luxembourg erwarten sich viel von Jeremy Rifkin.

Die Erwartungen der Auftraggeber: "Keine Revolution, sondern eine Evolution"

Wirtschaftsminister Etienne Schneider, Carlo Thelen von der Handelskammer und Nancy Thomas von IMS Luxembourg erwarten sich viel von Jeremy Rifkin.
Foto: Chris Karaba
Wirtschaft 4 Min. 29.10.2015

Die Erwartungen der Auftraggeber: "Keine Revolution, sondern eine Evolution"

Jeremy Rifkins Vision einer nachhaltigen und vernetzten Wirtschaft klingt nach einer Utopie. Im Interview erklären Etienne Schneider und weitere Akteure, wie sie sich die Umsetzung in Luxemburg vorstellen und welche Vorteile Luxemburg daraus ziehen kann.

Interview: Laurence Bervard und Laurent Schmit

Drei Partner haben Jeremy Rifkin nach Luxemburg geholt: Wirtschaftsminister Etienne Schneider, der Generaldirektor der Handelskammer Carlo Thelen und die Direktorin von IMS Luxembourg (einem Zusammenschluss von Unternehmen, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen). Im Interview erläutern sie die Gründe für diesen Schritt und wie sie sich die Ausarbeitung des Plans und dessen Umsetzung vorstellen.

Was sind die Vorteile für Luxemburg?

Etienne Schneider: „Luxemburg schafft es immer wieder sich früh an sogenannte Megatrends einzustellen und zum Vorreiter zu werden. Dadurch dass Luxemburger Unternehmen früher und stärker etwa auf Energieeffizienz setzen, werden sie zu Marktführer in der Großregion.“

Carlo Thelen: „Das Projekt ist in Luxemburg keine Revolution, sondern eine Evolution. Es wird helfen, neue Nischen im Dienstleistungssektor zu besetzen. Ein wichtiger Faktor sind aber auch die Energiekosten. In Luxemburg sind die Lohnkosten hoch. Um als exportorientierte Wirtschaft wettbewerbsfähig zu sein, müssen die Unternehmen die Energiekosten möglichst gering halten. Zwar ist der Ölpreis heute geringer als in den letzten Jahren, aber in Europa liegt er trotzdem deutlich höher als in den USA. Und der Ölpreis wird auch wieder ansteigen.“

Wie wird die „Revolution“ finanziert?

Etienne Schneider: „Die Finanzierung ist nicht das Hauptthema, weil das Gros bereits gemacht ist. Wir haben die letzten Jahre Milliarden in das IT- und Stromnetz investiert.“ Die Gefahr einer Finanzierungslücke wie beim Rifkin-Projekt im französischen Nord-Pas-de-Calais sieht Schneider nicht. „Wir haben die gesamten Investitionsmittel des Staates zur Verfügung. In der Regierung herrscht Einigkeit, sich die nötigen Mittel zu geben, um die Vision zusammen mit der Privatwirtschaft umzusetzen. Als alleiniger bzw. hauptsächlicher Aktionär bei der Post und Enovos kann der Staat außerdem die Investitionen in die Infrastruktur vorantreiben.“

In der Regierung herrscht Einigkeit, sich die nötigen Mittel zu geben, um die Vision zusammen mit der Privatwirtschaft umzusetzen.

Carlo Thelen: „Die Unternehmen können von zahlreichen staatlichen Beihilfen profitieren, wenn sie etwa in Energieeffizienz investieren.“

Widerspricht das hohe Luxemburger Wirtschaftswachstum Rifkins Vision einer nachhaltigen Wirtschaft?

Etienne Schneider: „Um unser Sozialsystem zu finanzieren, brauchen wir ein Wachstum von etwa vier Prozent. Ich habe keine Zweifel, dass uns das auch in Zukunft gelingt. Es darum geht, Vorreiter zu sein und so ein Wettbewerbsvorteil zu haben gegenüber anderen Ländern, welche die Trends der Vernetzung und Energieeffizienz nicht so schnell umsetzen können.“

Wir können wachsen und produktiv sein und trotzdem sparsam im Ressourcen- und Energieverbrauch sein.

Carlo Thelen: „Ein hohes Wachstum und eine steigende Produktivität sind der Kern des Luxemburger Modells. Wir können wachsen und produktiv sein und trotzdem sparsam im Ressourcen- und Energieverbrauch sein.“

Wie läuft das Projekt ab?

Carlo Thelen: „Bis Ende des Jahres sammeln wir Daten und bestehende Analysen. Anfang 2016 beginnt die partizipative Phase mit Arbeitsgruppen und Seminaren, wo zusammen mit Rifkins Teams die Luxemburger Besonderheiten diskutiert werden. Das ist notwendig, weil Rifkin Luxemburg nicht einfach sein Modell überstülpen kann.“

Rifkin kann Luxemburg nicht einfach sein Modell überstülpen.

Nancy Thomas: „Im September 2016 wollen wir konkrete Projekte vorstellen. Im Austausch mit unseren Mitgliedern entwickeln wir bereits Projekte – unter anderem im IT-Bereich und in der Logistik. Wir sind aber sehr offen für alle Akteure, die sich am Prozess beteiligen wollen. Wir erfassen gerade die bestehenden Initiativen in den Bereichen der Kreislaufwirtschaft, der „shared economy“ und der Mobilität. Wir wollen zeigen, dass es eine Dynamik in Luxemburg gibt und wollen die Projekte sichtbar machen.“


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