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Die DWS im Greenwashing-Strudel
Wirtschaft 6 Min. 23.11.2021
"Alle hassen dich"

Die DWS im Greenwashing-Strudel

Es ist nicht alles grün, was glänzt: Viele ESG-Anlagen halten nicht das, was sie versprechen.
"Alle hassen dich"

Die DWS im Greenwashing-Strudel

Es ist nicht alles grün, was glänzt: Viele ESG-Anlagen halten nicht das, was sie versprechen.
Foto: Shutterstock
Wirtschaft 6 Min. 23.11.2021
"Alle hassen dich"

Die DWS im Greenwashing-Strudel

Der Deutsche-Bank-Tochter wird Etikettenschwindel vorgeworfen. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt das schmutzige Geschäft mit grünem Geld.

(Bloomberg) - Anfang des Jahres konnte Asoka Wöhrmann noch ziemlich zufrieden sein. Der Chef der Vermögensverwaltungssparte der Deutsche Bank AG hatte sein Unternehmen auf die steigende Nachfrage nach ESG-Themen eingestellt und versprochen, „Nachhaltigkeit zum Kern unseres Handelns“ zu machen. Die Kundengelder flossen in Strömen und der Aktienkurs der DWS Group GmbH & Co KGaA schoss in die Höhe. Die Jagd nach großen Übernahmen war eröffnet. Doch hinter den Kulissen begann der grüne Anstrich bereits abzublättern.

 „Alle hassen dich“

In einer Telefonkonferenz im Februar warnte Stefan Kreuzkamp, Chief Investment Officer der DWS, vor weit verbreiteten internen Zweifeln an „ökologischen, sozialen und Governance“-Investitionen. Große Teile des mittleren Managements zeigten wenig Engagement, beklagte er. Nachhaltigkeitschefin Desiree Fixler äußerte ähnliche Bedenken, was Wöhrmann zu der wütenden Bemerkung veranlasste: „Alle hassen dich“, wie Fixler später in einer E-Mail an den DWS-Aufsichtsratschef berichtete.


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Was folgte, ist inzwischen wohlbekannt: Fixlers Entlassung im März, ihr Wiederauftauchen als Whistleblowerin und die Ermittlungen eines Dreigestirns aus US-Justizministerium, US-Börsenaufsicht SEC und Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, die alle Fixlers Behauptung nachgehen, dass die DWS ihre ESG-Kompetenzen zu rosig darstelle. 

Wöhrmanns Zukunft dürfte davon abhängen, wie diese Ermittlungen ausgehen. Auch für Deutsche Bank und DWS steht viel auf dem Spiel: Unter Fondsmanagern herrscht in Sachen ESG Goldgräberstimmung, Märkte werden abgesteckt. Zu diesem Zeitpunkt einen Reputationsverlust zu erleiden, wäre katastrophal.

Nichts falsch gemacht  

Die DWS beteuert immer wieder, dass sie nichts falsch gemacht habe. Finanzchefin Claire Peel sagte kürzlich in einem Interview mit Bloomberg News, dass das Management die Anschuldigungen zurückweise. Nach wie vor fließt Geld in die Fonds des Unternehmens, woraus man schließen kann, dass sich die Kunden von der Aufregung weniger beeindrucken lassen.

Aber Gespräche mit mehr als einem Dutzend involvierten Personen, einschließlich aktueller und ehemaliger Mitarbeiter von Deutsche Bank und DWS zeigen, dass nicht nur Fixler unbequeme Fragen zu ESG stellte. Schon vor mindestens einem Jahr wurden intern Bedenken hinsichtlich des grünen Engagements der DWS-Mitarbeiter geäußert. Morningstar, ein Ratingunternehmen für Investmentfonds, sprach Ende 2020 mit mehreren DWS-Fondsmanagern und zeigte sich nicht überzeugt von der Ernsthaftigkeit in Bezug auf ESG, berichten mit der Situation vertraute Personen.


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Abgesehen von Fixler wollten alle Personen, die für diesen Artikel interviewt wurden, anonym bleiben.

Wechselnde Geschicke

Die Fortüne von Wöhrmann, ein enger Vertrauter von Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing, hat sich rasch gedreht. Die Missgeschicke der DWS haben das Management verärgert. Der DWS-Chef könne sich keinen weiteren Fehltritt leisten, heißt es aus dem Umfeld des Geldhauses. Die Ablöse droht ihm allerdings derzeit wohl nicht, da die Führungsriege der Deutschen Bank die Anschuldigungen nicht für stichhaltig hält – und die steigenden Erträge der DWS zu schätzen weiß.

Wöhrmann war 2018, kurz nach dem mehr schlecht als recht abgelaufenen Börsengang des Fondsmanagers, an die Spitze der DWS gesetzt worden. Sewing brauchte einen Manager an der Spitze, der eine überzeugende Wachstumsstory entwickeln konnte. Wöhrmann war bis 2015 CIO der DWS gewesen, bevor Sewing ihn als Leiter des deutschen Privatkundengeschäfts zur Deutschen Bank holte, wo er auf Wohlgefallen stieß. Er schien die perfekte Wahl zu sein.


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Zurück bei der DWS konnte Wöhrmann die zu der Zeit massiven Abflüsse schnell eindämmen und die Moral verbessern. Die Aktionäre reagierten positiv, und die DWS, die immer noch zu 80 Prozent der Deutschen Bank gehört, wurde zu einer Quelle der Stabilität für Sewing während seines eigenen Turnaround-Jobs bei der Mutterbank. Die Dinge liefen so gut, dass die DWS grünes Licht für „transformative“ Zukäufe erhielt. Die Branche konsolidiert sich und Sewing möchte, dass die DWS eher Jäger als Beute ist.

ESG taucht jetzt überall auf

Als Teil seiner Umstrukturierung erkannte Wöhrmann ESG als entscheidendes Thema an. Im Jahresbericht 2018 wurde ESG 15 Mal erwähnt, im Jahr darauf bereits 65 Mal. 2020 waren es bereits 712 Erwähnungen. Im selben Jahr machten ESG-Produkte 30 % der Nettomittelzuflüsse der DWS aus, und das verwaltete ESG-Vermögen wuchs um ein Drittel.

Intern war jedoch nicht jeder von der grünen Ausrichtung überzeugt. Nach Gesprächen mit DWS-Fondsmanagern Ende letzten Jahres bewertete Morningstar die Firma mit einer „einfachen“ ESG-Note – in der unteren Hälfte des Rankings -, unter anderem aufgrund eines Gesprächs mit einem wichtigen Portfoliomanager, der ESG ablehnend gegenüberstand. Die böse Überraschung für die DWS löste eine interne Debatte aus.


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„Die DWS war nicht unter den Ersten, die sich der ESG-Party angeschlossen haben, und sie hat vielleicht einige öffentliche Erklärungen abgegeben, die die Realität ausgeschmückt haben“, sagt Hortense Bioy, Global Director Sustainability Research bei Morningstar. „Aber die DWS ist nicht allein damit, und bis vor Kurzem gab es bei allen großen Fondsgesellschaften Portfoliomanager, die ESG-Überlegungen nur zögerlich aufnahmen oder sie sogar ablehnten.“

Im Visier der Aufsichtsbehörden

Ob allein oder nicht, Fixlers Anschuldigungen haben die DWS direkt ins Visier der Aufsichtsbehörden gebracht. Die ehemalige Nachhaltigkeitsbeauftragte, die Wöhrmann nach nur sechs Monaten herauswarf, behauptet, dass der ESG-Integrationsprozess des Unternehmens – ein Verfahren zur Prüfung von Investitionen – auf den unteren Management-Ebenen ignoriert wurde.

Sie stellt auch das offizielle Screening-Tool des Unternehmens, die DWS ESG Engine, infrage. Die DWS sagt, dass die riesige Datenmenge der Engine es allen Investmentmanagern und Analysten ermöglicht, ESG-Risiken jederzeit zu überprüfen. Fixler hält dagegen, die Daten seien zu rückwärtsgewandt. Daher sei das ESG-Integrationslabel, mit dem Anlageprodukte gekennzeichnet werden, nicht zuverlässig.

Grüne Propaganda?

Am 12. März, dem Tag nach Fixlers Entlassung, veröffentlichte die DWS ihre Geschäftszahlen für 2020 und bezeichnete etwa die Hälfte ihres verwalteten Vermögens als „ESG-integriert“. Für Fixler handelt es sich bei den Zahlen um „Propaganda“.


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DWS hat angedeutet, dass Fixler entlassen wurde, weil sie ihren Auftrag, die DWS zu einem führenden Unternehmen im Bereich des verantwortungsvollen Investierens zu machen, nicht erfüllt hat. „Der Vorstand hat sich auf den Standpunkt gestellt, dass das Unternehmen in diesem Bereich noch mehr Zugkraft gewinnen muss“, heißt es in einem Memo vom März über die Entlassung. Fixler, die aus New York stammt, hat ihre Ansprüche bei den zuständigen Behörden geltend gemacht und die DWS wegen ungerechtfertigter Entlassung verklagt.

Laut Peel hat sich die DWS in letzter Zeit darauf konzentriert, mit Kunden zu sprechen, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Den Daten nach zu urteilen, tragen diese Gespräche Früchte. Letzten Monat meldete die DWS einen sprunghaften Anstieg der Neukundengelder. Die Vorwürfe des Greenwashing hätten „keine wesentlichen Auswirkungen“ auf das Geschäft gehabt, sagte Peel auf einer kürzlich abgehaltenen Telefonkonferenz. Aktienanalysten äußern sich wieder positiv.


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Doch einige Anleger sind noch nicht überzeugt. Der Aktienkurs hat sich noch immer nicht von seinem Einbruch im August erholt und liegt mehr als 10 Prozent unter dem Wert, den er vor Bekanntwerden der Ermittlungen hatte. In einer Branche, in der die größten Unternehmen auf der Suche nach lukrativen Übernahmezielen sind, ist die relative Stärke des Marktwerts von Bedeutung.

Bei der DWS besteht die Strategie nun darin, die Kontroverse auszusitzen, wobei sich Wöhrmann weitgehend aus dem Rampenlicht heraushält. Alles hängt davon ab, ob das Justizministerium, die SEC und die BaFin zu dem Schluss kommen, dass es einen Fall zu klären gibt.

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